30. Oktober 2018

Propofol: Wirkung, Missbrauch & Todesfälle

Seit dem Tod von Michael Jackson ist das Hypnotikum Propofol auch in der Öffentlichkeit bekannt. Aufgrund der Verfügbarkeit ist ein Missbrauch des Mittels besonders bei Medizinern zu beobachten: Es steht bei Ärzten als Sucht- und Suizidmittel an erster Stelle. Erfahren Sie mehr über die Effekte und Risiken.

Lesedauer: 3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation in der Fachzeitschrift "Rechtsmedizin", die Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, für Sie zusammenfasst.1

Weit verbreitet und gut steuerbar

Bei der Sedierung und Anästhesie ist Propofol weltweit eines der am meisten verwendeten Medikamente. Bei manchen operativen Eingriffen kommt es in über 95% der Fälle zum Einsatz. In Deutschland ist es das am häufigsten eingesetzte Mittel für die Kurzzeitsedierung in der Intensivmedizin und beim Entwöhnen nach einer maschinellen Beatmung.

Das Hypnotikum, welches keine analgetische Wirkung hat, hat einen raschen Wirkeintritt und besitzt eine kurze Wirkungsdauer, weshalb es als gut steuerbar gilt. Bereits eine Stunde nach einer Sedierung mit bis zu 80 mg ist bei gesunden Patienten die Fahrtüchtigkeit wiederhergestellt.

Verabreicht wird Propofol intravenös in einer Sojaölemulsion als Bolus von 1,5-2,5 mg/kg Körpergewicht. Ab einer Plasmakonzentration von ca. 1 µg/ml kommt es zu einem Bewusstseinsverlust, ab 3-5 µg/ml tritt eine tiefe Narkose ein. Bei niedrigeren Konzentrationen treten entspannende, anxiolytische und euphorisierende Effekte auf, auch eine sexuelle Enthemmung kann vorkommen.

Zu den unerwünschten Nebenwirkungen zählt eine Apnoe nach der Bolusgabe, die bei etwa jedem dritten Patienten auftritt. Aufgrund der starken Blutdrucksenkung (um 25-40%) kann es zu einer Kreislaufdepression kommen. Auch Bradykardien aufgrund einer verminderten Sympathikusaktivität sind möglich. Bislang steht kein Antidot zur Verfügung.

Gefahr bei hohen Dosen und Langzeitanwendung: PRIS

Propofol beeinflusst zudem den Zellstoffwechsel durch eine Hemmung des Fettsäurenstoffwechsels und der Atmungskette. In seltenen Fällen kann es zu einem Propofolinfusionssyndrom (PRIS) kommen, welches bei hochdosierter oder prolongierter Infusion auftritt.

Bei der Maximalausprägung kommt es zu folgenden Symptomen:

  • metabolische Azidose,
  • Hyperlipidämie,
  • Arrhythmien,
  • Herzvresagen,
  • Rhabdomyolyse,
  • weiteres Organversagen.

Auch eine längerfristige Einnahme auch in subanästhetischer Dosierung kann zu PRIS-vergleichbaren Veränderungen führen, insbesondere zu kardialen Pathologien.

Propofolsucht: Auch für erfahrene Mediziner riskant

Propofol besitzt ein hohes Abhängigkeitspotenzial, was vor allem auf die psychomodulierenden, als angenehm empfundene Effekte bei niedrigen Dosierungen zurückzuführen ist. Auch im Anschluss an eine Sedierung berichten Patienten häufig von euphorischen Reaktionen, gesteigerter Heiterkeit und Entspannung.

Unter medizinischen Laien ist regelmäßiger, missbräuchlicher Propofolkonsum sehr selten, unter Ärzten und medizinischem Fachpersonal, insbesondere in der Anästhesiologie, jedoch häufig. Die Verfügbarkeit, Griffnähe und die intravenöse Applikation sind hier die entscheidenden Gründe. Oftmals liegt eine Mehrfachabhängigkeit vor.

Aufgrund der geringen therapeutischen Breite ist der Konsum auch für erfahrene Mediziner riskant. Die Sterblichkeitsrate bei Propofolmissbrauch liegt innerhalb des ersten Jahres der Abhängigkeit bei 15-35%. Betroffene kommen auf bis zu 100 täglichen Applikationen. Zudem führt das Substanzverlangen (Craving), welches eines der Leitsymptome der Propofolabhängigkeit ist, häufig zu kriminellen Handlungen.

Propofolassoziierte Todesfälle: Hypotension & Atemstillstand

Traurige Berühmtheit erlangte Propofol durch den Tod des Sängers Michael Jackson, der an einer Mischintoxikation aus dem Hyponitikum und Benzodiazepinen verstarb. Häufig wird Propofol auch in suizidaler Absicht eingenommen, unter Ärzten ist es sogar das häufigste Suizidmittel.

In vielen Fällen ist der Tod nicht auf eine Intoxikation zurückzuführen, sondern auf propofolassoziierte Komplikationen, wobei Hypotension und Atemstillstand zu den häufigsten Todesursachen zählen. Die postmortalen Plasmakonzentrationen liegen oftmals im oder unter dem therapeutischen Bereich. Bei einer längerfristigen Anwendung können maligne Arrhythmien und plötzlicher Herztod in Folge einer kardialen Rhabdomyolyse auftreten.

Im Jahre 2009 wurde der erste Mord mit Propofol berichtet: ein Krankenpfleger, der Zugang zu dem Medikament hatte, brachte eine 24-Jährige mit dem Medikament um.2

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  1. Maas A et al. Propofol – Abhängigkeitspotenzial und forensische Relevanz. Rechtsmedizin 2018; 28(5): 453-467.
  2. Kirby RR et al. Death from propofol: accident, suicide, or murder? Anesthesia & Analgesia 2009; 108(4):1182-1184.

Bildquelle: © istock.com/makaule

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