4-Tage-Woche im OP: Zukunftsfähig oder bürokratisches Monster?
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Julia Roegner
Expertin
Julia Roegner ist seit Mai 2024 am Klinikum Fürth als stellvertretende OP-Managerin tätig. Sie ist examinierte Fachpflegerin für Anästhesie- und Intensivpflege, staatlich geprüfte OP-Managerin und befindet sich derzeit in der Abschlussphase ihres Bachelorstudiums im Pflegemanagement.
Mehr als ein Drittel der Belegschaft entscheidet sich für 4-Tage-Woche
Seit November 2023 können Pflegekräfte ihre Arbeitszeit im OP-Betrieb freiwillig auf vier Tage verteilen. Die Standard-Wochenarbeitszeit wird dabei nicht gesenkt, sondern in Form von 10-Stunden-Schichten erbracht – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind an ihren Arbeitstagen jeweils 1,5 Stunden länger im Dienst. Der reguläre 3-Schichten-Plan bleibt erhalten, wobei die Dienstplanung mit einem Vorlauf von sechs bis acht Wochen erfolgt.
Zudem wird den Mitarbeitenden eine hohe Flexibilität eingeräumt, indem sie monatlich zwischen dem klassischen 5-Tage-Modell und dem 4-Tage-System wechseln können. „Das 4-Tage-System wird insbesondere in den Frühjahrs- und Sommermonaten verstärkt in Anspruch genommen, da der zusätzliche freie Tag häufig für verlängerte Wochenenden genutzt wird“, erläutert Julia Roegner. Durchschnittlich entscheiden sich rund 35 % der Belegschaft in den Funktionsdiensten für dieses Modell, zumeist Personen ohne feste Kinderbetreuungszeiten.
Wenn sich eine komprimierte Zehn-Stunden-Schicht inklusive Übergabe und Pendeln auf elf bis zwölf Stunden Abwesenheit summiert, kollidiert das unweigerlich mit der Realität deutscher Kitas, die in der Regel bereits zwischen 16 und 17 Uhr schließen.
Weniger Krankheitsausfälle und Übergaben
Die Umstellung auf komprimierte Arbeitswochen bringt im klinischen Alltag sowohl klare Vorteile als auch strukturelle Herausforderungen mit sich. Auf der positiven Seite beobachtet die stellvertretende OP-Managerin eine deutlich erhöhte Zufriedenheit, da sich der zusätzliche freie Tag spürbar auf die Work-Life-Balance, die Regeneration und die langfristige Mitarbeiterbindung auswirke. Durch diese längeren Erholungsphasen werden laut Roegner physische und psychische Belastungen besser abgefedert, was zu reduzierten Ausfallzeiten und weniger kurzfristigen Krankmeldungen führe.
Ein weiterer Pluspunkt sei die fokussierte Arbeit: Die längeren, zusammenhängenden Schichten fördern die Kontinuität bei der Patientenversorgung und senken gleichzeitig die Anzahl fehleranfälliger Übergaben. „Nicht zuletzt bietet dieses Arbeitszeitmodell einen echten Wettbewerbsvorteil, denn es stärkt die Position des Arbeitgebers im stark umkämpften Markt für Funktionsdienstpersonal enorm“, fügt sie hinzu.
Die 4-Tage-Woche ist kein Selbstläufer, aber ein wirksames Instrument, um den OP-Betrieb zukunftsfähig zu gestalten.
Julia Roegner, OP-Managerin am Klinikum Fürth
Mehr Pausen nötig
Diesen Vorzügen stehen laut Julia Roegner jedoch auch Nachteile gegenüber. So gibt sie zu bedenken, dass das Modell unweigerlich mit einer höheren Belastung einhergehe; die 10-Stunden-Schichten seien körperlich sowie mental anspruchsvoll und erforderten daher zwingend konsequente Pausenregelungen. Darüber hinaus entstehe auf administrativer Ebene ein erhöhter Planungsaufwand, da die Kombination paralleler Arbeitszeitmodelle die Dienstplanung deutlich komplexer mache. Letztlich betont sie die starke Abhängigkeit von den strukturellen Rahmenbedingungen: „Bei unklaren Prozessen oder einer unzureichenden Personaldecke stößt das 4-Tage-Modell im Arbeitsalltag schnell an seine Grenzen“, resümiert Julia Roegner.
