Interview

Neurowoche: Stroke-Escape-Room und interaktive Symposien

Die Neurowoche im November bietet Ärztinnen und Ärzten nicht nur Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Diagnostik, Behandlung und Prävention neurovaskulärer Erkrankungen, sondern auch interaktive Formate, die den Kongressbesuch noch abwechslungsreicher machen. Der Kongresspräsident, Prof. Dr. Götz Thomalla, beantwortete Fragen dazu, welche Themen im Fokus stehen und worauf er sich besonders freut.

01.10.2026Redaktion: Dr. rer. nat. Linda Fischer
buntes Gehirn in Händen gehalten

Neurowoche: Stroke-Escape-Room und interaktive Symposien erwarten die Besucherinnen und Besucher (Symbolbild)

© Getty Images | 2255846110

Welche neuen Biomarker oder Bildgebungsverfahren stehen auf der Neurowoche besonders im Fokus?

Prof. Thomalla: Das Programm der Neurowoche nimmt keinen spezifischen einzelnen Biomarker in den Fokus, sondern wird aktuelle Entwicklungen in der Diagnostik, Behandlung und Prävention neurovaskulärer Erkrankungen in der gesamten Breite abbilden. Wir sehen hier in den vergangenen Jahren einen klaren Trend zur individuelleren Auswahl von Patientinnen und Patienten zum Beispiel in der Akuttherapie, und dabei spielt natürlich insbesondere die Bildgebung mit CT und MRT eine entscheidende Rolle. 
Neben der Perfusionsbildgebung, die inzwischen in der Therapiesteuerung eine etablierte Rolle spielt, werden in Zukunft sicher auch KI-basierte automatisierte Auswertungen der Routinebildgebung Eingang in die klinische Praxis finden. Aber auch zur möglichen Rolle blutbasierter Biomarker in der Schlaganfalldiagnostik gibt es neue Erkenntnisse, welche wir auf der Neurowoche diskutieren werden.

Wo sehen Sie aktuell den größten Nutzen von KI-gestützter Diagnostik im klinischen Alltag? 

Prof. Thomalla: KI-gestützte Diagnostik setzt sich an vielen Stellen immer weiter durch, vielfach läuft sie bereits im Hintergrund diagnostischer Systeme zur Prozessverbesserung ab, ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer sich dessen bewusst sind. Eine offensichtliche Anwendung liegt in der automatisierten Bildanalyse, und dabei in der KI-basierten Integration der gesamten Information der Bildgebung über die Interpretation einzelner Parameterbilder hinaus. Ein wesentlicher Vorteil entsprechender Ansätze ist die Standardisierung über verschiedene Nutzerinnen und Nutzer hinweg, und natürlich vor allem die Möglichkeit, entsprechende ausgefeilte Diagnostik auch an Orten anbieten zu können, an denen keine ausgewiesenen Fachleute verfügbar sind. 
Aber auch über die Diagnostik hinaus kann KI den Arbeitsalltag von Ärztinnen und Ärzten in der Neurologie erleichtern: Zum Beispiel kann sie beim Zusammenfassen von Anamnese und Patientengesprächen oder beim Schreiben von Arztbriefen unterstützen. All dies sind Beispiele, die bereits in der Klinik verwendet werden.

Was ist hinsichtlich flächendeckender, präklinischer Schlaganfallversorgung geplant?

Prof. Thomalla: Die präklinische Schlaganfallversorgung in Deutschland ist im weltweiten Vergleich sehr gut aufgestellt. Die von der DSG zertifizierten Stroke-Units und Neurovaskulären Netzwerke bilden eine hervorragende Basis für eine flächendeckende Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Schlaganfall. Allerdings gibt es nach wie vor insbesondere ländliche Regionen, in denen die Versorgung noch nicht optimal ist, hier spielen telemedizinische Versorgungskonzepte eine wichtige Rolle. 
Unabhängig davon laufen derzeit spannende Projekte zur Verbesserung der prähospitalen Versorgung durch optimierte Interaktion mit dem Rettungsdienst, z.B. durch teleneurologische Konsultation im Rettungswagen und verbesserte digitale Anbindung des Rettungsdienstes (siehe das durch den Innovationsfonds geförderte Projekt StroConnect). Auch hier kann KI in Zukunft eine Rolle spielen.

