Anerkennung der Approbation: Der lange Weg zur MEBEKO
Wer in der Schweiz einen medizinischen Beruf ausüben möchte, muss sich formal an die Medizinalberufekommission (MEBEKO) wenden. Die Anerkennung ausländischer Diplome in Fächern wie Human- und Zahnmedizin ist eine essenzielle Voraussetzung für die Erteilung der Berufszulassung.
Herr Dr. Wendel, wie lange dauert der „MEBEKO-Anerkennungsprozess“ in der Schweiz aktuell?
Die Bearbeitungszeit für die sogenannte „MEBEKO“-Anerkennung durch das Schweizerische Bundesamt für Gesundheit (BAG) kann derzeit bis zu sechs Monate in Anspruch nehmen. Die Kosten sind ebenfalls nicht zu vernachlässigen: Wir sprechen von circa 1000 CHF pro Urkunde, also insgesamt etwa 2000 CHF für das Studium und den Facharzttitel.
Ein häufig übersehener Aspekt ist die Zeit, die benötigt wird, um alle Dokumente erst überhaupt beisammenzuhaben. Diese müssen nämlich teilweise bei den deutschen Behörden und Kammern beantragt werden, was erfahrungsgemäß viel Zeit in Anspruch nimmt. Erst nach Eingang der vollständigen Unterlagen beim BAG beginnt die eigentliche Bearbeitungszeit von sechs Monaten.
Welchen Einfluss hat diese lange Bearbeitungsdauer auf den Bewerbungsprozess?
Die langen Bearbeitungszeiten stellen inzwischen ein echtes Hindernis dar. Nur wenige Arbeitgeber sind bereit, eine ungewisse Zeit auf den neuen Arzt oder die neue Ärztin zu warten. Daher lautet mein Tipp: Eine bereits vorliegende „MEBEKO“-Anerkennung oder zumindest die bereits erfolgte Beantragung der Anerkennung erhöhen die Chancen bei der Bewerbung erheblich.
Welche Voraussetzungen sind für die Anerkennung von Studium und Facharzttitel notwendig?
Die direkte Anerkennung setzt einen Abschluss in einem EWR-Land (EU + Norwegen, Liechtenstein, Island) voraus. Es gibt aber auch den Weg der indirekten Anerkennung für Ärztinnen und Ärzte mit einem Studium aus einem Drittland: Wurde deren Ausbildung in einem EU-Land anerkannt und waren sie dort mehr als drei Jahre ärztlich tätig, können sie in der Schweiz unmittelbar wie ein EU-Absolvent bzw. eine EU-Absolventin anerkannt werden.
Gibt es Besonderheiten bei den Sprachkenntnissen?
Für die „MEBEKO“ wird ein allgemeines B2-Sprachdiplom benötigt. Allerdings fordern fast alle Arbeitgeber ein C1-Niveau. Bei einer mehr als dreijährigen Tätigkeit in einem deutschsprachigen Land entfallen die formalen Nachweise, die Arbeitgeber sowie Kantone für die lokale Zulassung jedoch weiterhin verlangen könnten.
Demnach wird Deutschland zu einem wichtigen „Eingangstor“ für Nicht-EU-Ärzte, die in die Schweiz wollen?
Exakt. Ein Arzt mit einem Studium aus einem Drittland kann in Deutschland die Approbation erlangen, hier die Facharztausbildung abschließen und anschließend mit der Kombination „drei Jahre Deutschland + EU-Facharzttitel“ in die Schweiz wechseln.
Worauf müssen Ärztinnen und Ärzte bei der Bewerbung auf eine freie Stelle besonders achten?
Der Bewerbungsprozess in der Schweiz unterscheidet sich von dem in Deutschland. Es wird extrem viel Wert auf eine vollständige Bewerbungsmappe (Dossier) gelegt. Diese muss neben dem Lebenslauf und dem Anschreiben vollständige Ausbildungs- und vor allem Arbeitszeugnisse beinhalten. Ein unvollständiges Dossier kann selbst bei guter Qualifikation zur Ablehnung führen – die Schweiz ist diesbezüglich sehr formal.
