2025 waren der aktuellen Ärztestatistik zufolge in der Schweiz insgesamt 44.612 Ärztinnen und Ärzte berufstätig. Das sind 2.010 bzw. 5 % mehr als im Vorjahr. Mehr als die Hälfte davon (55,1 %) ist im Praxissektor tätig, 43,3 % in Kliniken sowie 1,6 % in anderen Bereichen. Die steigenden Arztzahlen können den wachsenden Versorgungsbedarf einer alternden Gesellschaft nicht ausgleichen. Mit der bevorstehenden Pensionierung geburtenstarker Jahrgänge wächst der Druck auf das Schweizer Gesundheitssystem. Bereits jede vierte Ärztin und jeder vierte Arzt in der Schweiz ist 60 Jahre oder älter. Gleichzeitig bleibt die Schweiz massiv auf medizinische Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Das geht aus der aktuellen FMH-Ärztestatistik 2025 hervor.
Schweizer Ärztestatistik 2025
Pensionierungswelle rollt heran
Die aktuelle Schweizer Ärztestatistik für das Jahr 2025 ist erschienen. Diese zeigt: die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz ist im Vergleich zum Vorjahr zwar weiter angestiegen, kann aber längst nicht mit der demographischen Entwicklung und dem steigenden Bedarf an medizinischen Leistungen Schritt halten.
27.05.2026Lesedauer: ca. 6 MinutenRedaktion: Marc Fröhling
Der Seelalpsee in der Schweiz. Nicht ganz so idyllisch sieht es in der Schweizer Ärztelandschaft aus – hier steht die Pensionierungswelle bevor.
Mehr Ärztinnen und Ärzte pro Kopf – doch die Versorgung bleibt angespannt
Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass die Zahl der Einwohner pro berufstätiger Ärztin oder berufstätigem Arzt von 226 im Jahr 2018 auf 205 im Jahr 2025 gesunken ist. Auch im Praxissektor hat sich die Dichte verbessert: Dort sank die Zahl der Einwohner pro Arzt von 439 auf 371 im selben Zeitraum.
Dass mehr Ärztinnen und Ärzte jedoch nicht automatisch eine größere Versorgungskapazität bedeuten, untermauern auch die aktuellen Zahlen aus Deutschland: laut der aktuellen Ärztestatistik der Bundesärztekammer gab es auch dort noch nie so viele Ärztinnen und Ärzte pro Einwohner. Auf einen berufstätigen Arzt kamen dort im Durchschnitt 188 Einwohner. Jedoch herrscht auch in Deutschland durch strukturelle Probleme, einer veränderten Arbeitsrealität und einer alternden Ärzteschaft ein Mangel.
Das Durchschnittsalter der in der Schweiz tätigen Ärztinnen und Ärzte beträgt aktuell 50 Jahre. 25 % der Kolleginnen sind jedoch bereits 60 Jahre alt oder älter und stehen damit vor dem Eintritt in den Ruhestand. Eine ähnliche Situation herrscht auch in Deutschland: laut der aktuellen Statistik der Bundesärztekammer sind in Deutschland aktuell 23,4 % der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte 60 Jahre alt und älter.
Damit rückt auch in der Schweiz eine große Pensionierungswelle näher. Zudem hat sich die Arbeitsrealität verändert. Im Schnitt arbeitet die Ärzteschaft heute rund 43 Stunden pro Woche – vor zehn Jahren waren es noch 46 Stunden pro Woche. Dies sind drei Stunden mehr als die Kolleginnen und Kollegen in Deutschland: Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes leisteten die Ärztinnen und Ärzte dort im Durchschnitt 40,3 Wochenarbeitsstunden. Gleichzeitig ist die Generation der geburtenstarken Jahrgänge in einem Lebensabschnitt angelangt, in dem der medizinische und pflegerische Bedarf zunimmt.
Der Frauenanteil in der Schweizer Ärzteschaft beträgt laut der aktuellen Statistik 48 % und ist damit etwas geringer als in Deutschland (50,1 %). Auffällig ist: Zwar beträgt der Frauenanteil bei den Assistenzärztinnen und -ärzten in der Schweiz rund 60 %, bei den Chefärztinnen und Chefärzten ist jedoch nur rund jede fünfte Position von einer Frau besetzt.2 Neben der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf nennt die Schweizer Ärztestatistik intransparente Beförderungsprozesse und strukturelle Probleme als große Hürden.3
Besonders ausgeprägt ist der Frauenanteil dagegen in der Gynäkologie und Geburtshilfe (72 %), der Kinder- und Jugendmedizin (70 %) sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie (68 %).4
Starke Abhängigkeit vom Ausland
Die Schweiz ist nach wie vor weit davon entfernt, ihren ärztlichen Nachwuchsbedarf aus eigener Kraft zu decken. Der Engpass entsteht, weil in der Schweiz insgesamt zu wenige Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden. Dadurch bleibt das Gesundheitssystem strukturell auf Zuzug aus dem Ausland angewiesen. Der Anteil der ausländischen Ärztinnen und Ärzte ist abermals gestiegen. 43 % der in der Schweiz berufstätigen Ärztinnen und Ärzte haben ihr Medizinstudium im Ausland absolviert. Von den 1.132 Ärztinnen und Ärzten, die 2025 einen eidgenössischen Facharzttitel erworben haben, weisen 52 % ein ausländisches Ärztediplom aus. Zusätzlich wurden 1.533 ausländische Facharzttitel anerkannt.
