Chronische Nierenerkrankungen (CKD) stellen weltweit eine zunehmende Herausforderung dar. Sie sind eng mit kardiovaskulären Erkrankungen verknüpft und haben erhebliche Auswirkungen auf Morbidität, Mortalität und das Gesundheitswesen. Während für viele Länder aktuelle Prävalenzdaten vorliegen, sind die epidemiologischen Grundlagen für Deutschland bislang lückenhaft. Die Hamburg City Health Study (HCHS), eine der größten bevölkerungsbasierten Kohortenstudien Europas, liefert nun neue Erkenntnisse zur Häufigkeit und Charakteristik von CKD in einer deutschen Großstadt. Die Ergebnisse wurden jüngst
im Fachmagazin Nephrology Dialysis Transplantation publiziert.¹
Prävalenz variiert je nach zugrunde liegender eGFR-Formel
Die Gesamtprävalenz von CKD lag in dieser Kohorte bei 11,2 % (95 %-Konfidenzintervall [KI] 10,6–11,8). Sie lag damit etwas unter vorherigen Schätzungen durch das European CKD Burden Consortium, war aber vergleichbar mit anderen Industriestaaten wie den USA, Dänemark oder Italien.
6 % der Untersuchten wiesen eine eGFR < 60 ml/min/1,73 m² und 6,3 % eine Albuminurie ≥ 30 mg/g auf. Auffällig war, dass die Häufigkeit je nach verwendeter eGFR-Formel erheblich variierte: Während die 2009er CKD-EPI-Formel auf Basis von Kreatinin eine Prävalenz von 11,2 % ergab, zeigte die 2012er CKD-EPI-Formel für Cystatin C eine Prävalenz von 19,5 %, für die kombinierte Formel (Kreatinin + Cystatin C) lag sie bei 13,2 %.
Überraschender geschlechtsspezifischer Unterschied
Interessanterweise zeigte sich in Hamburg eine höhere CKD-Prävalenz bei Männern (13,1 %) im Vergleich zu Frauen (9,3 %). Dies weicht von globalen Daten ab, die häufiger Frauen als betroffen ausweisen. Der Zusammenhang war nach Adjustierung für Komorbiditäten wie Hypertonie und Diabetes schwächer ausgeprägt, was auf eine teilweise Konfundierung hinweist. Dennoch könnte diese Beobachtung für Screeningstrategien im urbanen Raum von Bedeutung sein.
Risikofaktoren für CKD identifiziert
Multivariate Analysen identifizierten die bekannten Risikofaktoren Alter, Body-Mass-Index, geringe körperliche Aktivität, Hypertonie, Diabetes mellitus und Dyslipidämie als unabhängige Prädiktoren für CKD. Besonders hoch war die Prävalenz von CKD bei Menschen mit Diabetes: Hier lag sie bei 30,2 %.
Von klinischer Relevanz ist zudem, dass etwa 80 % der Personen mit reduzierter eGFR keine Proteinurie (uACR < 30 mg/g) aufwiesen. Da die meisten etablierten Therapien wie RAAS-Blockade oder SGLT2-Inhibitoren ihren nachgewiesenen Nutzen vor allem bei proteinurischen Verläufen zeigen, bleibt für einen großen Teil der Betroffenen bislang eine Therapielücke bestehen.
Konsequenzen der eGFR-Berechnungsformel
Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass die Wahl der Formel zur eGFR-Berechnung erhebliche Auswirkungen auf die Prävalenzschätzung hat. Die Verwendung von Cystatin C führte zu einem deutlich höheren Anteil an CKD-Diagnosen (+8 % gegenüber Kreatinin-basierten Werten). Dies könnte nicht nur klinische Entscheidungen, sondern auch die Gesundheitsökonomie beeinflussen. Ob die eGFR flächendeckend unter Berücksichtigung von Cystatin C berechnet werden sollte, ist bislang unklar. Zwar gilt der auf Cystatin C basierende eGFR-Wert als prädiktiver für kardiovaskuläre Risiken, doch fehlen Daten, ob die so gewonnen Werte klinische Outcomes verbessern können und dabei kosteneffektiv sind.