Liebe Laura, warum hast du dich für die Schweiz entschieden?
Ich kann nicht behaupten, dass ich mich damals bewusst für die Schweiz entschieden habe – ich habe damals einfach den ersten Job angenommen, der mir angeboten wurde. Es hat sich nicht wirklich wie Auswandern angefühlt, da die Schweiz während des Studiums für uns immer nur eine kurze Zugfahrt entfernt war.
Der Bedarf an ausländischen Ärztinnen und Ärzten besteht insgesamt schon. Es gibt relativ wenige medizinische Fakultäten hierzulande, an denen man den Abschluss machen kann (wobei ich natürlich das Verhältnis von Einwohner zu Studienplätzen nicht berechnet habe). Eine Unterversorgung besteht vor allem in den abgelegenen Bergregionen, wo es nur wenige Hausärztinnen und -ärzte gibt. Manchmal wird dann die Versorgung durch ambulante Ableger der öffentlichen Krankenhäuser mitgetragen. Die psychiatrische und psychologische Versorgung in diesen Regionen ist ähnlich prekär.
In Ballungszentren wie Zürich ist das natürlich anders, da konkurriert man dann mit einigen Kolleginnen und Kollegen um die begehrten Stellen. Allerdings gibt es alle paar Jahre eine Neuauflage des sogenannten "Ärztestopps", ein Gesetz, das reguliert, wie viele Ärztinnen und Ärzte einer gewissen Fachrichtung seit 2022 eine neue Zulassung zur Abrechnung über die allgemeine Krankenversicherung erhalten - sprich, die sogenannten Kassensitze sind kantonal begrenzt für unterschiedliche Facharztrichtungen.
Wie bist du an deine erste Stelle gekommen?
Ich habe mich auf eine Ausschreibung auf einer Internetplattform beworben. Ich wurde dann sehr schnell zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und auch die Zusage für die ausgeschriebene Stelle erhielt ich sehr schnell. Die kurze Bearbeitungszeit ist vermutlich auf den Standort – eine Kinderpsychiatrie in einer ländlichen Region – zurückzuführen. Für eine Stelle in einem anderen Fach in einer größeren Stadt muss man schon mit mehr Zeit rechnen.
Wie lief die Anerkennung deiner Approbation praktisch ab?
Die in Deutschland so wichtige Approbation hat in der Schweiz keinen Wert - hier geht es rein um die Anerkennung des Staatsexamens. Diese Anerkennung muss man bei der
Medizinalberufekommission MEBEKO so früh wie möglich beantragen, weil man ohne diese MEBEKO-Anerkennung keine Medikamente verordnen darf. Die aktuellen Bearbeitungszeiten der MEBEKO liegen bei einigen Monaten - das führt dann leider zu Verschiebungen in der Stellenplanung, wenn die Anerkennung zu Arbeitsbeginn nicht vorliegt. Manche Kliniken wollen die Anerkennung bereits bei der Bewerbung vorliegen haben, bei anderen kann man sie nachreichen - normalerweise wird das in der Stellenausschreibung explizit erwähnt.
Achtung auch bei den Kosten: Für die Anerkennung für das Staatsexamen muss man mit 800 bis 1000 Schweizer Franken rechnen. Wer schon einen Facharzt hat, muss für die Anerkennung des Facharztes nochmal genau so viel extra zahlen - die Kosten gelten also pro Diplom, nicht pro Nase.
Welche praktischen Hürden gab es beim Start?
Für EU-Bürger bestehen keinerlei Probleme mit der Aufenthaltsbewilligung, man bekommt automatisch die B-Bewilligung (5 Jahre). Wer keinen EU-Pass hat, bekommt eine L-Bewilligung, was einem Kurzaufenthalt von bis zu einem Jahr entspricht. Das ist ziemlich ärgerlich, weil man dann Schwierigkeiten hat, ein Schweizer Konto für den Lohn zu eröffnen. Kolleginnen und Kollegen mit diesem Problem wussten sich dann mit internationalen Konten bei den neueren Online-Banken zu helfen. Wer in der Schweiz arbeitet, muss sich dort auch krankenversichern, das ist jedoch ganz einfach. Die Wohnungssuche gestaltet sich ähnlich wie in Deutschland - dort, wo Wohnungen begehrt sind, wird es schwierig.
Welche Sprachkenntnisse sind für den klinischen Alltag wichtig?
Es ist extrem wichtig, dass man die lokale Sprache (Deutsch, Französisch oder Italienisch je nach Region) mindestens auf C1-Niveau beherrscht. Verlangt wird auf Papier zwar oft B2-Niveau, aber realistischerweise reicht das einfach nicht für die tägliche Kommunikation und für die Berichte.