Welche neuen Ansätze, die auf der Neurowoche präsentiert werden, könnten die Leitlinien der Sekundärprävention verändern?

Prof. Thomalla: Wir sehen derzeit in der Schlaganfallmedizin eine spannende Entwicklung mit neuen Konzepten zur medikamentösen Behandlung, die kurz vor der Einführung in die klinische Praxis stehen, oder die derzeit in laufenden Studien untersucht werden. Die medikamentöse Faktor XI-Hemmung zur Sekundärprophylaxe nach nicht kardio-embolischem Schlaganfall wird sicher Leitlinien und klinische Praxis verändern, und die jetzt vor der Zulassung stehenden Medikamente sind nur der erste Schritt in dieser Richtung. Medikamentöse Ansätze zur entzündungshemmenden Behandlung sind ebenfalls eine spannende Perspektive, die möglicherweise in Zukunft Eingang in die Schlaganfallprävention finden könnten.

Welche gemeinsamen Symposien mit benachbarten Fachgebieten sollten Neurologinnen und Neurologen nicht verpassen?

Prof. Thomalla: Wir freuen uns sehr auf die gemeinsamen Symposien mit den verschiedenen benachbarten Fachdisziplinen. Dies betrifft natürlich unsere direkten Partner in der Schlaganfallversorgung, die Neuroradiologie und Neurochirurgie. Hier wird es Symposien zu aktuellen Entwicklungen der interventionellen Schlaganfallbehandlung wie auch zu neuen Trends in der Bildgebung geben. Auch intrakranielle Blutungen werden im Fokus eines gemeinsamen Symposiums zu neuen Methoden der interventionellen und chirurgischen Behandlung stehen. Und in einem gemeinsamen Symposium mit der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie werden aktuelle Ansätze zur Behandlung von Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz sowohl aus kardiologischer wie auch neurologischer Sicht beleuchtet. 
Es wird auch Symposien zu aktuellen Trends in der Rehabilitation nach Schlaganfall geben (gemeinsam mit den Fachgesellschaften für interdisziplinäre Neurorehabilitation, für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung und für Neuropsychologie). Auch das interdisziplinäre Symposium zur Schlaganfallnachsorge möchte ich den interessierten Kongressbesucherinnen und -besuchern ans Herz legen, welches gemeinsam mit der Deutschen Schlaganfallgesellschaft und der Stiftung Deutsche Schlaganfallforschung das komplexe und wichtige Thema in den Blick nimmt, wie sich die langfristige Nachsorge nach einem Schlaganfall mit innovativen Konzepten verbessern lässt.          

Es gibt in diesem Jahr einige Symposien mit internationalen Gesellschaften. Welche Trends, die im Ausland etabliert sind, möchten Sie verstärkt nach Deutschland holen?

Prof. Thomalla: Die großen Fortschritte in Forschung und klinischer Versorgung entstehen heute vor allem durch internationale Zusammenarbeit. Deshalb freuen wir uns besonders, wichtige Partner wie die European Academy of Neurology, die American Academy of Neurology, die World Federation of Neurology und die European Stroke Organisation bei der Neurowoche begrüßen zu dürfen. Gemeinsam möchten wir globale Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen in der vaskulären Neurologie diskutieren – etwa den Einsatz künstlicher Intelligenz, um die prähospitale Triage zu verbessern, und neue Fragestellungen rund um die mechanische Thrombektomie. Auch die Bedeutung der Hirngesundheit („brain health“) ist ein Thema, das derzeit international in vielen neurologischen Fachgesellschaften im Fokus ist, und dies trifft sich hervorragend mit den Aktivitäten der DGN im Bereich Prävention.
Erfreulicherweise geht es in der Schlaganfallforschung nicht primär darum, globale Trends nach Deutschland zu holen. Im Gegenteil: Gerade im Bereich klinischer Schlaganfallstudien spielen deutsche Zentren und Netzwerke schon länger international auf Augenhöhe mit. Insbesondere im Feld Investigator-initiierten akademischen Studien sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von wichtigen Studien, welche die klinische Praxis verändert haben, aus Deutschland initiiert und durchgeführt worden.         

