Neue Kolleginnen und Kollegen müssen das Handwerk von Grund auf erlernen – von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten, die ihr Wissen weitergeben. Doch dieser Prozess stößt im modernen Klinikbetrieb an Grenzen. „Da spielt Zeit, Geld und auch die Qualität der Patientenversorgung eine große Rolle“, so Meyer. Das Zeitmanagement in den Kliniken müsse es überhaupt erst wieder ermöglichen, Weiterbildung aktiv durchzuführen. Zudem seien die Kosten für die Weiterbildung im aktuellen System kaum abgebildet oder mit den Kliniken verrechenbar. Ein weiteres Spannungsfeld: Die Verweildauer der Patientinnen und Patienten soll möglichst kurz gehalten werden, doch Ärztinnen und Ärzte, die einen Eingriff oder eine Untersuchung erst noch erlernen, benötigen naturgemäß mehr Zeit.
Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt: Kein europäisches Land ist zu 100 Prozent mit der eigenen Weiterbildungssituation zufrieden. Dennoch gibt es laut Meyer vielversprechende Ansätze, von denen das deutsche System profitieren könnte:
Die moderne Medizin generiert stetig wachsende Datenmengen. Diese stellen laut Dr. Meyer eine riesige, bisher noch kaum erschlossene Quelle dar. Die digitale Offenheit, die auch auf dem Kongress spürbar war, muss im Klinikalltag und in der Weiterbildung ankommen. Auch Künstliche Intelligenz (KI) bietet sinnvolle Einsatzmöglichkeiten, die jedoch in den aktuellen Strukturen noch kaum genutzt werden.
Das primäre Ziel dieser digitalen Tools ist für Dr. Meyer klar definiert: Sie sollen Freiräume schaffen. „Die Medizin lebt vom Patientenkontakt, und auch die jüngere Generation soll weiter am Patientenbett arbeiten dürfen und nicht nur hinter dem Bildschirm“, betont die Internistin.
Dr. Meyer, die sich durch ihre Arbeit in der Jungen DGIM auch über den eigenen Tellerrand hinaus engagiert, sieht in der europäischen Vernetzung großes Potenzial. Der fachliche Austausch, das Teilen von Leitlinien und der Aufbau von Netzwerken für spezifische Erkrankungen bieten enorme Chancen. Ein Hindernis bleibt jedoch die Mobilität: Obwohl bereits während des Studiums gefördert, ist die innereuropäische Mobilität auf ärztlicher Ebene aktuell noch mit extrem hohen bürokratischen Hürden und Problemen bei der Zeugnisanerkennung verbunden.
Für die kommenden fünf Jahre wünscht sich Dr. Meyer, dass die heutige Generation von Berufsanfängern ihre Facharztreife in einem Umfeld erreicht, das durch digitale Tools, eine verbesserte Weiterbildungsstruktur und Best-Practice-Beispiele aus den Nachbarländern optimal unterstützt wird. Denn am Ende gilt: Die moderne Medizin kann nur dann von hoher Qualität sein, wenn der Nachwuchs bestmöglich ausgebildet wird.