Schweizerdeutsch ist dann nochmal eine große Hürde an sich - selbst als Deutsche, die in einer Region mit starkem Dialekt aufgewachsen ist, habe ich sicher drei Monate gebraucht, bis ich die Leute wirklich verstanden habe. Viele Schweizerinnen und Schweizer fangen gegenüber Ausländern aus Höflichkeit automatisch an, Hochdeutsch zu sprechen. Man merkt aber, wie die Leute sich sofort entspannen, wenn man sie bittet, Mundart zu sprechen.
Worin unterscheidet sich der Klinikalltag im Vergleich zu Deutschland?
Der Arbeitstag hier dauert formal 10 Stunden pro Tag, somit 50 Stunden pro Woche. Die üblichen Schwankungen der realen Arbeitszeit nach oben und unten sind wie in Deutschland - insgesamt arbeitet man hier also grundsätzlich mehr. Allerdings gibt es derzeit Bestrebungen der hiesigen Gewerkschaft (VSAO, Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte, quasi der Schweizer Marburger Bund), die Wochenarbeitszeit zu reduzieren.
Es gibt auch nur vier Wochen gesetzliche Ferien bis zum 50. Lebensjahr, wobei die meisten Kliniken, die ich kenne, die fünfte Woche noch dazu geben. Es gibt deutlich weniger Feiertage als in Deutschland, besonders im Vergleich mit katholischen Bundesländern.
Das Dienstwesen in Spitälern ist hier jedoch deutlich angenehmer, vor allem für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Es gibt hier keine 24-Stunden-Präsenzdienste. Nicht nur auf dem Papier nicht, sondern auch in der Realität. Das Maximum sind hier 12 Stunden für Assistenz- und Oberärzte. Hintergrunddienst als Leitende oder Leitender geht dann aber schonmal über mehrere Tage.
Die Hierarchien sind hier definitiv flacher als in Deutschland. Die Lücke zwischen Arzt und Pflege ist hier nicht so groß, und die verschiedenen Hierarchiestufen stehen sich hier auch viel näher. Übrigens machen die Blutentnahmen hier dankenswerterweise die Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege.
Wie erlebst du das kollegiale Miteinander und das Verhältnis zu den Patientinnen und Patienten?
Wer Hochdeutsch spricht, sticht hier einfach immer als “Nichtschweizer” heraus. Die Patienten sind vor allem deutsche Ärzte jedoch mittlerweile gewohnt, es gibt ja so viele von uns hier.
Je nach Region sind die Leute sehr unterschiedlich in ihrer Mentalität, vor allem wenn man Stadt und Land vergleicht, aber auch die einzelnen Kantone untereinander. Insgesamt ist der Schweizer im Vergleich zu uns Deutschen sehr viel indirekter in seiner Kommunikation. Wer genervt ist von etwas, der sagt erstmal, er sei "irritiert“, was ja in Deutschland eher milde herüberkommt. Das muss man als Deutscher erst mal lernen und sich da anpassen.
Gibt es kantonale Besonderheiten?
Es gibt zusätzlich noch die kantonale Berufsausübungsbewilligung. In manchen Kantonen braucht absolut jeder Arzt eine solche, bevor er mit der Arbeit startet, selbst in einem Anstellungsverhältnis im Spital. In anderen Kantonen hingegen braucht nur jemand mit fachlicher Verantwortung diese Bewilligung, wie etwa Selbstständige in der Praxis oder Leitende ÄrztInnen und Ärzte im Krankenhaus. Dort, wo ich diese Bewilligung benötigte, hat das Spital sie automatisch für mich beantragt.
Zusätzlich braucht man, wie bereits angedeutet, im ambulanten Sektor die OKP-Zulassung (Obligatorische Krankenpflegeversicherung), sprich die Erlaubnis, Leistungen über die Grundversicherung abzurechnen. Seit wenigen Jahren gibt es Limite für diese OKP-Zulassung für definierte Facharztrichtungen aufgrund der Befürchtung einer Überversorgung. Im Thurgau unterliegt z.B. die Plastische Chirurgie diesem Zulassungstopp und es gibt eine Warteliste. Im Kanton Zürich allerdings ist dieses neue Gesetz noch nicht umgesetzt. Auf den Webseiten der Gesundheitsdepartmente der Kantone erfährt man den aktuellen Stand.
Wie sehen die Verdienstmöglichkeiten aus?
Man verdient mehr als in Deutschland und man hat am Ende des Jahres mehr auf dem Konto als die deutschen Kolleginnen und Kollegen, trotz Umrechnung in Euro und trotz der hohen Lebenshaltungskosten hier in der Schweiz. Es gibt Kantone, wo man viel verdient, wo Mieten und Kosten generell aber höher sind (z.B. Zürich) – und Kantone, wo Lohn und generelle Kosten niedriger sind (z.B. Bern). Pendeln kann sich also lohnen.
Welche Steuer- und Sozialversicherungsfragen sollte man kennen?
