Nachdem die russische HNO-Ärztin Karina Volkova sich bei Dr. Rainer Frerich aus Düsseldorf wegen einer Stelle in seiner Praxis gemeldet hatte, ging alles ganz schnell. Mit einer Fördereng durch die KV Nordrhein in Höhe von 1.500 Euro monatlich für Frerich und mit einer vorläufigen Berufserlaubnis der Bezirksregierung Münster vom Januar dieses Jahres in der Tasche, arbeitet sie seit Jahresbeginn als Assistenzärztin in Frerichs Praxis.
Eine Sonderregelung, die allerdings Ende 2027 ausläuft. Spätestens bis dann muss sie die deutsche Approbation bekommen haben, sonst kann sie nicht weiter als Ärztin hier arbeiten. Der Weg zur Approbation in Deutschland indessen erweist sich als lang und steinig. Volkovas beruflicher Werdegang stockt – vor allem wegen bürokratischer Hürden.
Bereits 2019 kam Volkova von Russland nach Deutschland, um bei ihrem Mann sein zu können, der schon seit 30 Jahren in Deutschland lebt. „Er ist hier großgeworden“, berichtet sie. Inzwischen haben die beiden einen 6-jährigen Sohn. Volkova hat in Moskau Medizin studiert. Dort hat sie auch ihre Weiterbildung zur HNO-Ärztin gemacht, 2 Jahre lang. Dann konnte sie 5 Jahre lang in Moskau als Ärztin arbeiten, bevor sie 2019 nach Deutschland kam. „Ich habe immer davon geträumt, Ärztin zu werden“, sagt sie. „Schon meine Oma war Psychiatrie-Krankenschwester. Sie hat in mir den Wunsch geweckt, Medizin zu studieren.“
Die in Deutschland geforderte medizinische Fachsprachprüfung – neben den fachlichen Nachweisen – ist in der Regel das höchste Hindernis auf dem Weg zum approbierten Arzt in Deutschland. Volkova hat sie mit Bravour bestanden, „gleich beim ersten Anlauf“, wie sie mit berechtigtem Stolz berichtet. 6 Monate lang fuhr sie jeden Tag mit der S-Bahn von Düsseldorf nach Köln, um den Sprachkurs zu absolvieren. „Ich habe ja keinen Führerschein und kein Auto. An den Wochenenden habe ich gelernt, zusätzlich auch online“, erzählt Volkowa.
Die Fachsprachprüfung mit Bravour gemeistert
Schon in Moskau machte sie einen Deutschkurs ungefähr bis zum A1-Level. „Das brauchte ich für unserer Hochzeit. Aber dann musste ich hier in Deutschland das Level C1 für die spezifisch medizinische Fachsprache nachholen“, sagt Volkova in inzwischen fließendem Deutsch. Ärzte aus dem Ausland, die in Nordrhein-Westfalen arbeiten wollen, brauchen für die Fachsprachprüfung mindestens das Sprachniveau B2 zur allgemeinen Verständigung und zusätzlich C1 für die spezifisch medizinische Fachsprache. Die B2-Kenntnisse müssen oft bereits für die Beantragung der Approbation nachgewiesen werden.
Dann kam die so genannte Gleichwertigkeitsprüfung zur Ausbildung in Russland. 19 Monate lang prüfte die Bezirksregierung Münster Volkovas Antrag. 1.600 Euro musste sie dafür aus eigener Tasche bezahlen, berichtet Frerich: „Ein Batzen Geld, den sie da auf den Tisch legen musste.“ Das Ergebnis des Gutachtens: Das Studium in Russland sei nicht ganz ausreichend. Sie müsse Praktika von 4 Monaten in der Inneren Medizin und 4 Monaten in der Chirurgie nachträglich absolvieren, um schließlich die Approbation zu erhalten. Immerhin – die Genehmigung zur Förderung erteilte die KV Nordrhein dann ziemlich flott. In 2 Wochen lag die Erlaubnis auf dem Tisch.
Problem: Kammer sieht sie als Ärztin
Allerdings sieht nun die Ärztekammer in Volkova keine Studentin mehr, die kurzerhand ein paar Monate Ausbildung wie ein PJ´lerin in einem Krankenhaus nachholen könnte. „Sondern die Kammer sagt: Für uns ist sie eine Ärztin. Und für Ärztinnen besorgen wir keinen Praktikumsplatz, sondern nur für Studenten“, berichtet Frerich.
Also: Für die Kammer ist sie Ärztin und bekommt deshalb keinen PJ-Platz. Aber um Ärztin zu werden, braucht sie einen Praktikumsplatz. Eine Köpenickiade.
Zugleich bewarb sich Volkova an mehreren Krankenhäusern, um die fehlenden Qualifikationen nachzuholen. „Ich habe überallhin meine Unterlagen geschickt. Aber ich bekomme nur Absagen, weil ich keine Approbation habe“, sagt Volkova. Außerdem sind die Klinikchefs in der Regel nicht begeistert, wenn sie für eine Ärztin 5.000 Euro im Monat ausgeben sollen, die ohnedies nur 4 Monate bleibe, kommentiert Frerich.
Unterdessen hat der HNO-Arzt einen neuen Anlauf unternommen und ist auf das Arbeitsamt zugegangen. „Es wäre doch ein Leichtes, wenn das Arbeitsamt Frau Volkova für die 8 Monate Praktikum im Krankenhaus so viel zahlt, wie sie bei mir als Nettolohn hat“, sagt er. „Dann bekommt auch der Verwaltungsdirektor der Klinik keine Bauchschmerzen.“ Das Ergebnis der Initiative ist offen. Der Staat hätte doch einen viel größeren Benefit, wenn Volkova rasch Ärztin werden könnte. „Erstens, weil sie den Ärztemangel lindern und zweitens Steuern zahlen würde“, sagt Frerich.
„Wenn Frau Volkova keinen Praktikumsplatz erhält, ist sie raus“, warnt Frerich. „Das ist doch verrückt: Die KV gibt Geld aus, um eine ausländische Ärztin in das deutsche Gesundheitssystem zu integrieren, und die Bezirksregierung sagt, ohne Praktikum bis du raus. Neben allem anderen ist das Verfahren auch rausgeschmissenes Geld! Da müsste eine bessere Kommunikation her zwischen allen beteiligten Stellen.“
„Mein Leben ist voller Hoffnung“
Eine Alternative allerdings gäbe es, gibt Frerich zu bedenken. „Frau Volkowa könnte auch vor einer durch die Bezirksregierung beauftragte Ärztekommission eine mündliche Prüfung ablegen, statt ein Praktikum zu machen. Das wäre wie ein weiteres Staatsexamen. Aber sie sieht sich derzeit nicht in der Lage, noch einmal so eine große Prüfung vorzubereiten und abzulegen. Schließlich hat sie Familie.
In Frerichs Praxis indessen hat sie sich längst als Ärztin bewährt, wie der HNO-Arzt berichtet. „Sie macht einen guten Job und arbeitet mir hervorragend zu.“ Bis Ende kommenden Jahres kann Karina Volkova noch bei Frerich arbeiten. Und dann? Hat sie noch Hoffnung, einen Praktikumsplatz zu bekommen? „Mein Leben ist voller Hoffnung“, sagt sie.
Dieser Beitrag ist im Original bei Medscape.com erschienen.