Job-Sharing auf der Intensivstation: Kann man eine Führungsposition teilen?
Sie möchten weiterlesen & kommentieren?
Jetzt kostenlos coliquio-Mitglied werden und Zugriff erhalten auf:
alle Artikel
den Austausch mit Fachkollegen
CME-Fortbildungen und Webseminare
Dr. med. Vanessa Rembold
Expertin
Vanessa Rembold ist Fachärztin für Innere Medizin, Nephrologie sowie Intensivmedizin. Sie arbeitet als Oberärztin auf der internistischen Intensivstation der München Klinik Harlaching (Klinik für Pneumologie, Gastroenterologie, Internistische Intensiv- und Beatmungsmedizin). Nachdem sie Ende 2016 die oberärztliche Leitung in Harlaching übernommen hatte, etablierte sie nach ihrer Elternzeit im Jahr 2018 gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Michael Findeisen ein erfolgreiches Jobsharing-Modell. Im Rahmen dieser Doppelspitze teilt sie sich die Führungsposition in Teilzeit. Auf dem 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin referierte sie über das Thema unter dem Titel „Topsharing" – geteilte Führung, doppelte Erfahrung und alles ist gut?“
Frau Dr. Rembold, Sie teilen sich Ihre Oberarztstelle mit einem Kollegen. Wie genau kam es zu diesem Job-Sharing-Modell?
Dr. Rembold: Ich habe Ende 2016 die Oberarztposition von meinem Vorgänger übernommen. Ein gutes Jahr später bin ich in Elternzeit gegangen. In dieser Zeit vertrat mich mein heutiger Sharing-Partner, Dr. Michael Findeisen, der ebenfalls aus unserem Team der Intensivmedizin stammt. Als ich nach einem Jahr zurückkehrte, wollten Dr. Findeisen und ich beide in Teilzeit arbeiten. Dieses Modell funktioniert nun schon seit 2018.
Wie sieht die genaue Aufteilung der Arbeitszeit bei Ihnen aus?
Dr. Rembold: In der Regel arbeite ich 70% und mein Kollege 80%. Ein enormer Vorteil dieses Modells ist die Flexibilität. Als meine Mutter schwer erkrankte, konnte ich für drei Monate auf 50 % reduzieren. Solche Schwankungen können wir füreinander ausgleichen. Zusammen decken wir auf jeden Fall mehr als eine Vollzeitstelle ab. Auch für den Arbeitgeber bietet das Modell Vorteile, so konnten wir während der Corona-Pandemie aufgrund des hohen Patientenaufkommens vorübergehend unsere Arbeitszeit auf jeweils 100 % aufstocken.
Wie teilen Sie sich die organisatorischen und medizinischen Aufgaben auf?
Dr. Rembold: Organisatorischhaben wir strikt getrennte Schwerpunkte. Ich kümmere mich beispielsweise um DRG-Abrechnungen, MDK-Anfragen sowie um die Fort- und Weiterbildung. Dr. Findeisen verantwortet die Personalplanung, das mobile ECMO-Team und Zertifizierungen. Wenn Not am Mann bzw. der Frau ist, können wir uns aber nach kurzer Rücksprache auch gegenseitig vertreten.
Die Patientenbetreuung ist zeitlich geteilt. Wer vor Ort ist, hat zu diesem Zeitpunkt das medizinische „Zepter in der Hand“.
Ein solches Modell erfordert viel Abstimmung. Wie viel Zeit kosten Sie Kommunikation und Übergaben?
Dr. Rembold: Tatsächlich dauern unsere Übergaben meist nur zehn Minuten. Das liegt daran, dass wir nicht jedes Detail besprechen müssen; die Assistenzärztinnen und -ärzte vor Ort kennen die Patientinnen und Patienten ebenfalls gut. Wir übergeben eher die groben Fahrpläne und strategischen Richtlinien. Zudem gehen alle beruflichen E-Mails grundsätzlich in CC an den anderen, damit jeder nachvollziehen kann, was gerade ansteht. Oft nutzen wir die Überschneidungszeiten, um uns über strategische Themen auszutauschen.
Was passiert, wenn Sie und Ihr Kollege bei einem Fall unterschiedlicher medizinischer Auffassung sind?
