Wie die COVID-19-mRNA-Impfung die Immuntherapie beeinflusst
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Das zeigt eine in Nature veröffentlichte Analyse von US-Forschenden, die zugleich beim ESMO-Kongress 2025 in Berlin vorgestellt wurde. 1,2
Immuntherapien wie Nivolumab oder Pembrolizumab haben die Prognose vieler Tumorarten deutlich verbessert. Doch nicht alle Patienten sprechen auf ICI an – vor allem solche mit immunologisch „kalten“ Tumoren, bei denen kaum T-Zellen ins Tumorgewebe eindringen und die nur eine geringe PD-L1-Expression aufweisen.
Um solche Tumoren für das Immunsystem beziehungsweise für Immuntherapien empfänglicher zu machen, wird seit einiger Zeit an mRNA-basierten Krebsvakzinen geforscht – mit ersten vielversprechenden Ergebnissen. Diese Impfstoffe sind jedoch personalisiert, aufwendig und zeitintensiv in der Herstellung.
Standard-mRNA-Impfstoffe könnten auch antitumorale Effekte entfalten
Vor diesem Hintergrund erscheinen die neuen Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Dr. Adam J. Grippin vom MD Anderson Cancer Center in Houston und Prof. Dr. Elias Sayour von der University of Florida besonders spannend. Die Forschenden zeigten nämlich, dass auch ein unspezifisches, bereits verfügbares mRNA-Vakzin – etwa ein COVID-19-Impfstoff – das Tumormilieu immunologisch „aufheizen“ kann.
In präklinischen Modellen immunologisch kalter Tumoren führte die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff gegen das Spike-Protein von SARS-CoV-2 zu einer starken Typ-I-Interferonantwort. Diese aktivierte Antigen-präsentierende Zellen, die wiederum CD8⁺-T-Zellen gegen Tumorantigene primten. Die Tumoren reagierten mit einer verstärkten PD-L1-Expression. Allein reichte die Immunaktivierung jedoch nicht aus – erst die Kombination mit einem ICI erzielte eine maximale antitumorale Wirkung.
Bemerkenswert: Der Effekt hing nicht vom Spike-Protein selbst ab. Als die Forschenden die Spike-Protein-mRNA durch mRNA eines Zytomegalievirus-Antigens ersetzten, blieb die Wirkung bestehen. Entscheidend war also offenbar die mRNA-/Lipid-Nanopartikel-Struktur des Vakzins, nicht das Zielantigen. Dennoch ist eine mRNA offenbar erforderlich – ohne Translation blieb die Interferonantwort deutlich schwächer und der antitumorale Effekt aus.
Deutlicher Überlebensvorteil bei geimpften Krebspatienten
Auch beim Menschen zeigte sich ein vergleichbares Muster: In einer retrospektiven Analyse von über 1.000 Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) oder Melanom war eine COVID-19-mRNA-Impfung (z.B. von Moderna oder BioNTech) innerhalb von 100 Tagen vor oder nach Beginn einer ICI-Therapie mit einem signifikant verlängerten Überleben assoziiert.
Bei NSCLC-Patienten betrug das mediane Gesamtüberleben 37,3 gegenüber 20,6 Monaten. Die 3-Jahres-Überlebensrate lag bei 55,7% versus 30,8% (Hazard Ratio [HR] 0,51; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,37-0,71; p<0,0001). Beim Melanom war das mediane Überleben in der Impfgruppe noch nicht erreicht (vs. 26,7 Monate ohne Impfung). Das 36-Monats-Überleben lag bei 67,6% versus 44,1% (HR 0,37; 95%-KI 0,18-0,74; p=0,0048). Der Vorteil blieb auch nach Propensity-Score-Matching und bei „kalten“ Tumoren mit geringer PD-L1-Expression (TPS<1%) erhalten.
„Am ausgeprägtesten war der Unterschied bei Patienten, bei denen aufgrund der molekularen Tumoreigenschaften eigentlich keine starke Immunantwort zu erwarten war“, erklärte Sayour.
Am ausgeprägtesten war der Unterschied bei Patienten, bei denen aufgrund der molekularen Tumoreigenschaften eigentlich keine starke Immunantwort zu erwarten war.
Prof. Dr. Elias Sayour, University of Florida
Kalte Tumoren werden in heiße Tumoren umgewandelt
Analysen von mehr als 2.000 Biopsien zeigten zudem, dass die PD-L1-Expression nach COVID-19-mRNA-Impfung im Mittel um rund 24% zunahm – ein Hinweis darauf, dass die mRNA-Vakzine „kalte“ Tumoren in „heiße“ verwandeln könnten. Klassische Impfstoffe wie Influenza- oder Pneumokokken-Vakzinen zeigten dagegen keinen Einfluss auf das Überleben.
„Die Implikationen sind außergewöhnlich – das könnte die gesamte onkologische Therapie verändern“, so Sayour. „Wir könnten künftig unspezifische Vakzine entwickeln, die die Immunantwort neu justieren und als universell verfügbare Krebsimpfstoffe dienen.“ Er räumt ein, dass die Ergebnisse vorläufig seien und auf einer retrospektiven Analyse beruhten. Die Arbeitsgruppe bereite aber bereits eine prospektive klinische Studie vor.
Die Ergebnisse sind vorläufig – viele Fragen müssen noch geklärt werden
Eine unabhängige Einschätzung der Ergebnisse kommt von Dr. Eric Topol, Kardiologe und Direktor des Scripps Research Translational Institute in San Diego, USA. In seinem Newsletter Ground Truths betont er, dass der Nutzen von tumorunspezifischen mRNA-Vakzinen in unabhängigen Kohorten bestätigt und insbesondere auch bei immunologisch „kalten“ Tumoren geprüft werden müsse. Auch in welchem Zeitfenster die mRNA-Impfung erfolgen muss, ist aktuell noch nicht vollständig geklärt.
Aber sollte sich der Effekt bestätigen, könnte dies eine neue, einfach zugängliche Alternative zu personalisierten Neoantigen-Vakzinen eröffnen, ist er sicher. In Zukunft, so spekuliert Topol, könnten gebrauchsfertige Neoantigen-Vakzine entwickelt oder mRNA-Impfstoffe sogar zur Krebsprävention bei Hochrisikopatienten eingesetzt werden.
Die Implikationen sind außergewöhnlich – das könnte die gesamte onkologische Therapie verändern.
COVID-19-mRNA-Impfung verlängert Überleben unter ICI: Bei Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC oder Melanom war eine COVID-19-mRNA-Impfung innerhalb von 100 Tagen um den Beginn der Immuncheckpoint-Inhibition signifikant mit einem verlängerten Gesamtüberleben assoziiert (HR 0,51 bzw. 0,37).
Mechanismus: Umwandlung "kalter" in "heiße" Tumoren: Präklinisch induziert die mRNA-/Lipid-Nanopartikel-Struktur eine starke Typ-I-Interferonantwort, die das Tumormilieu immunogen "aufheizt" (Aktivierung APCs, CD8⁺-Priming, verstärkte PD-L1-Expression).
Dieser Effekt war unabhängig vom Zielantigen (Spike-Protein).
Wie die COVID-19-mRNA-Impfung die Immuntherapie beeinflusst
Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Lungen- oder Hautkrebs lebten signifikant länger, wenn sie innerhalb von 100 Tagen vor oder nach Beginn einer Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) ein COVID-19-mRNA-Vakzin erhielten.
27.10.2025Lesedauer: ca. 4 MinutenVon: Nadine Eckert
Die mRNA-Impfung hat wohl mehr Effekte als bislang angenommen.