Eine spastische Bewegungsstörung (spastic movement disorder, SMD) tritt häufig nach einer Schädigungen im zentralen Nervensystem (ZNS) mit Beteiligung der zentralnervösen sensomotorischen Zell- und Bahnsysteme auf. Unter dem Begriff SMD versteht die Leitlinie die Plus-Phänomene des Pyramidenbahnsyndroms (Upper Motor Neuron Syndrome, UMNS). Davon abgegrenzt sind die Minus-Phänomene des UMNS, wie etwa Lähmung, Störung der selektiven Innervationsfähigkeit und Ermüdbarkeit.
Die im spastischen Muskel entstehenden strukturellen Veränderungen werden als spastische Myopathie bezeichnet. Muskelverkürzung und die daraus resultierenden Kontrakturen in Körperregionen mit Spastik sind also womöglich eine Kombination aus der SMD und Folge von Komplikationen des UMNS.
Laut Leitlinie existieren viele physikalische, physiotherapeutische und pharmakologische Behandlungsansätze mit unterschiedlichen Wirksamkeitsnachweisen.1,2
Basis der Behandlung ist ein umfassendes Assessment
Im Rahmen des initialen Assessments muss zunächst geklärt werden, ob die SMD funktions- oder alltagsrelevant ist, Schmerzen verursacht oder das Risiko für Sekundärkomplikationen wie Kontrakturen und Dekubitus erhöht. Um einen Behandlungserfolg zu evaluieren, sollte dann je nach eingesetzter Intervention ein Assessment auf der Ebene des Impairments (passives Bewegungsausmaß und Tonus, z. B. über die modifizierte Ashworth-Skala oder die Tardieu-Skala) mit einem Assessment-Verfahren kombiniert werden, welches das funktionelle Behandlungsziel (passive oder aktive Funktionen) abbildet.1,2
Therapie richtet sich nach der Ausbreitung der Spastik
Die Wahl der therapeutischen Mittel richtet sich u. a. maßgeblich nach der Topik der Spastik:
Fokale, multifokale und segmentale Spastik: Hier ist die fokale Injektionstherapie mit Botulinumtoxin A (BoNT A) das Mittel der Wahl. Sie weist in der Regel ein besseres Nutzen-Risiko-Verhältnis auf als orale Antispastika. Zur Steigerung der Präzision sollten Kontrolltechniken wie Ultraschall-, Elektrostimulations- oder EMG-Technik eingesetzt werden.
Multisegmentale und generalisierte Spastik: In diesen Fällen ist primär eine orale Medikation indiziert. Bei schweren Verläufen, die anderweitig nicht kontrollierbar sind, stellt die intrathekale Baclofen-Therapie eine Option dar.1,2
Auswahl nicht-medikamentöser Therapieoptionen
Die Leitlinie betont, dass eine Trainingstherapie die Spastizität nicht regelhaft verstärkt. Vielmehr können spezifische und individuell angepasste Verfahren wie etwa das Arm-Basis-Training oder die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) u. a. den spastischen Tonus bei Schlaganfall-Betroffenen mit mittelschweren bis schweren Armparesen sogar positiv beeinflussen.
Das weitere therapeutische Spektrum der nicht-medikamentösen Therapie umfasst beispielsweise:
Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT): Sie kann bei Personen mit SMD nach Schlaganfall als Zusatztherapie angeboten werden. Die Behandlungsziele sind eine reduzierte Spastizität und eine verbesserte passive Beweglichkeit (nicht-neurogene Komponente) für die gelähmten Gliedmaßen. Eine ESWT kann auch, nach individueller Abwägung, adjuvant zur Verstärkung der tonussenkenden Wirkung von BoNT-A-Injektionen erwogen werden.
Physikalische Verfahren umfassen die (periphere) transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) von Nerven oder Muskeln zur Behandlung von Spastizität nach Schlaganfall, die fokale Vibration und Ganzkörpervibration von Muskeln, um die Spastizität an den oberen Extremitäten nach Schlaganfall zu reduzieren, sowie die transkranielle Gleichstromstimulation (atDCS).
Hilfsmittel und Lagerung: Statisches Dehnen mittels Lagerungsschienen kann z. B. helfen, die Spastizität der Handgelenksflexoren bei Schlaganfall-Betroffenen zu reduzieren. Casting der unteren Gliedmaßen kann laut Leitlinie die Spastizität stärker verbessern, verglichen zur Dehnung und Taping. Ein serielles Casting kann zudem die passive Sprunggelenksbeweglichkeit fördern.1,2
Leitlinie betrifft auch Menschen mit MS und Querschnittlähmung
Die Leitlinie widmet sich auch Patientinnen und Patienten mit Multiple Sklerose (MS) und mit Querschnittlähmung. Bei Menschen mit MS wird beispielsweise ein strukturiertes Programm aus Schulung und täglichen Dehnungsübungen empfohlen. Digitale Gesundheitsanwendungen können die Adhärenz im Eigentraining unterstützen.
Bei Patientinnen und Patienten mit Querschnittlähmung werden bei der SMD-Behandlung sowohl körperliche als auch funktionelle Behandlungsziele berücksichtigt. Als mögliche Therapieoption nennt die Leitlinie u. a. das passive (motorisierte) zyklische Beintraining, um bei schwerer betroffenen Querschnittgelähmten Spastizität zu behandeln und das passive Bewegungsausmaß aufrechtzuerhalten. Auch eine fokale Vibration oder eine Ganzkörpervibration können erwogen werden.1,2