Dr. Rembold: Das kommt glücklicherweise selten vor. Sollte es doch passieren, zum Beispiel bei der Wahl einer Antibiose, beziehe ich zunächst die Sichtweise des Teams mit ein. Wenn ich mir dann sicher bin, stelle ich die Therapie um. Da ich in diesem Moment vor Ort bin, trage ich die Verantwortung und treffe die finale Entscheidung.
Häufig hat die Klinikleitung Bedenken bei solchen Modellen – etwa, dass sich bei Fehlern niemand verantwortlich fühlt. Wie haben Sie diese Bedenken ausgeräumt?
Dr. Rembold: Unser Chef war anfangs tatsächlich skeptisch, weil er Sorge hatte, dass sich bei Problemen beide hinter dem anderen wegducken und es keinen Endverantwortlichen gibt. Nach zwei Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass diese Sorge unbegründet ist – wir machen es einfach zusammen und es läuft hervorragend. Die Endverantwortung ergibt sich in der Praxis ganz natürlich über unsere aufgeteilten Schwerpunkte. Wenn man den Vorgesetzten diese Angst nimmt, sehen sie schnell, dass die Klinik dadurch nur profitiert. Es ist praktisch immer jemand von uns anwesend. Zudem profitieren alle von doppelten Erfahrungswerten, da zwei Köpfe besser denken als einer.
Die Endverantwortung ergibt sich in der Praxis ganz natürlich über unsere aufgeteilten Schwerpunkte.
Dr. med. Vanessa Rembold, Oberärztin auf der internistischen Intensivstation der München Klinik Harlaching
Welche Grundvoraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Job-Sharing in einer solchen Position gelingt?
Dr. Rembold: Es gibt mehrere wichtige Faktoren:
Man muss sich wirklich sympathisch finden und einander gut vertrauen können, da die Zusammenarbeit sehr eng ist.
Beide müssen hinter dem Modell stehen und auch einen privaten Benefit (wie Zeit für die Familie) daraus ziehen.
Beide sollten ähnliche Teilzeit-Anteile haben, bei einem zu großen Gefälle z.B. 30 % zu 70% wird einer automatisch als primärer und der andere als sekundärer Vorgesetzter wahrgenommen.
Sobald Machtkämpfe, Rivalität oder ein "Alleinherrscheranspruch" entstehen, scheitert das Konstrukt.
Man braucht eine ähnliche Arbeitseinstellung, die gleiche Arbeitsintensität und einen ähnlichen Führungsstil. Wir beide pflegen zum Beispiel flache Hierarchien.
Zudem ist es von Vorteil, wenn beide aus derselben Abteilung kommen und das Team bereits kennen.
Sie arbeiten als Frau und Mann eng zusammen. Beobachten Sie Unterschiede im Führungsstil?
Dr. Rembold: Ob jemand streng hierarchisch oder eher flach führt, ist meiner Meinung nach unabhängig vom Geschlecht und eher Charaktersache. Den grundlegenden Unterschied zwischen Mann und Frau sehe ich jedoch in der Fehlerkultur. Wenn Männer einen Fehler machen, nehmen sie diesen zur Kenntnis, lernen daraus, aber treten ihn nicht breit. Wir Frauen neigen dazu, uns selbst innerlich für einen Fehler "auszupeitschen" und ihn in alle Richtungen zu besprechen. Interessanterweise bin ich bei uns im Tandem eher der „Bad Guy“. Wenn im Team etwas nicht rund läuft, spreche ich das auch mal deutlich an und setze Regeln durch. Mein Kollege möchte es hingegen oft allen recht machen („Good Guy“). Da ergänzen wir uns wirklich optimal.
Job-Sharing auf der Intensivstation: Kann man eine Führungsposition teilen?
Die Intensivmedizin erfordert schnelle Entscheidungen und hohe Präsenz. Lässt sich eine leitende Oberarztposition unter diesen Umständen überhaupt in Teilzeit ausfüllen? Dr. Vanessa Rembold beweist gemeinsam mit ihrem Kollegen, dass dies nicht nur funktioniert, sondern Vorteile für das gesamte Team bietet.
Dass sich auch in der Intensivmedizin eine Führungsposition aufteilen lässt, beweisen die Oberärzte Dr. med. Vanessa Rembold und Dr. med. Michael Findeisen.