Wenn Sie abseits Ihres eigenen Schwerpunkts Highlights des Gesamtprogramms nennen müssten – welche wären das?

Prof. Thomalla: Selbstverständlich finden Sie beim DGN-Kongress wie jedes Jahr spannende Themen aus der gesamten Breite der Neurologie, von Neuroimmunologie, über Bewegungsstörungen, Demenzen, bis zu Muskelerkrankungen und peripherer Neurologie. In diesem Jahr haben wir unabhängig von der inhaltlichen Gestaltung spannende neue Formate im Kongress, die auf Interaktivität und Einbindung der Teilnehmenden setzen und damit den Kongressbesuch hoffentlich noch abwechslungsreicher und interessanter machen. So wird es einen Stroke-Escape-Room geben, in dem die Teilnehmenden im Team mit Wissen und Geschick ein Rätsel zur Schlaganfallbehandlung lösen müssen. Und es wird interaktive Symposien geben, bei denen die Teilnehmenden spielerisch in die Lösung von Fällen eingebunden werden, hier ist das Schlagwort Gamification. Ich bin gespannt, wie diese neuen Ideen von den Besucherinnen und Besuchern angenommen werden.
Ebenfalls empfehlenswert: Begleitend zum Kongress erscheint in diesem Jahr in der englischsprachigen Zeitschrift der DGN, Neurological Research and Practice, eine „Special Edition on Stroke Management and Research“. Das Sonderheft umfasst inhaltlich auf das Programm der Neurowoche abgestimmte Beiträge, unter anderem zur Häufigkeit und Versorgungsqualität des Schlaganfalls in Deutschland, zur Schlaganfallnachsorge und zur Neurostimulation nach Schlaganfall.

Was bietet die Neurowoche für junge Kolleginnen und Kollegen in der Weiterbildung oder für forschende Ärztinnen und Ärzte?

Prof. Thomalla: Insbesondere für junge Neurologinnen und Neurologen sind DGN-Kongress und Neurowoche der Ort, um komprimiert und unterhaltsam in wenigen Tagen an einem Ort einen guten Überblick darüber zu bekommen, was in der Neurologie in all ihren Teilbereichen aktuell passiert. Gleichzeitig ist die Neurowoche die perfekte Gelegenheit, erste eigene Arbeiten zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Ein Poster beim DGN-Kongress oder ein Beitrag in der Wissenschafts-Lounge sind ideal, um mit Kolleginnen und Kollegen, die sich auf einer ähnlichen Stufe ihrer Ausbildung befinden, in Kontakt zu kommen, aber auch, um erfahrene Neurologinnen und Neurologen zu treffen und sich Anregungen für die eigene Arbeit zu holen. 
Auch die Junge Neurologie als Nachwuchsorganisation der DGN wird in diesem Jahr beim DGN-Kongress wieder sehr präsent sein mit eigenen Veranstaltungen, Workshops, und einem Kongress-Guide für Erstbesuchende. Für alle jungen Neurologinnen und Neurologen, die noch nicht in der Jungen Neurologie aktiv sind, ist der DGN-Kongress der ideale Ort, einen Überblick über deren Aktivitäten zu bekommen und selbst aktiv zu werden. 

Worauf freuen Sie sich als Kongresspräsident am meisten auf der Neurowoche?

Prof. Thomalla: Am meisten freue ich mich auf die zahlreichen Begegnungen und Gespräche mit so vielen tollen Neurologinnen und Neurologen, die wir in Deutschland haben. Ich freue mich natürlich auf das tolle Programm mit hervorragenden Gästen, aber auch auf all das, was nicht im Programm steht, das was zwischen den Veranstaltungen passiert: die Gespräche beim Kaffee, die zufälligen Begegnungen auf den Kongressfluren, und die Überraschungen, Vorträge, Poster, Begegnungen, die neue und unerwartete Eindrücke bringen. Eins ist sicher, es wird eine tolle Woche für Neurologinnen und Neurologen und alle Besucherinnen und Besucher der angrenzenden Fachdisziplinen!
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Dr. rer. nat. Linda Fischer
Redaktion
Dr. rer. nat. Linda Fischer ist promovierte Biologin und verstärkt seit 2020 das Editorial-Team.

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