Integration in den OP-Ablauf
Trotz eines zunächst hohen administrativen Aufwands bei der Einführung – bedingt durch neue Dienstvereinbarungen, Schulungen und Systemanpassungen – zeigt sich das Modell im laufenden Betrieb als gut beherrschbar.
Auch hinsichtlich der Integration in den bestehenden OP-Slot-Plan gibt es laut Julia Roegner keine Reibungsverluste mit dem konventionellen 5-Tage-Modell. Im Gegenteil: „Die 10-Stunden-Dienste des Funktionsdienstes werden nach der Kernbetriebszeit gezielt in den geplanten Spätdienstsälen sowie an anfallenden Außenarbeitsplätzen eingesetzt.“ Auf diese Weise können Nachmittags- und Notfallaufkommen deutlich besser abgefedert werden.
Bei Chirurginnen und Chirurgen schwer umsetzbar
Während das Modell im Bereich der Pflege bereits fest verankert ist, sieht Julia Roegner eine Übertragung auf den ärztlichen Dienst weniger optimistisch. Im Bereich der Anästhesie sei dies unter stabilen Bedingungen vorstellbar. „Im chirurgischen Bereich stehen insbesondere Weiterbildungsanforderungen, OP-Präsenz und hohe Dienstbelastung einer direkten Übertragung entgegen“, erklärt sie weiter. Hier seien lediglich hybride Pilotmodelle realistisch.
Viel diskutiert wird aktuell das „4+1-Modell“, bei dem vier Tage der intensiven klinischen Arbeit (OP und Station) gewidmet sind und der fünfte Tag gezielt für administrative Aufgaben, das Schreiben von Arztbriefen oder die Forschung – teils sogar im Homeoffice – genutzt wird. In den USA ist das „4+1 Block Scheduling“ in der internistischen Facharztausbildung bereits ein etablierter Standard (hier wechseln sich oft 4 Wochen Station und 1 Woche Ambulanz/Admin ab). Auch in Skandinavien sind solche entkoppelten Admin-Zeiten verbreitet.
Auch für kleinere Kliniken möglich
Für kleinere Häuser sei das Konzept adaptierbar, setze jedoch eine deutlich höhere Teilnahmequote innerhalb des Teams voraus, um tragfähige Vertretungskonzepte für die langen Schichten realisieren zu können.
Das Vorreitermodell des Klinikums Fürth strahlt mittlerweile bundesweit aus. „In den vergangenen zwei Jahren haben sich verschiedene Kliniken bei uns gemeldet, um sich über unsere Erfahrungen zu informieren“, berichtet Julia Roegner abschließend. Einige Kliniken haben inzwischen eigene Projekte gestartet.
4-Tage-Woche im OP: Zukunftsfähig oder bürokratisches Monster?
Das Klinikum Fürth hat als erstes Krankenhaus in Deutschland eine 4-Tage-Woche im OP-Betrieb eingeführt. Nach einer mehr als zweijährigen Laufzeit zeigt sich, dass das Modell weitreichende Effekte auf die Mitarbeiterzufriedenheit und die klinischen Abläufe hat. Wir haben mit Julia Roegner, Stellvertretende OP-Managerin am Klinikum Fürth, über die bisherigen Ergebnisse und Herausforderungen des Projekts gesprochen.
04.03.2026Lesedauer: ca. 4 MinutenVon: Marina Urbanietz
4 Tage arbeiten, 3 Tage frei: Im Klinikum Fürth haben sich über ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im OP-Betrieb dafür entschieden.