Wer mit einem B-Permis in der Schweiz angestellt ist, zahlt Quellensteuer, d.h. die Steuern werden direkt vom Lohn abgezogen. Eine zusätzliche Steuererklärung ist nur dann nötig, wenn man ein Vermögen über einem gewissen Wert hat, egal wo sich dieses Geld auf der Welt befindet. Wie hoch das Vermögen sein darf, ist kantonal unterschiedlich.
Die AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung) ist die staatliche Rentenversicherung. Die AHV-Nummer bekommt man beim Einwandern zugeteilt. Sie dient als persönliche Identifikationsnummer, die für behördliche Anträge, Steuererklärungen und Versicherungsanliegen angegeben.
Für die Pensionskasse gibt es einerseits die Möglichkeit, freiwillig mehr in die staatliche Kasse einzuzahlen. Daneben gibt es verschiedene Pensionskassen, darunter auch spezialisierte für Ärztinnen und Ärzte. Krankenhäuser arbeiten meist mit einer Pensionskasse zusammen, wo der Beitrag automatisch eingezahlt wird. Für Einwanderer gibt es dann ein sogenanntes Freizügigkeitskonto. Dieses kann ausbezahlt werden, wenn man die Schweiz endgültig verlässt, sich selbstständig macht oder Wohneigentum erwerben will.
Wie sind Mutterschutz, Elterngeld und Kinderbetreuung geregelt?
In der Schweiz gibt es keine Elternzeit. Wer eine Familie gründen will, muss sich dessen bewusst sein. Es gibt kantonal geregelte Familienzulagen, die in ihrer Höhe unterschiedlich ausfallen. Der Mutterschaftsurlaub gilt für 14 Wochen, der Kündigungsschutz von Beginn der Schwangerschaft bis 16 Wochen nach Geburt. Väter bekommen sage und schreibe 2 Wochen Vaterschaftsurlaub.
Die Kinderbetreuung hier ist ähnlich wie in Deutschland geregelt und braucht entsprechend fortschrittliches Organisationsgeschick. Kita-Plätze sind teuer und die Familien rechnen den Erwerbsausfall bei Pensumreduktion gegen die Kita-Kosten auf. Wer kann, rekrutiert Oma und Opa, um auf die Kleinen zu schauen. Als Einwanderer hat man diesen Luxus ja meist nicht. Außerdem muss einem bewusst sein, dass man in der Schweiz mehr Steuern zahlt, wenn man verheiratet ist und beide arbeitstätig sind, man nennt das im Volksmund die “Heiratsstrafe”.
Auch die Rentenzahlungen für verheiratete Paare sind gedeckelt. Daher sind unverheiratete Paare bzw. Eltern hierzulande nicht so selten.
Hat sich die erwartete Lebensqualität bestätigt? Was gefällt dir besonders, was fehlt dir?
Ich bin damals komplett ohne Erwartungen in die Schweiz gekommen und muss sagen, das Land funktioniert ziemlich gut. Die Bahn ist extrem zuverlässig, selbst die abgelegensten Dörfer haben eine gut ausgestattete Grund- und Sekundarschule, Busanbindung und einen Supermarkt. Behördengänge waren für mich stets überraschend einfach. Die Chancen, dass das Fahrrad am nächsten Tag noch da ist, wenn man mal vergisst, es abzuschließen, sind sehr hoch. Selbst der billigste Wurstaufschnitt im Discount-Supermarkt ist von besserer Qualität als sein Pendant in Deutschland.
Mir fehlt aber ein bisschen die deutsche Süßgebäck-Kultur. Die Stärke der Schweiz liegt eher in der französischen Patisserie mit Macarons und Croissants.
Natürlich ist die Schokolade hier Nationalstolz, aus gutem Grund. Aber eine anständige Nussecke, Puddingschnecke oder ein ordentliches Franzbrötchen sucht man hier vergebens. Die Brezeln hier konnten mich auch nie überzeugen.
Welche 3 Fallstricke sollten Neuankömmlinge unbedingt vermeiden?
- Planen Sie unbedingt Vorlaufzeit für die ganzen Anträge und Behördengänge ein. Wenn man schon im Arbeitsalltag steckt, wird das alles schwierig und es wird nicht so gerne gesehen, wenn man mitten am Tag "mal schnell wegmuss”.
- Vermeiden Sie allzu unverblümte Kommunikation. Wer genauso direkt spricht, wie in Deutschland, schreckt die Leute hier eher ab – nicht nur die Schweizer, sondern auch die Einwanderer, die schon lange da sind. Ehrlichkeit sollte stets in Respekt und Höflichkeit verpackt sein.
- Und zum Schluss ein wichtiger kulinarischer Hinweis: Eine St. Galler-Bratwurst darf niemals mit Senf oder Ketchup gegessen werden.