Die Operation des grauen Stars (Katarakt-OP) gilt heutzutage in Ländern mit hohem Einkommen als Routine-Eingriff. Meist ambulant und in Lokalanästhesie wird die getrübte Augenlinse gegen eine klare Kunstlinse ausgetauscht – das Auge ist dann pseudophak. Vor der Erfindung solcher künstlichen Intraokularlinsen (IOL) blieben Augen nach Katarakt-Extraktion linsenlos und damit aphak. Bei aphaken Augen fehlt die Brechkraft der Augenlinse, was, je nach Bulbusmaß, zu einer starken Weitsichtigkeit (Hyperopie) von ca.+10 bis +13 Dioptrien führt. Abhilfe schaffen Brillen mit Sammellinsen mit entsprechend hohen Brechwerten, beispielsweise von +12 Dioptrien.1
Die Gläser solcher Starbrillen sind allerdings dick und verursachen optische Nebenwirkungen wie Bildvergrößerung, Gesichtsfeldeinschränkung und erhebliche Abbildungsfehler – alles Probleme, die bei intraokulärer Implantation von Korrekturlinsen nicht entstehen. Daher markiert die Erfindung der künstlichen IOL einen Wendepunkt in der Katarakt-Chirurgie.
Sir Harold Ridley (1906–2001) entwickelte und implantierte die erste künstliche Intraokularlinse – fast jeder Augenarzt kennt diesen berühmten Namen. Der britische Ophthalmo-Chirurg Ridley war von einem Medizinstudenten gefragt worden, ob er, nach einer Katarakt-Extraktion, die natürliche Linse durch eine künstliche ersetzen würde. Daraufhin begann Ridley im Herbst 1949 mit der Entwicklung einer solchen Kunstlinse.
Seit dem zweiten Weltkrieg war bekannt, dass intraokulare Fremdkörper aus Acrylglas sich inert verhielten. Zu dieser Zeit waren nämlich Berichte über verwundete Kampfpiloten publiziert worden, die Scherben aus Acrylglas im Auge trugen, da Windschutzscheiben der damaligen Flugzeuge aus diesem Material bestanden. Ridley benutzte daher Acrylglas für die Entwicklung seiner ersten IOL. Das Material hieß „Transpex I“ und hatte bis dahin in der Optik, zum Beispiel für die Herstellung von Brillengläsern, Anwendung gefunden.
Im Jahr 1950 war es dann soweit: Ridley implantierte die erste künstliche, permanente IOL. Die Operation wurde zweizeitig durchgeführt mit sekundärer Linsenimplantation nach vorangegangener extrakapsulärer Katarakt-Extraktion.
Die anfänglich verwendeten Kunstlinsen hatten den gleichen Oberflächenradius wie eine kristalline Linse, trotz deutlich höherem Brechungsindex. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Ridleys erster Patient einen postoperativen Refraktionswert von -21 Dioptrien aufwies.
Ein weiteres Problem waren postoperative Uveitiden (Entzündungen der Gefäßhaut). Ursächlich war das benutzte Desinfektionsmittel „Cetrimide“, welches von der Firma, die das Linsenmaterial „Transpex I“ herstellte, erfunden worden war. Es hatte Rückstände auf der IOL hinterlassen. Nichtsdestoweniger hatte Ridley bewiesen, dass gute Ergebnisse durch die Implantation von Kunstlinsen in das menschliche Auge zu erzielen waren. Er ist heutzutage daher zu Recht als Pionier der modernen Katarakt-Chirurgie bekannt.