Ein Kollektiv aus Forschenden unterschiedlicher Fachrichtungen der Universitäten Kopenhagen (Dänemark) und Exeter (England) hat sich mit dem Thema Dentalscham beschäftigt und in einem aktuellen Kommentar ihre Erkenntnisse veröffentlicht. Sie plädieren für die breitere Wahrnehmung dieses Themas und betonen deutliche Auswirkungen von Dentalscham auf die Mundgesundheit und bestehende Ungleichheiten in diesem Bereich. Gleichzeitig liefern sie Lösungsansätze zum Umgang mit der Scham.
Dentalscham: Ursache und Folgeerscheinung zugleich
Dentalscham – im Englischen „Dental Shame“ – beschreibt Schamgefühle, die sich auf den Zustand der Zähne und der Mundgesundheit beziehen und Menschen davon abhalten können, zahnärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie ist abzugrenzen von Unbehagen oder Angst und beschreibt ein tiefes, gegen das eigene Selbst gerichtetes negatives Gefühl, das durch die wahrgenommene Abweichung von gesellschaftlichen Normen ausgelöst wird (z.B. sichtbare Karies, Zahnverlust, schlechter Atem). Im Gegensatz zu einfacher Verlegenheit oder Angst greift Scham das gesamte Selbstwertgefühl an und führt häufig zu dem Wunsch, sich zu verstecken. Die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass Dentalscham sowohl eine Ursache als auch eine Folgeerscheinung von Problemen der Mundgesundheit sein kann. Liegt Dentalscham vor, werden beispielsweise unterstützende Maßnahmen wie Beratungsgespräche oder Zahnbehandlungen nicht in Anspruch genommen. Als Folge von Zahnproblemen kann wiederum Scham ausgelöst werden. Ein Teufelskreis entsteht.
Zwischen Dentalscham und Stigma
Dentalscham ist eng mit dem gesellschaftlichen Stigma verbunden, das Erkrankungen im Mundbereich anhaftet. In vielen Kulturen werden schöne Zähne mit Gesundheit, sozialem Erfolg und Disziplin gleichgesetzt. Mängel hingegen, besonders wenn sie auf unbehandelte Krankheiten oder fehlende Pflege hinweisen, werden oft als Zeichen für Armut, Vernachlässigung oder persönliches Versagen gedeutet. Dieses Stigma trifft besonders Menschen aus sozioökonomisch schwächeren oder marginalisierten Gruppen, da deren schlechtere Mundgesundheit häufig strukturell bedingt bzw. auf schlechteren Zugang zu zahnärztlicher Versorgung zurückzuführen ist. Die daraus resultierende Scham entsteht dann nicht nur durch den Zustand der Zähne, sondern auch durch die gesellschaftliche Beurteilung ihrer Lebensumstände.
Scham als Barriere für die notwendige Versorgung
Die Autorinnen und Autoren stellen fest, dass die psychologischen Auswirkungen der Dentalscham gravierend sind und über mehrere Mechanismen zu schlechtem Gesundheitsverhalten führen können. Diese können sein:
- Vermeidungsverhalten: Die Angst vor der Beurteilung oder Verurteilung durch zahnärztliches Personal führt dazu, dass Betroffene zahnärztliche Termine absagen oder vermeiden, selbst bei akuten Schmerzen.
- Gehemmte Kommunikation: Während des Zahnarztbesuchs behindert Scham die offene Kommunikation. Betroffenen fällt es schwer, ihre wahren Hygienegewohnheiten oder die Dauer ihrer Beschwerden preiszugeben, was die Diagnose und die Erstellung eines passenden Behandlungsplans erschwert.
- Negativer Kreislauf: Die Vermeidung führt zur Verschlechterung der Mundgesundheit, was wiederum die Scham verstärkt und den Zyklus aufrechterhält.
Zusammenhang mit Traumata
Aktuelle Forschungen weisen dem Autorenteam zufolge auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen Dentalscham und psychischem Trauma hin. Personen, die in der Vergangenheit traumatische Erfahrungen gemacht haben, zeigen oft eine erhöhte Neigung zu Schamgefühlen. Der Mundbereich ist häufig in traumatisierende Erlebnisse (z.B. Vernachlässigung, Missbrauch) involviert, was ihn zu einem besonders sensiblen Körperbereich macht. Die zahnärztliche Behandlung selbst kann aufgrund des Kontrollverlusts, der körperlichen Nähe oder schmerzhafter Erfahrungen als Wiederholung des Traumas empfunden werden. Dies kann zu akuten Angstreaktionen führen, die das Behandlungsteam möglicherweise als mangelnde Kooperationsbereitschaft interpretiert.
„Schamkompetenz“ beim Behandlungsteam entwickeln
Um diesen negativen Kreislauf zu durchbrechen, fordern die Autorinnen und Autoren die Entwicklung von Schamkompetenz in der zahnärztlichen Versorgung. Schamkompetenz bedeutet für Behandlerinnen und Behandler:
- Signale zu erkennen: Subtile Anzeichen von Scham sollten identifiziert werden (z.B. Vermeidung von Blickkontakt, Abdecken des Mundes, übermäßige Entschuldigungen).
- Auf Urteile zu verzichten: Es sollte eine neutrale, wertfreie Sprache gewählt werden, die Belehrungen oder moralische Appelle vermeidet (z.B. keine Sätze wie „Sie hätten besser putzen müssen.“).
- Eine sichere Umgebung zu schaffen: Patientinnen und Patienten sollten Empathie und Respekt entgegengebracht und dem Gefühl des Kontrollverlust vorgebeugt werden (z.B. mit Hilfe eines Stopp-Signals).
Fazit
Forschende haben versucht, auf interdisziplinärer Ebene das Thema Dentalscham näher zu beleuchten. Ihnen zufolge ist sie ein entscheidender, wenn auch oft verborgener Mechanismus, der die Mundgesundheitsversorgung erschwert und zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ungleichheiten beiträgt. Die Ursache für mangelnde Mundgesundheit sei daher nicht nur im Bereich des Zugangs zur Mundhygiene zu suchen, sondern auch in der seelischen Belastung und individuellen
sozialen Prägung. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, sich in der Forschung verstärkt mit den komplexen psychologischen und sozialen Ursachen sowie den Folgen der Dentalscham auseinanderzusetzen, um wirksame, schamsensible Behandlungsstrategien zu entwickeln. Durch die aktive Anerkennung und Berücksichtigung der Schamgefühle von Patientinnen und Patienten könne die zahnärztliche Versorgung gerechter und erfolgreicher gestaltet werden.
Von welchen Erfahrungen mit dem Thema Scham können Sie aus Ihrer Praxistätigkeit berichten? Welche Tipps haben Sie für Ihre Kolleginnen und Kollegen? Schreiben Sie dazu gerne in das Kommentarfeld unter dem Artikel.