Vom Befund zur Therapie: Team-D als Motor der personalisierten Onkologie
Sie möchten weiterlesen & kommentieren?
Jetzt kostenlos coliquio-Mitglied werden und Zugriff erhalten auf:
alle Artikel
den Austausch mit Fachkollegen
CME-Fortbildungen und Webseminare
Zwischen Eskalation und Deeskalation
Wenn ich an das Jahr 2000 denke, an die Zulassung von Trastuzumab beim HER2-neu-positiven Mammakarzinom, dann war das ein Wendepunkt. Heute sehen wir, dass wir durch Marker nicht nur Therapien eskalieren, sondern – was oft genauso wichtig ist – auch deeskalieren können. Das bedeutet in der Praxis: Wir können die Aggressivität der Behandlung exakt an das biologische Risiko anpassen.
Wo früher „viel hilft viel“ galt, können wir heute dank der Marker vielen Patienten unnötige Toxizität ersparen, ohne die Heilungschancen zu gefährden.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Die 100-Prozent-Utopie?
Ein Paradebeispiel für die aktuelle Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist das Lungenkarzinom. Eigentlich sollte es Standard sein, dass jeder Patient molekularpathologisch sequenziert wird. Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus: Die Zahlen aus dem CRISP-Register von Prof. Griesinger zeigen, dass wir nur bei etwa 70 bis 80 % liegen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Jeder 4. bis 5. Patient erhält möglicherweise nicht die optimale, zielgerichtete Therapie.
Woran liegt das? Oft sind es Alter oder ein schlechter Allgemeinzustand, die als Ausschlusskriterium vorgeschoben werden. Doch gerade hier liegt der Denkfehler:
Auch ein 90-Jähriger mit EGFR-Mutation kann von einer personalisierten Therapie, die meist gut verträglich ist, profitieren.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Mein Credo lautet daher: Testen, testen, testen. Wir müssen die Awareness so weit steigern, dass Patienten aktiv fragen: „Bin ich schon getestet worden?“
Team-D : Die digitale Brücke zur High-End-Onkologie
Die Komplexität der molekularen Befunde kann einen einzelnen Arzt, gerade im niedergelassenen Bereich, vor enorme Herausforderungen stellen. Hier setzt die Initiative Team-D an, die mir ein besonderes Anliegen ist. Es handelt sich um eine Vereinigung von ärztlichen Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland, die das Wissen der molekularen Tumorboards bündeln und für jeden zugänglich machen.
Das Konzept ist so simpel wie effektiv: In virtuellen Boards setzen wir uns regelmäßig zusammen, um komplexe Mutationen tiefgreifend zu diskutieren. Dabei profitieren wir von einer multidisziplinären Expertise, die man allein kaum abbilden kann: Pathologen, Humangenetiker, Gastroenterologen, Onkologen und Chirurgen arbeiten Hand in Hand.
Was Team-D für die tägliche Praxis so wertvoll macht:
Vernetzung gegen die Seltenheit: Findet man eine seltene Mutation, kann man über dieses Netzwerk gezielt Kollegen an Universitätskliniken nach ihren spezifischen Erfahrungen mit genau dieser Veränderung fragen.
Rückendeckung bei der Erstattung: Ein Target zu finden bedeutet leider nicht automatisch, dass das Medikament bezahlt wird. Oft landen wir im Off-Label-Use. Wenn eine Therapieempfehlung jedoch durch ein interdisziplinäres Gremium wie Team-D oder ein molekulares Tumorboard ausgesprochen wird, hat der Kostenantrag bei den Kassen ein völlig anderes Gewicht.
Niederschwelliger Zugang: Man muss kein Professor sein, um teilzunehmen. Wer die Zugangsdaten möchte, kann sie unkompliziert erhalten. Man kann aktiv Fälle vorstellen oder auch einfach nur „still lauschen“, um von der Expertise der über 15 beteiligten molekularen Tumorboards zu lernen.
Man hat die Expertise von über 15 molekularen Tumorboards aus ganz Deutschland. Das ist fantastisch.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Der europäische Horizont: Die Delphi-Studie
Wir müssen uns auf die Bereiche konzentrieren, in denen bereits wissenschaftliche Daten vorliegen, aber auch bei klinisch „kuriosen“ Verläufen hellhörig werden, die auf eine molekulare Treibermutation hindeuten könnten.
Dass wir mit diesen Herausforderungen nicht allein sind, zeigt die aktuelle Delphi-Studie im European Journal of Human Genetics, die das Ganze auf europäischer Ebene untersucht hat.
Die Studie unterstreicht 5 wesentliche Maßnahmen, um die personalisierte Medizin flächendeckend zu etablieren:
EU-Anerkennung: Einheitlicher Status für genetische Berater
Leitlinien-Check: Zwingende Einbindung genetischer Expertise in empfohlene Behandlungspfade
Standard-Bildung: EU-weites Register und verbindliche Ausbildungsstandards
Erstattungsgarantie: Pflicht zur Kostenübernahme für genetische Beratungen.
Onko-Curriculum: Genetik als Pflichtteil der Facharztausbildung und Fortbildung.
Fazit: Erst die Diagnose, dann die Therapie
Wir dürfen nicht aus Zeitdruck oder bürokratischen Hürden auf die beste Diagnostik verzichten. Eine Liquid Biopsy oder ein NGS-Panel sind heute keine Luxusgüter mehr, sondern notwendige Werkzeuge.
Bevor wir loslegen, sollten wir eine gute Diagnostik haben.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Nur so werden wir der Verantwortung gerecht, die wir gegenüber jedem einzelnen Patienten tragen – egal, ob er in einer Universitätsstadt wohnt oder in der tiefsten Provinz.
Wie sind Ihre Erfahrungen und Herausforderungen bei der personalisierten Krebstherapie?
Wie bewerten Sie diesen Beitrag?
Präzisionsonkologie
Vom Befund zur Therapie: Team-D als Motor der personalisierten Onkologie
Wir leben in einer Ära der Onkologie, die ich mir zu Beginn meiner Laufbahn vor über zwei Jahrzehnten kaum hätte träumen lassen. Der Wandel von der pauschalen Chemotherapie hin zu einer hochindividuellen Therapielandschaft ist immens. Doch während die Wissenschaft rasant fortschreitet, humpelt die Versorgung in der Breite oft noch hinterher.