Vom Vormittags-Mythos zur ADC-Präzision: Pragmatismus schlägt Dogma
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Kopenhagen zwischen Zimtschnecken und kollegialem Austausch
Manchmal ist das, was wir auf einem Kongress lernen, nicht die eine große, alles verändernde Studie, sondern die Erdung unserer klinischen Hypothesen. Auch beim diesjährigen European Lung Cancer Congress (ELCC) in Kopenhagen war dies der Fall.
Außerdem ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus Europa und dem onkologischen Nachwuchs immer ein wichtiger Aspekt beim Besuch von Kongressen.
Vormittags oder nachmittags? Die Entzauberung des zirkadianen Mythos
Lange Zeit geisterte die Hypothese durch unsere Flure, dass Immuntherapien am Vormittag besser wirken könnten, weil der Immunstatus dem zirkadianen Rhythmus unterliegt. Auch ich habe in meinem Alltag versucht, die Gaben eher in die frühen Stunden zu schieben. Die Daten wurden allerdings bislang nur retrospektiv erhoben.
Doch die LBA2 - ETOP-Roche i-TIMES: Immunotherapy timing investigation on lung cancer survival (bisher noch nicht veröffentlicht ) hat hier nun prospektiv und randomisiert aufgeräumt. Das eindeutige Ergebnis: Der Zeitpunkt der Gabe ist schlichtweg egal. Schaut man sich die Halbwertszeiten der Checkpoint-Inhibitoren an, die oft einen Monat betragen, ist das auch nur logisch.
Auf ein paar Stunden kommt es bei der Gabe von Checkpoint-Inhibitoren gar nicht an.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Diese Erkenntnis nimmt Druck aus der Terminplanung und zeigt, dass wir uns auf die Substanz verlassen können, unabhängig von der Uhrzeit.
Die Ära nach der Immun-Monotherapie: ADCs und neue Targets
Wir bewegen uns mit großen Schritten von der reinen Immuntherapie weg hin zu einer Ära der Präzision. Besonders spannend: KRAS ist nicht mehr nur G12C. Die neuen Daten zu KRAS G12D zeigen, dass wir demnächst ein weiteres Target therapeutisch adressieren können, das uns auch beim Pankreaskarzinom Hoffnung macht.
Gleichzeitig werden wir von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) förmlich überflutet. Aber hier mischt sich in die Euphorie eine notwendige Skepsis, wie auch Fred R. Hirsch aus New York in der Keynote Lecture betonte. Wir dürfen die ADCs nicht „blind über alles zerstreuen“.
Wir brauchen jetzt nicht noch mehr ADCs, sondern wir brauchen letztlich die Biomarker, mit denen wir selektionieren können.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Die Zukunft liegt in der intelligenten Selektion durch die Molekularpathologie, nicht im Gießkannenprinzip.
CTLA-4: Totgesagte leben länger
Ein weiteres Highlight war die Erkenntnis, dass wir CTLA-4-Antikörper noch nicht in die Rente schicken sollten. Eine vorgestellte Studie lieferte interessante Belege dafür, dass eine CTLA-4-Gabe selbst nach einer vorangegangenen Immuntherapie noch einen signifikanten Effekt erzielen kann.
Wir kennen das Phänomen bereits vom Melanom: Wenn eine Monotherapie versagt, kann die gezielte doppelte Checkpoint-Inhibition das Immunsystem noch einmal entscheidend triggern und so doch noch eine Remission herbeiführen.
Das ist ein wertvolles Therapiekonzept, über das wir in der klinischen Praxis und in künftigen Studien definitiv intensiver nachdenken müssen.
Innovation trifft auf deutsche Bürokratie
Ein wunder Punkt bleibt die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und realer Verfügbarkeit. Nehmen wir Tarlatamab beim kleinzelligen Lungenkarzinom: Die Daten sind seit dem letzten Sommer bekannt, die Ergebnisse überzeugend. Dennoch warten wir in Deutschland immer noch auf die offizielle Zulassung.
Wir kennen die Daten und die Ergebnisse und stellen seitdem Kostenanträge.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Es ist mühsam, wenn wir wissen, was hilft, aber wertvolle Zeit mit Papierkram für Einzelfallentscheidungen verlieren, während die Patientinnen und Patienten auf moderne Therapieoptionen warten.
Ein neuer Blick auf die Prävention
Abseits der High-End-Onkologie startet am 1. April das Lungenkrebs-Screening für starke Raucher. Ein wichtiger Schritt in Richtung Prävention, der eher im Feld der Pneumologen liegt, uns Onkologen aber indirekt entlasten soll.
Die Herausforderung wird die Implementierung sein – ein CT ist zwar weniger invasiv als eine Koloskopie, erfordert aber dennoch Logistik und Motivation beim Patienten. Wir müssen hier eine ähnliche Professionalität erreichen wie beim Mammographie-Screening. Dieses hat hier eine Vorbildfunktion.
Unsere Mitwirkenden
Harald Müller-Huesmann
Autor
Harald Müller-Huesmann ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie sowie Palliativmediziner. Er ist Oberarzt am Christlichen Klinikum Paderborn und ärztlicher Leiter eines zertifizierten onkologischen MVZ.
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ELCC 2026 in Kopenhagen
Vom Vormittags-Mythos zur ADC-Präzision: Pragmatismus schlägt Dogma
Vom Mythos der „Vormittags-Immuntherapie“ bis zur Flut neuer Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs): Harald Müller-Huesmanns Bilanz zum ELCC 2026: Wir brauchen weniger bürokratische Hürden bei der Zulassung und mehr Schärfe bei den Biomarkern, um den technologischen Sprung endlich flächendeckend ans Patientenbett zu bringen.
02.04.2026Lesedauer: ca. 3 MinutenAutor: Harald Müller-Huesmann | Redaktion: Christoph Renninger
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