31. Januar 2017

Narzissmus und Gewaltdelikte: Die vielen Gesichter der Destruktivität

Narzissten können eine Reihe von positiven Eigenschaften, wie Kreativität, Leistungsbereitschaft und Produktivität, haben. Allerdings kann eine narzisstische Persönlichkeitsstörung auch in Gewaltexzessen enden, mit einer Gefahr für sich und andere.

Dieser Artikel beruht auf einer Publikation in der Fachzeitschrift Nervenheilkunde. Einige Aspekte stellt Ihnen Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, vor.

Kriterien für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung

Bei der klinischen Diagnose des Narzissmus besteht ein fließender Übergang zwischen einer narzisstischen Persönlichkeit, einer derartigen Prägung und dem Vollbild einer Persönlichkeitsstörung. Im DSM-V werden unter anderem folgende Diagnosekriterien genannt:

  • Grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit,
  • Verlangen nach übermäßiger Bewunderung,
  • Eingenommenheit von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz oder Schönheit,
  • ausbeuterisches Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen,
  • Mangel an Empathie.

Narzisstische Kränkungen können Hass, Wut oder Rachebedürfnisse hervorrufen und sind daher oftmals Auslöser von Gewalttaten. Dabei können sich die Affekte gegen das eigene Selbst oder andere Personen richten, wobei die Fremdaggression überwiegt.

Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind

Eine besondere Herausforderung stellen dabei narzisstische Gewalttaten dar, die aus einer Kombination von Suizid und der Tötung möglichst vieler anderer Menschen besteht (Homizid-Suizid). Häufig entsprechen die Taten folgendem Muster:

  • Eine langfristige Planung und Vorbereitung; es handelt sich nicht um affektive Impulshandlung,
  • eine Mischung aus Suizidabsicht und Fremdaggression,
  • der Wunsch besondere, mediale Aufmerksamkeit zu erregen,
  • mörderische Affekte mit einem „Zielobjekt“.

Während depressive Patienten beim Suizid nur sich selbst oder in Ausnahmefällen eine enge Bezugsperson töten, wollen narzisstische Mörder häufig ein besonderes Zeichen setzen und mit ihrer Tat in die Geschichte eingehen. Beispielsweise können Amokläufer eine Berühmtheit erlangen, die ihnen zu Lebzeiten verwehrt geblieben ist. Das Gefühl des Versagens, in Schule, Berufs- oder Privatleben, wird erhöht und kann dazu führen, dass ein aufsehenerregender Abgang geplant wird.

Beziehungstaten nach narzisstischer Kränkung

Welche Faktoren entscheidend sind, ob sich die Aggression gegen sich selbst oder andere Menschen richtet, ist auch unter Narzissmusforschern noch eine ungeklärte Frage.

Allerdings beschäftigt sich die Forschung ausführlich mit Beziehungstaten nach narzisstischen Kränkungen. Paarbeziehungen von Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit sind meist konflikthaft und kurzlebig. Vor allem Männer wechseln häufiger ihre Partnerinnen. Psychologische Studien unterscheiden zwei Beziehungstypen von Narzissten: den „grandios-phallischen“ und den vulnerablen Narzissten. Besonders die zweite Gruppe ist empfindlich für Kränkungen und eine Trennungsabsicht des Partners kann zu ausgeprägten Gefühlen von Eifersucht, Rache, Wut und Hass führen.

Bei mehr als einem Drittel aller Morde an Frauen ist der Täter der aktuelle oder ehemalige Liebespartner. Oftmals sind diese Fälle narzisstisch motiviert, Hauptmotiv ist die Eifersucht. Auch häusliche Gewalt zwischen den Ehepartnern ist bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen ein weit verbreitetes Phänomen. Während die Mehrheit der Täter noch immer männlich ist, werden zunehmend auch Delikte beschrieben, in denen narzisstisch gestörte Frauen gewalttätig werden.    

Auch bei Beziehungstaten kommt es zur Konstellation Homizid-Suizid. Bei großen narzisstischen Kränkungen, kann es vorkommen, dass aus Rachebedürfnis und Zerstörungswut, zunächst Ehepartner und Kinder getötet werden, bevor sich der Täter selbst umbringt.

Der psychiatrische Begriff des „erweiterten Suizids“wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert, wobei inzwischen der aus dem englischen Sprachgebrauch stammende deskriptive Begriff des „Homizid-Suizid“ überwiegend bei Beziehungstaten verwendet wird.

W. Csef. Narzissmus und Destruktivität. Nervenheilkunde 2016; 35: 585-863.

Bildquelle: © Alija-istockphoto.com

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