Der Weg ins Ausland ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Medscape hat deshalb für Mediziner wichtige Praxistipps zusammengestellt und ein
ausführliches internationales Dossier veröffentlicht - mit Tipps für die Anerkennung und Erfahrungsberichten von Ärzten im Ausland. Die Umfrage ermöglicht außerdem einen Blick auf Trends und auf Gründe, als Arzt das Heimatland zu verlassen.
Warum Ärzte ins Ausland gehen
Weltweit steht der Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance bei Ärzten im Vordergrund, wenn Ärzte mit dem Gedanken spielen, im Ausland zu arbeiten. Rund 70% der Befragten nennen die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben als wichtigsten Grund für den Schritt ins Ausland.
Diese Muster passen zur Belastung von Ärzten im deutschen Gesundheitswesen. Und das nicht nur in Deutschland: „Als ich anfing, Patienten zu behandeln, stieß ich schnell auf mangelnden Respekt meiner Patienten sowie auf fehlende Anerkennung und Unterstützung durch Institutionen“, hat Dr. Michael Roger aus Frankreich
Medscape erzählt. „Ich wurde regelmäßig beleidigt und angegriffen, oft, weil ich mich weigerte, Krankschreibungen auszustellen.“ Er arbeitet mittlerweile in Dubai. „Man hat mich mit offenen Armen empfangen. Mir wurde die Position des Abteilungsleiters mit dem Auftrag angeboten, eine Abteilung für Allgemeinmedizin in einem großen Krankenhaus in Dubai aufzubauen.“ Auch die Patienten seien deutlich respektvoller.
Finanzielle Motive und Vorteile für die Familie folgen bei den Beweggründen mit jeweils 46% an 2. bzw. 3. Stelle.
Die beliebtesten Länder deutscher Ärzte
Besonders häufig zieht es deutsche Ärzte in die Schweiz, nach Frankreich, Großbritannien und Spanien – in Länder mit ähnlichen Versorgungssystemen und weniger komplexen Anerkennungsverfahren. Rund 7% der im Ausland tätigen Mediziner sind laut Umfrage aus Deutschland (Kolumbien 7%, Venezuela 6%, Kuba 6%, Spanien 5%).
Gleichzeitig bleibt Deutschland mit 12% aller im Ausland befragten Ärzte ein wichtiges Ziel, was trotz struktureller Defizite auf eine weiterhin bestehende Attraktivität hindeutet. Weitere Top-Destinationen sind Spanien (22%), Frankreich (9%), die USA (7%) und Australien (6%).
Für Deutschland ergibt sich daraus ein zweischneidiges Bild: Die Zuwanderung internationaler Fachkräfte stabilisiert das Versorgungssystem, während die Abwanderung eigener Ärzte Engpässe verschärft.
Fachrichtungen mit hoher Mobilität
Die neue Umfrage macht auch deutlich, dass bestimmte Fachrichtungen besonders mobil sind. Unter allen Ärzten, die eine Auswanderung planen, sind Allgemeinmediziner bzw. Hausärzte mit 21% die größte Gruppe. Es folgen Fachärzte für Anästhesiologie (8%) und für Innere Medizin (7%).
Bei Ärzten, die bereits im Ausland tätig sind, zeigt sich ein ähnliches Bild: 20% sind Allgemeinmediziner bzw. Hausärzte, 7% Internisten und 5% Anästhesisten. Diese Verteilung verdeutlicht, dass besonders breit ausgebildete Fachrichtungen mit dem Schwerpunkt Primärversorgung international stark gefragt sind.
Einkommen im In- und Ausland
Die Einkommensperspektive ist für viele Ärzte ein wichtiger Anreiz, ihr Heimatland zu verlassen. Besonders EU-Mediziner lassen sich laut Umfrage häufiger durch die Aussicht auf höhere Vergütung motivieren: 55% nennen das Einkommen als wichtigen Grund, deutlich mehr als die 46% im Gesamtdurchschnitt der Befragung.
Ein Blick auf die Zielländer zeigt klare Muster: Großbritannien (51% der Nennungen) und die Schweiz (44%) locken mit guten Verdienstmöglichkeiten, ebenso die USA (37%).
Wie groß die Unterschiede sind, belegt die Umfrage ebenfalls. In Spanien verdienen 28% der Ärzte weniger als 50.000 US-Dollar pro Jahr: der niedrigste Wert laut Befragung. An der Spitze stehen die USA und die Schweiz: In den USA geben 38% ein Jahreseinkommen von über 300.000 US-Dollar an; in der Schweiz sind es 21%.
Diese Differenzen spiegeln sich in der Selbsteinschätzung der Befragten wider: 94% aller der in der Schweiz tätigen Ärzte aus dem Ausland berichten, mehr zu verdienen als im Heimatland. In den USA liegt dieser Wert bei 76%, in Kanada bei 71%, im Vereinigten Königreich bei 69% und in Deutschland bei 68%.
Hürden auf dem Weg ins Ausland
Am häufigsten nennen die Befragten komplexe Anerkennungsverfahren, die je nach Land viel Zeit und Aufwand erfordern. Hinzu kommen Visa- und Einwanderungsprozesse sowie Unterschiede in Versorgungssystemen und klinischen Abläufen. Besonders hoch sind diese Hürden in Australien und in der Schweiz.
„Die in Deutschland so wichtige Approbation hat in der Schweiz keinen Wert – hier geht es rein um die Anerkennung des Staatsexamens“,
erzählt Dr. Laura Cabrera Mendoza
. „Diese Anerkennung muss man bei der Medizinalberufekommission MEBEKO so früh wie möglich beantragen, weil man ohne diese MEBEKO-Anerkennung keine Medikamente verordnen darf.“ Die aktuellen Bearbeitungszeiten der MEBEKO lägen bei einigen Monaten.
Auch in Deutschland müssen sich Ärzte durch die Bürokratie kämpfen, wie die russische HNO-Ärztin
Karina Volkova
Medscape erzählt hat. Schon in Moskau machte sie einen Deutschkurs ungefähr bis zum A1-Level. „Dann musste ich hier in Deutschland das Level C1 für die spezifisch medizinische Fachsprache nachholen“, so Volkova. Dann kam die Gleichwertigkeitsprüfung zur Ausbildung in Russland. 19 Monate lang prüfte die Bezirksregierung Münster Volkovas Antrag, um schließlich Defizite festzustellen. Sie sollte noch ein Praktikum absolvieren. Doch die Suche nach einem Praktikumsplatz wurde zur Herausforderung.
Fazit: Chancen und Risiken im Blick
Die neue Umfrage zeigt, dass deutsche Ärzte in vieler Hinsicht den internationalen Trends folgen: Sie suchen bessere Arbeitsbedingungen, klarere Karrierewege und mehr Lebensqualität – und sind bereit, dafür ins Ausland zu gehen. Gleichzeitig bleibt Deutschland ein wichtiges Ziel für mobilitätsbereite Ärzte aus anderen Ländern. Gesundheitspolitiker stehen vor der Herausforderung, darauf zu reagieren, um die Versorgung langfristig nicht zu gefährden.
Der Beitrag ist im Original auf Medscape.com erschienen.