Wichtig ist auch die Strategie bei der Jobsuche. Entscheiden Sie sich für den Weg mit professioneller Hilfe, dann beauftragen Sie nur eine einzige Personalvermittlung und stellen Sie eigene Bemühungen ein. Schweizer Arbeitgeber sehen es als negativ an, wenn sie eine Bewerbung aus mehreren Quellen erhalten. Auch dies kann zur Ablehnung führen.
Gehalt und Netto-Vorteil: Wann sich der Wechsel wirklich lohnt
Wie beurteilen Sie die aktuelle Lohnsituation in der Schweiz?
Der Gehaltsunterschied zu sehr gut bezahlten Oberärztinnen und -ärzten in Deutschland erscheint nicht mehr so groß. Der entscheidende Faktor sind die Steuern und Abgaben. Diese sind in den deutschsprachigen Kantonen wesentlich niedriger als in Deutschland, wodurch das Nettoeinkommen erheblich höher ausfällt. Das macht am Ende den Unterschied.
Eine auf Erfahrungswerten basierende Gehaltsübersicht finden Sie hier >>Welche Faktoren beeinflussen das Gehalt maßgeblich?
Die Fachrichtung spielt eine größere Rolle als in Deutschland, wo die Gehälter durch Tarifverträge nivelliert sind – ähnlich wie bei außertariflichen Oberärzten oder im niedergelassenen Bereich in Deutschland. Die Unterschiede sind jedoch nicht eklatant. Gut honoriert wird vor allem die Erfahrung, im stationären wie auch im ambulanten Bereich.
Der wichtigste Faktor ist jedoch die Funktionsstufe: Im stationären Bereich ist der Gehaltssprung vom „Oberarzt“ zum „Leitenden Arzt“ erheblich.
Lohnt sich der Wechsel finanziell überhaupt, wenn man die hohen Lebenshaltungskosten in der Schweiz berücksichtigt?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Lebenshaltungskosten sind wahrscheinlich der wichtigste finanzielle Entscheidungsfaktor, weshalb der Wechsel exakt durchgerechnet werden muss. Tendenziell lohnt er sich für Singles. Bei Familien muss genau abgewogen werden, da es stark von den Lebensumständen abhängt – und auch davon, ob der Partner einen Job findet.
Welche Kostenpunkte sind für Familien besonders relevant?
Miete: Die Mieten schwanken stark. Die Ostschweiz (zum Beispiel der Kanton St. Gallen) ist tendenziell am preiswertesten, die Mieten ähneln denen in gehobenen Gegenden in Deutschland, wie Oberbayern. Am teuersten ist Zürich, wo Neuvermietungen von 50 CHF pro Quadratmeter aufwärts keine Seltenheit sind.
Kita: Ein weiterer großer Kostenfaktor sind die Kita-Gebühren. Die Schweiz ist hier weltweiter Spitzenreiter. Beiträge im vierstelligen Bereich pro Monat für Kinder unter vier Jahren sind üblich. Ab vier Jahren ist der Besuch der Vorschule allerdings Pflicht und in vielen Orten kostenlos.
Sonstige Ausgaben: Auch die Ausgaben für Nahrungsmittel und sonstige Dinge sind recht hoch. Hier ist allerdings zu beachten, dass die Schweiz eine sehr niedrige Inflationsrate hat und die Lebensmittelinflation in den letzten Monaten sogar negativ war. Die Preisdifferenz zu Deutschland wird daher tendenziell immer geringer.
Gefragte Fachrichtungen und regionale Unterschiede
Welche Fachrichtungen sind in der Schweiz aktuell besonders gefragt?