Somit liegt der Anteil ausländischer Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz mit 43 % deutlich über dem OECD-Durchschnitt (20 %). In Deutschland beträgt der Anteil ausländischer Kolleginnen und Kollegen laut der aktuellen Statistik 16 %.
Die Fachrichtungen mit den größten Ausländeranteilen sind Praktische Ärztin/Praktischer Arzt mit 80 %, gefolgt von der Radio-Onkologie (67 %) sowie Herz- und thorakale Gefäßchirurgie (63 %).2 Derzeit besonders stark nachgefragt werden Ärztinnen und Ärzte aus der Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendmedizin, Psychiatrie, Gynäkologie und Inneren Medizin.
Hürden für ausländische Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz
Die meisten ausländischen Ärztinnen und Ärzte stammen dabei aus Deutschland – die Schweiz lockt schließlich mit höheren Nettogehältern und besseren Personalschlüsseln. Oft unterschätzt sind dabei jedoch formale Besonderheiten, wenn ein beruflicher Wechsel in die Schweiz in Erwägung gezogen wird. Darüber hat coliquio mit Dr. Thomas Wendel gesprochen, dessen Agentur seit vielen Jahren auf die Vermittlung von Ärztinnen und Ärzten in die Schweiz spezialisiert ist.
Beide Seiten kennt auch Dr. med. Laura Cabrera Mendoza. Sie schloss ihr Medizinstudium in Freiburg im Breisgau ab und ist inzwischen als Weiterbildungsassistentin in der Orthopädie und Unfallchirurgie in Zürich tätig. Im Interview berichtet sie unter anderem über praktische Hürden, kantonale Besonderheiten, die Lebensqualität in der Schweiz sowie typische Fehler, die Neuankömmlinge vermeiden sollten.
Grundversorgung besonders unter Druck
Insgesamt ist die bereits eingangs thematisierte Arztdichte mit 4,2 Vollzeitäquivalenten pro 1.000 Einwohner mit der in den Nachbarländern vergleichbar. Allerdings weist die niedrige Grundversorgerdichte von 0,9 Vollzeitäquivalenten je 1.000 Einwohner auf die angespannte Versorgungssituation hin. Ein Drittel der hausärztlichen Praxen können keine neuen Patientinnen und Patienten mehr annehmen (International Health Policy Survey 2025). Das Grundproblem ist nicht fehlendes Interesse an der Tätigkeit in der Grundversorgung: Ärztinnen und Ärzte, die ihre Facharztweiterbildung in der Schweiz absolvieren, entscheiden sich ähnlich häufig für Grundversorgerdisziplinen (rund 40 %) – diese Präferenz ist stabil. Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland sind überproportional in Spezialdisziplinen weitergebildet und arbeiten seltener in der Grundversorgung. Ohne ausländische Spezialistinnen und Spezialisten entstünde auch in den Spezialdisziplinen ein massiver Mangel. Ein Facharzt aus der Schweiz fasst die Entwicklung kritisch zusammen:
Die FMH-Ärztestatistik 2025 zeigt erneut: Die Schweiz hat nicht einfach ein Mengen-, sondern vor allem ein Strukturproblem in der ärztlichen Versorgung. Trotz steigender Ärztinnen- und Ärztezahlen bleibt die Grundversorgung mit 0,9 Vollzeitäquivalenten pro 1.000 Einwohner angespannt. Gleichzeitig ist die Abhängigkeit von im Ausland ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten mit 43 Prozent weiter gestiegen. Ohne mehr inländische Studien- und Weiterbildungsplätze, weniger Bürokratie und attraktivere Arbeitsbedingungen wird sich der Versorgungsdruck weiter verschärfen.
Fabian Kraxner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Windisch/Brugg, Schweiz
Welche Lösungen diskutiert werden
Die Daten verdeutlichen das Kernproblem: Die Schweiz hat nicht genügend ärztliche Fachkräfte und bildet zu wenig aus. Der hohe Kostendruck und das immense Ausmaß an Bürokratie lassen im Alltag immer weniger Zeit für die eigentliche Arbeit am Patienten. Um gegenzusteuern, rücken vor allem drei Hebel in den Fokus:
• Ausbau universitärer Kapazitäten: Mehr Studienplätze in Humanmedizin sind dringend nötig. Allerdings greift diese Maßnahme aufgrund der langen Ausbildungsdauer erst mit einer Verzögerung von rund zwölf Jahren spürbar in der Versorgung.
• Mehr Aus- und Weiterbildungsplätze: Angesichts der zunehmenden Ambulantisierung müssen gezielt mehr Aus- und Weiterbildungsplätze im praxisambulanten Setting geschaffen werden.
• Attraktivere Rahmenbedingungen: Es braucht eine spürbare administrative Entlastung, flexiblere und lebensphasengerechte Arbeitszeitmodelle sowie eine Digitalisierung, die den Praxisalltag effektiv erleichtert statt erschwert.