Lena Levien
Dr. med. Lena Levien ist als Ärztin in Weiterbildung Innere Medizin und Hämatologie / Onkologie an der Universitätsmedizin Göttingen tätig. Sie ist außerdem in der Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) "JUNGE DGIM" aktiv. Diese vertritt die jungen Mitglieder (<= 40 Jahre, Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, junge Fachärztinnen und Fachärzte sowie Medizinstudierende ab dem 6. Semester).
In der aktuellen Debatte gilt die Ambulantisierung als wichtiges Mittel, um die Kostenexplosionen in den Kliniken einzudämmen. Doch wie kann sie sinnvoll in die klinische Routine integriert werden?
Levien: Wichtig ist das Verständnis, dass diese Veränderungen eine Übergangszeit benötigen. Wenn Therapien im stationären Setting plötzlich nicht mehr bezahlt werden, ohne dass ausreichend Zeit für die Entwicklung von Alternativlösungen gegeben wurde, entstehen Probleme. Wir benötigen Umstrukturierungen in mehreren Bereichen: Viele Abteilungen haben gar keine Überwachungsmöglichkeiten für Patienten nach Eingriffen, da alles auf Vollstation ausgelegt war.
Wenn wir ambulante Therapien in die Routine integrieren wollen, brauchen wir Tageskliniken in einzelnen Abteilungen mit enger Anbindung an den stationären Sektor sowie angegliederte MVZs bzw. Praxen, um Schnittstellenprobleme zu minimieren. Das bedeutet auch ein Umdenken bei den Kennzahlen. Die klassische Belegungsstatistik als Indikator für den wirtschaftlichen Erfolg einer Abteilung ist veraltet und muss neuen Modellen wie den Hybrid-DRGs weichen.
Umstrukturierungen bedeuten auch, dass das Personal anders arbeiten muss. Wenn Patienten am späten Abend nach Hause gehen, passt der klassische Früh- und Spätdienst nicht mehr.
Levien: Absolut. Wenn Entlassungen erst am Abend stattfinden, brauchen wir eine andere ärztliche Verteilung, etwa durch verstärkte Spätdienste. Dies ist jedoch nicht für alle Kolleginnen und Kollegen ohne weiteres möglich und muss daher mitgedacht werden. In der Pflege sehen wir zudem die Notwendigkeit, verstärkt auf MTAs oder MFAs zu setzen, da das Pflegepersonal im ambulanten Bereich oft nicht adäquat finanziert werden kann.
Inwieweit beeinflussen diese Umbrüche die ärztliche Weiterbildung?
Levien: Diese Veränderungen werden die Weiterbildung grundlegend verändern. Die Inhalte und die Durchführung müssen entsprechend angepasst werden, wobei insbesondere die Finanzierung dieser neuen Weiterbildungsstrukturen wichtig ist.
Zum Thema Digitalisierung: Welche Mindestanforderungen an die Infrastruktur sind nötig, um junge Ärztinnen und Ärzte spürbar zu entlasten?
Levien: Wir brauchen ein Ende der Insellösungen – hilfreich wäre ein deutschlandweit einheitliches Dokumentationsprogramm, das klinikweit leicht zugänglich ist. Zentral ist die Verbesserung der intersektoralen Interoperabilität, also die Verringerung von Schnittstellen. Die Telematik-Infrastruktur mit ePA, eRezept und Medikationsplan ist hierfür ein wichtiger Schritt. Zudem sollten Daten wissenschaftlich nutzbarer gemacht und der Umgang mit KI geschult werden. Wichtig ist, dass wir als „System Gesundheit“ in Deutschland und Europa die KI-Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten, statt sie von anderen Kontinenten vorgeben zu lassen.
Das Thema Arbeitsbelastung ist oft der Grund für die Flucht in die Teilzeit. Auf einer Intensivstation mit Schichtdienst ist das organisatorisch ein Albtraum. Wie lässt sich Flexibilität ermöglichen, ohne dass die Patientenversorgung oder die Ausbildung darunter leiden?
Levien: Es beginnt mit einem offenen Mindset. Nehmen wir das Beispiel Intensivstation: Wenn zwei Personen jeweils 70 Prozent arbeiten wollen, passt das nicht in den fixen Stellenschlüssel. Eine mögliche Lösung wäre, diese Stellen zu splitten – 50 Prozent auf der Intensivstation und die restlichen 20 Prozent in Funktionsbereichen oder auf der Normalstation. Das ist ein Mehraufwand in der Planung, absolut. Aber die Krankenhausplanung muss diese Flexibilität künftig mitdenken. Dazu gehören auch moderne Ansätze wie flexible Zeiten für Arbeitsbeginn und -ende oder die Möglichkeit, administrative Aufgaben im Homeoffice zu erledigen.
Abseits der Arbeitszeit: Welche Faktoren könnten die Attraktivität der klinischen Tätigkeit für die junge Generation steigern?
Levien: Es geht nicht darum, dass junge Ärztinnen und Ärzte per se weniger arbeiten wollen, sondern um die Qualität der Arbeit und die Zeit am Patienten. Ein Hauptkritikpunkt ist, dass Forschung, Weiterbildung und Klinikalltag oft so kollidieren, dass zwei dieser drei Säulen in der Freizeit stattfinden müssen. Wir brauchen eine bessere Struktur zur Vereinbarkeit dieser Säulen. Ein besserer Personalschlüssel, etwa durch ein Lehrbudget, könnte für Entlastung sorgen, damit der Patientenkontakt – der für viele die Freude am Beruf ausmacht – nicht zu kurz kommt. Wir müssen die Mitarbeitenden wieder konsequent ins Zentrum der Planung rücken und Strukturen schaffen, in denen Medizin, Weiterbildung und Privatleben keine Gegenspieler mehr sind, sondern Hand in Hand gehen.