Mit weitem Abstand werden gesucht:
- Hausärzte
- Pädiater
- Psychiater sowie Kinder- und Jugendpsychiater
- Gynäkologen
- Internisten (mit Ausnahme der Kardiologie, hier ist der Bedarf mittelmäßig)
Wenig gefragt sind chirurgische Fächer, Kardiologen und exotische Fächer wie Pathologie oder Labormedizin.
In welchen Kantonen ist der Bedarf am größten?
Grundsätzlich besteht in der gesamten Deutschschweiz Bedarf. Beliebter sind die grenznahen Regionen, insbesondere die Umgebung von Basel, der Bodensee und der Großraum Zürich. Dadurch gibt es dort mehr Bewerber und Konkurrenz um die Stellen.
Wie ist die Infrastruktur in ländlichen Gebieten?
Die ländliche Infrastruktur in der Schweiz ist exzellent ausgebaut. Der ÖPNV ist dicht, gut getaktet und das Bahnnetz vollständig elektrifiziert. Lediglich das Wallis ist geografisch abgelegen. Graubünden liegt zwar auch abseits, bietet aber aufgrund des „High-End-Tourismus“ einige sehr interessante und gut dotierte Arbeitsmöglichkeiten für Ärztinnen und Ärzte.
Work-Life-Balance und Bewerbungsstrategie
Wie unterscheidet sich die Arbeitsbelastung in Schweizer Kliniken?
Generell wird in der Schweiz zwar länger, aber dafür nicht so „verbissen“ gearbeitet wie in Deutschland. Der Workload in Krankenhäusern ist im Durchschnitt geringer, da die Personalschlüssel vorteilhafter sind und die Fallzahlen pro Zeiteinheit niedriger angesetzt sind. Das Leben ist planbarer, da Ausfälle seltener sind und Dienstpläne nur selten umgestellt werden müssen. Auch im ambulanten Bereich ist die Patiententaktung geringer.
Welche langfristigen Karrierechancen bieten sich deutschen Ärztinnen und Ärzten?
Die Aufstiegs- und Fortbildungschancen sind sehr gut. Die Bereitschaft zur Weiterbildung und zum Erwerb formaler Diplome und Zertifikate wird gerne gesehen und honoriert. Deutsche Ärztinnen und Ärzte können ein reguläres Curriculum durchlaufen und wie ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen aufsteigen. Die Arbeits- und Lebensqualität ist im Durchschnitt höher, und die Schweiz kann sich beim Thema Gesundheit noch „mehr Qualität statt Quantität“ leisten.
Schweiz: „Kein Umzug, sondern eine Auswanderung“
Welche kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz sollte man kennen?
Man muss verstehen: Die Schweiz ist ein anderes Land und ein anderer Kulturraum. Die gleiche Amtssprache verleitet oft dazu, die Auswanderung mit einem bloßen Umzug zu verwechseln. Es ist aber ganz klar eine Auswanderung!
Wichtig ist: Schweizer sind sehr höflich. Regionsübliche Begrüßungen sowie „Bitte” und „Danke” sind unerlässlich. Die deutsche, belehrende Art und das „brutal“ wirkende, offene und direkte Kritisieren kommen gar nicht gut an. Die Schweizer sind in der kritischen Kommunikation zurückhaltender. Das wird von Deutschen oft nicht als Kritik verstanden. Mit der Einstellung, den „kleinen Bruder“ belehren zu wollen, wird man scheitern.
Reicht in der Deutschschweiz Hochdeutsch aus?
Das Sprechen des Dialekts ist extrem schwer zu lernen. Das Hörverstehen muss aber gut entwickelt sein. Dies wird vor allem im ländlichen Raum erwartet. Insbesondere in Notfällen sprechen Patientinnen und Patienten undeutlich und oft Dialekt.
Dr. Thomas Wendel
Dr. Thomas Wendel ist Gründer und Geschäftsführer der Ärztevermittlung tw.con. Das Unternehmen besetzt ärztliche Positionen in Krankenhäusern, Praxen und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland, Österreich und der Schweiz.