Einfache Parameter wie Proteinurie, Albuminurie und Hämaturie können eine zentrale Rolle bei der Früherkennung chronischer Nierenerkrankungen (CKD) spielen. Im klinischen Alltag werden sie jedoch oft nur unzureichend untersucht.
Prof. Dr. med. Julia Weinmann-Menke, ärztliche Direktion der Klinik für Nephrologie am Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg, widmete diesem Thema auf dem diesjährigen DGIM-Kongress einen eigenen
Vortrag. Darin zeigte sie anhand praxisnaher Beispiele, wie wichtig eine rationale Urindiagnostik ist und bei welchen Personengruppen sie bislang noch zu selten eingesetzt wird.
1CKD wird häufig zu spät diagnostiziert
Gleich zu Beginn ihres Beitrags machte Prof. Weinmann-Menke auf ein zentrales Problem aufmerksam: Chronische Nierenerkrankungen werden in vielen Fällen erst spät diagnostiziert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die früheren Stadien asymptomatisch bleiben.
Die späte Diagnosestellung hat jedoch Konsequenzen. Denn zum einen schreitet die Erkrankung ohne Diagnose und entsprechende Maßnahmen schneller voran. Zum anderen steigen durch die Progression der CKD das kardiovaskuläre Risiko und die Mortalität. Eine CKD nicht zu diagnostizieren bedeute also, dass Betroffene eher sterben“, mahnte die Professorin.
Die Urindiagnostik ist aus ihrer Sicht ein einfaches und kostengünstiges Verfahren, das helfen kann, dem vorzubeugen und CKD schon in früheren Stadien zu diagnostizieren. Diese Möglichkeit werde der Expertin zufolge jedoch im Versorgungsalltag zu selten genutzt.
Umsetzung bleibt trotz Leitlinien-Empfehlung lückenhaft
„Sie können nicht sagen, ob Ihr Patient gesund ist, wenn Sie nur die eGFR bestimmen – vor allem dann nicht, wenn eine Albuminurie vorliegt“, warnte Prof. Weinmann-Menke. Internationale und nationale Leitlinien empfehlen deshalb, bei Menschen mit Risikofaktoren sowohl die eGFR als auch die Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) zu bestimmen. Das gilt also insbesondere für Menschen mit
- Hypertonie,
- Diabetes oder
- kardiovaskulären Erkrankungen.
Studien zeigen, dass die kombinierte Diagnostik deutlich mehr Menschen mit CKD identifiziert als die alleinige Bestimmung der eGFR.
Trotzdem bleibt die Umsetzung in der Praxis unzureichend: „Wir machen einfach keine Urinuntersuchungen. Wir schauen uns zwar die eGFR-bei etwa 50 % der Risikopersonen an, den Urin aber nur bei etwa 10 %, die UACR sogar bei weniger als 1 %“, kritisiert Prof. Weinmann-Menke.
Albuminurie ist häufig – auch bei normaler Nierenfunktion
Daten aus der Gutenberg-Gesundheitsstudie haben außerdem gezeigt, dass Albuminurie auch bei Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen keineswegs selten ist. „Selbst bei normaler eGFR finden wir bei fast 10 % eine relevante Albuminurie. Und etwa die Hälfte dieser Befunde bleibt auch nach 5 Jahren bestehen. Die Albuminurie ist also nicht nur nicht selten, sondern sie ist auch echt“, fasst Prof. Weinmann-Menke zusammen.
Dass die Albuminurie auch klinisch relevant ist, zeigt eine große israelische Studie, bei der eGFR und Albuminurie unabhängig voneinander mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko und einer erhöhten Sterblichkeit korrelierten.²
Bevölkerungs-Screening zur Frühdiagnostik?
Ob ein generelles Screening sinnvoll ist, bleibt offen. Eine Studie aus den Niederlanden zeigte jedoch, dass durch einfache Screening-Programme nicht nur Albuminurie, sondern auch zahlreiche bislang unbekannte Risikofaktoren entdeckt werden können. In der Untersuchung zeigte sich beispielsweise, dass:³
- Mehr als ein Drittel (35,5 %) der Teilnehmenden eine zuvor unbekannte Hypertonie hatten
- Stoffwechselstörungen häufig sind; so wurde bei 2,4 % der Teilnehmenden ein bislang unbekannter Typ-2-Diabetes festgestellt, bei 37,9 % ein Prädiabetes und bei 24,2 % eine Hypercholesterinämie
- Fast ein Drittel (29 %) bereits eine eingeschränkte eGFR hatte, bei 75 % davon war diese bis dahin unbekannt
Hämaturie ist mehr als ein urologischer Befund
Neben der Albuminurie ist aus Sicht von Prof. Weinmann-Menke auch die Hämaturie ein wichtiger diagnostischer Marker: „Die Hämaturie ist relevant, denn sie geht mit einem erhöhten Risiko für CKD einher.“
Entscheidend ist dabei die Differenzierung: „Nicht reflexartig jede Hämaturie zum Urologen schicken, sondern erst überlegen: Was könnte dahinterstecken?“ Eine mikroskopische Untersuchung des Urinsediments kann Hinweise auf verschiedene Erkrankungen liefern, zum Beispiel:
- Dysmorphe Erythrozyten / Akanthozyten („Mickey-Mouse-Zellen“) als Hinweis auf eine glomeruläre Erkrankung
- Kristalle als Hinweis auf Stoffwechselstörungen
- Fettkörperchen beim nephrotischen Syndrom
- Teilweise sind auch Erreger wie Trichomonaden zu erkennen
Diese vergleichsweise einfachen Untersuchungen können Patientinnen und Patienten unnötig invasive Diagnostik wie eine Zystoskopie ersparen.
Praktische Umsetzung: einfach und kosteneffektiv
Prof. Weinmann-Menke plädierte abschließend noch einmal dafür, die Urindiagnostik stärker in den Fokus zu rücken, denn sie sei heute einfacher denn je: „Sie müssen nichts sammeln – ein spontaner Urin reicht völlig aus und die semi-quantitativen Streifentests sind günstig und funktionieren sehr gut.“ Während die laborgestützte UACR etwa 3,90 € kostet, liegen die Kosten für semi-quantitative Streifentests bei etwa 1 €.
Die Expertin betonte jedoch, dass konventionelle Urin-Sticks für die Früherkennung ungeeignet sind, da sie Mikroalbuminurie nicht erfassen. Zur Bestimmung der UACR sind spezielle Testsysteme erforderlich und inzwischen auch verfügbar. Entsprechende Streifentests erfassen ebenfalls die üblichen anderen Parameter, sodass nicht zweimal getestet werden muss.
Fazit
Aus Sicht von Prof. Weinmann-Menke ist die Datenlage eindeutig:
Die größte Herausforderung ist dabei nicht die grundsätzliche Verfügbarkeit der Diagnostik, sondern deren konsequente Umsetzung. Eine stärkere Integration der Urindiagnostik in den Versorgungsalltag könnte aus Sicht der Expertin wesentlich dazu beitragen, den Krankheitsverlauf und die Prognose vieler Betroffener zu verbessern.