Vitamin-D-Mangel beim Fötus und frühkindliche Karies (ECC)
Eine der aktuellsten zahnmedizinischen Studien über Vitamin D wurde im Jahr 2025 veröffentlicht.
In einer großen Beobachtungsstudie wurde der 25-Hydroxyvitamin D (25[OH]D)-Spiegel von über 4000 Frauen in jedem Trimester ihrer Schwangerschaft untersucht. Sie wurden je nach Vitamin-D-Spiegel in vier Gruppen eingeteilt, wobei z.B. ein Gehalt von <12 ng/mL im Serum als schwerer Mangel, ≥30 ng/mL als suffiziente Konzentration klassifiziert wurden. Nach der Geburt der Kinder wurden diese bis zum Alter von 6 Jahren auf frühkindliche Karies (ECC) untersucht und ihre dmft-Werte ermittelt. Die Ergebnisse der Beobachtungsstudie sind eindeutig. Besonders bei Vitamin-D-Mangel der Schwangeren im zweiten und dritten Trimester zeigte sich nach der Geburt bei betroffenen Kindern ein statistisch signifikant höheres Auftreten von ECC.
1Vitamin D an der Schmelzreifung beteiligt
Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelte, konnten die Mechanismen dieser Zusammenhänge nicht ermittelt werden. Dem Autorenteam zufolge könnte die Ursache darin liegen, dass Vitamin D eine Rolle bei der Homöostase von Kalzium und Phosphat spielt. Eine gute Versorgung mit Vitamin D führt so zu optimalen Bedingungen für die Reifung und Mineralisation des Zahnschmelzes beim Fötus. Zusätzlich ist Vitamin D indirekt an der Bildung von Kalzium-bindenden Proteinen und von Schmelz-Matrix-Proteinen durch Ameloblasten beteiligt. Außerdem könnte eine Rolle spielen, dass Vitamin D immunmodulierend wirkt, indem es beispielsweise die Bildung antimikrobieller Peptide in der Mundschleimhaut anregt.1
Immunregulatorische Eigenschaften von Vitamin D
Zahlreiche Studien konnten nachweisen, dass Vitamin D wichtige immunregulatorische Eigenschaften besitzt und antientzündlich wirkt. Chronische Entzündungen treten bei einem Vitamin-D-Mangel häufiger auf, und die Gabe von Vitamin D trägt zur Verbesserung von Krankheitsbildern wie kardiovaskulären Erkrankungen, COPD, Asthma und Autoimmunerkrankungen bei. Da es sich bei Parodontitis um eine chronische Erkrankung handelt, deren Ausprägung entscheidend von der individuellen Reaktion des Immunsystems abhängt, liegt es nahe, dass auch hier Vitamin D eine Rolle spielen kann. Es senkt die Produktion proinflammatorischer Mediatoren und damit die Stärke der Entzündungsreaktion.
Vitamin-D-Mangel bei Parodontitis
In den letzten Jahren konnten immer mehr überzeugende Daten dazu gesammelt werden, ob sich die Vitamin-D-Spiegel bei Parodontitispatientinnen und -patienten von denen parodontal Gesunder unterscheiden. Beispielsweise wurde herausgefunden, dass
- eine Korrelation zwischen Vitamin-D-Mangel und sich verstärkender gingivaler Entzündung und Attachmentverlust (Bhargava et al.) besteht,
- niedrige 25(OH)D3-Spiegel mit verstärkter parodontaler Entzündung korrelieren (Iwasaki et al.) sowie
- eine nichtlineare Beziehung zwischen 25(OH)D3-Spiegeln und schwerer Parodontitis besteht (Zhou et al.).
Diese und weitere Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D das Risiko senkt, an Parodontitis zu erkranken bzw. die Schwere der Erkrankung reduziert. Somit könnte Vitamin D eine entscheidende Rolle bei der Prävention parodontaler Erkrankungen spielen.2
Verbessert Vitamin D die Parodontitistherapie?
Die Rolle von Vitamin D bei der Entstehung einer Parodontitis erscheint offensichtlich. Daher liegt es nahe, dass die Supplementation von Vitamin D im Rahmen einer Parodontalbehandlung die Ergebnisse der Therapie verbessert. Auch hierzu wurden bereits Studien durchgeführt, und es liegen Daten vor, die diese These unterstützen. Allerdings sind diese teilweise nicht eindeutig genug, und es wurden nur kurze Zeiträume untersucht. Ein möglicher Grund für uneinheitliche Ergebnisse könnten auch genetische Polymorphismen bei der Aktivierung von Vitamin D sein, so dass die Wirkung von Vitamin D möglicherweise individuell unterschiedlich ist. Weitere kontrollierte, randomisierte Langzeitstudien sind notwendig, um potenziell günstige Effekte von Vitamin D während der Parodontaltherapie zu belegen.2
In ihrem aktuellen Review über die Zusammenhänge zwischen Vitamin D und Parodontitis befürworten die Autoren jedenfalls die Bestimmung des 25(OH)D3-Spiegels bei Patientinnen und Patienten in der zahnärztlichen Praxis. Dies könne chairside mit Hilfe eines Schnelltests erfolgen, welcher aus dem Kapillarblut einer Fingerspitze zuverlässige Ergebnisse liefere.
2 Ein Mangel kann so behoben werden, was möglicherweise bei der Therapie, sicher aber bei der Prävention hilfreich ist.
Fazit: Vitamin D-Spiegel beachten
Da Vitamin D gesichert eine wichtige Rolle im Immunsystem und bei der Entstehung von Entzündungsreaktionen spielt, liegt es nahe, dass auch Prozesse in der Mundhöhle davon betroffen sind. Es gibt sogar deutliche Hinweise darauf, dass Vitamin D-Mangel bei Schwangeren über unterschiedliche Prozesse das Kariesrisiko bei deren Kindern erhöht. Neben ebenfalls entscheidenden Risikofaktoren und Ursachen sollte beim Vorliegen von Karies und Parodontitis also auch an einen Vitamin-D-Mangel gedacht werden. Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D kann zahlreichen Studien zufolge eine Rolle bei der Prävention von frühkindlicher Karies und Parodontitis spielen. Auch andere Indikationen von Vitamin D sind denkbar, z.B. die Verbesserung der Wundheilung nach der Entfernung von Weisheitszähnen.3