Jetzt kostenlos coliquio-Mitglied werden und Zugriff erhalten auf:
alle Artikel
den Austausch mit Fachkollegen
CME-Fortbildungen und Webseminare
Der „Bunte Blumenstrauß“ der Praxisrelevanz
Der DKK ist kein Kongress der großen, weltweit neuen Studiendaten – dafür haben wir den ASCO- oder den ESMO-Kongress. Aber er ist der Ort, um über den Tellerrand zu schauen. Ob es um neue Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs), Liquid Biopsy oder ganz lebensnahe Themen wie Fatigue und Cancer Survivorship geht – hier bekommt die Komplexität unserer Arbeit ein Gesicht.
Sein Wert liegt vielmehr in einem „bunten Blumenstrauß“ an Themen, die uns im Alltag wirklich fordern. Hier treffen Onkologen auf Chirurgen, Strahlentherapeuten, Gynäkologen und Urologen, um die oft unterschiedliche Versorgungspraxis in Deutschland zu diskutieren.
Die interdisziplinäre Vernetzung ist der Motor für den wissenschaftlichen Fortschritt.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Besonders schön war der Raum für direkte Begegnungen mit Patientenorganisationen und NGOs, die auf großen Kongressen oft untergehen, aber wertvollen Input für die Arbeit mit Patientinnen und Patienten bieten.
KI zwischen Hype und Klinik-Alltag
Künstliche Intelligenz war das omnipräsente Thema auf dem DKK. Es ist faszinierend zu sehen, wie Large Language Models und andere Anwendungen mittlerweile Diagnosen und Prognosen unterstützen können. Aber wenn ich ehrlich bin und das Ganze auf unsere Praxis runterbreche, sieht die Realität oft noch anders aus. Da kämpfen wir mit dem Datenschutz, während das einzige KI-Tool, das wirklich genutzt wird, ChatGPT auf dem Handy ist.
Dennoch: Wir sind auf dem richtigen Weg. Die elektronische Patientenakte ist ein erster, wenn auch holpriger Schritt. Wir müssen aufhören, nur über die Unzulänglichkeiten zu meckern.
Bessere Versorgung mit KI-Unterstützung
Besonders spannend fand ich die Ansätze zur Studienvermittlung. Es kann nicht sein, dass ein Patient nicht von einer passenden Studie erfährt, nur weil die Information nicht fließt. Wenn KI uns künftig hilft, Arztbriefe zu scannen und Patienten passgenau mit Studien im Umkreis zu matchen, ist das ein echter Gewinn für die Versorgung.
Inmitten der zunehmenden Komplexität stellt sich auch die pragmatische Frage: Welche Werkzeuge nutzen wir eigentlich im klinischen Alltag, um den Überblick nicht zu verlieren? Ein interessanter Impuls war für mich die App „EasyOncology“.
Das Ziel ist ambitioniert: Die gesamte algorithmische Tiefe der onkologischen Therapiepfade in einer mobilen Anwendung abzubilden, um die Komplexität beherrschbar zu machen.
KI wird den Radiologen, Pathologen oder Onkologen nicht verdrängen, aber der Arzt, der KI nutzt, wird denjenigen ersetzen, der es nicht tut.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Ich glaube fest an die Hybridlösung: Der Mensch bleibt die letzte Instanz, nutzt die KI aber als präzises Werkzeug.
Social Media: Ein neuer Weg des Wissenstransfers
In der von mir geleiteten Session „Onkologie im digitalen Zeitalter: Chancen und Herausforderungen von Social Media in der Krebsmedizin“ wurde deutlich, wie sehr sich die Art, wie wir Wissen konsumieren, gewandelt hat. Die „Wissenscommunity“ holt sich ihre Informationen heute oft nicht mehr primär aus Fachzeitschriften, sondern über soziale Netzwerke und Kongresse. Das ist eine Chance, birgt aber auch eine enorme Verantwortung.
Ein zentrales Stichwort der Bundesärztekammer war: „Always be a doctor“. Egal wie aktiv wir auf LinkedIn oder X sind, wir werden immer als Mediziner wahrgenommen und müssen unsere Seriosität und die Schweigepflicht wahren.
S3-Leitlinien: Mehr Geschwindigkeit notwendig
Gleichzeitig steht die klassische evidenzbasierte Medizin vor einer Herausforderung: Die Erstellung von S3-Leitlinien ist ein langwieriger, demokratischer Prozess, während neue Studiendaten im Netz sofort präsent sind. Wir brauchen hier eine neue Geschwindigkeit, ohne die wissenschaftliche Tiefe zu verlieren.
Ein Appell an den Nachwuchs: Die Onkologie von morgen gestalten
Was mich auf diesem Kongress besonders berührt und auch ein Stück weit beruhigt hat, war die enorme Präsenz der nächsten Generation. Rund 1.000 junge Kolleginnen und Kollegen waren in Berlin vor Ort. Ich habe dort sehr engagierte Menschen gesehen, die ihre Poster mit einer Leidenschaft vorgestellt haben, die mich an meine eigenen Anfänge vor 20 Jahren erinnert hat.
Die onkologische Welt ist durch die Vielzahl an Therapiemöglichkeiten heute zwar viel bunter, aber eben auch ungleich komplexer geworden. Umso wichtiger ist es, dass junge Mediziner den DKK nicht nur als Pflichtveranstaltung, sondern als echte Chance begreifen.
Es geht darum, den klinischen Ablauf eines Onkologen kennenzulernen – weg von den reinen Therapiealgorithmen hin zur individuellen Interpretation für den Menschen, der eben nicht immer eins zu eins in einer Studie abgebildet ist.
Nahbare Onkologie für den Nachwuchs auf dem DKK
Ich hatte mit mehreren Studierenden gesprochen, die gesagt haben: „Boah, das war ziemlich cool. Ich konnte den Professor einfach fragen, was man sich so als Student normalerweise nicht so traut.“ Auch der Einblick in die hochglänzende Welt der Industrieausstellung war für viele faszinierend.
Genau diese Ungezwungenheit macht den Wert des DKK aus. Wo sonst hat man die Möglichkeit, so niederschwellig über den Tellerrand der eigenen Fachrichtung zu blicken?
Mein dringender Rat an alle jungen Ärztinnen und Ärzte: Wenn euer Chef euch anbietet, einen Patientenfall oder ein Poster vorzustellen, nehmt es an. Begreift es nicht als Zusatzarbeit, sondern als persönliche Chance für die berufliche Weiterentwicklung.
Wir brauchen frischen Wind, um die zunehmende Komplexität unserer Disziplin zu meistern. Die Onkologie ist bunter geworden – und das ist gut so.
Harald Müller-Huesmann, Christliches Klinikum Paderborn
Was bedeutet der DKK für Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen? Schreiben Sie es gerne im Kommentarfeld.
Unsere Mitwirkenden
Harald Müller-Huesmann
Autor
Harald Müller-Huesmann ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie sowie Palliativmediziner. Er ist Oberarzt am Christlichen Klinikum Paderborn und ärztlicher Leiter eines zertifizierten onkologischen MVZ.
Mit 12.500 Teilnehmenden war der 37. Deutsche Krebskongress (DKK) in Berlin weit mehr als ein trockenes Schaulaufen von Statistiken und Studiendaten. Er war ein politisches Statement und ein Marktplatz der Vernetzung. Mitten in der Hauptstadt wurde klar: Wir betreiben Onkologie im Dialog und im Team mit vielen Beteiligten.
25.02.2026Lesedauer: ca. 4 MinutenAutor: Harald Müller-Huesmann | Redaktion: Christoph Renninger