Dr. med. Julia Hafner
Dr. med. Julia Hafner ist als Clinician Scientist am Zentrum für Infektiologie der Medizinischen Klinik 2 des Universitätsklinikums Frankfurt am Main sowie bis August 2025 am Institut Cochin in Paris tätig. Ihr Forschungsfokus umfasst die Rolle des Mikrobioms bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen mit dem Ziel, potentielle nicht-antibiotische Therapie- und Präventivstrategien zu
identifizieren.
Wie sind Sie nach Paris gekommen?
Ich bin über persönliche Kontakte nach Paris gekommen, die ich während eines internationalen Kongresses geknüpft hatte. Nach einem Vortrag habe ich die Principal Investigator (PI) des Pariser Labors direkt angesprochen und mein Interesse an ihrer Forschung bekundet. Wir blieben anschließend in Kontakt. Parallel dazu habe ich die Finanzierung meines Aufenthalts eigenständig über das
Clinician Scientist-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragt. Dank dieser Zusage war der Laboraufenthalt vollständig finanziert und konnte nach Abstimmung mit der PI realisiert werden. Eine formelle Bewerbung war in diesem Fall nicht notwendig.
Welche administrativen Themen sollten deutsche Ärztinnen und Ärzte beim Wechsel nach Frankreich einkalkulieren?
Die Überprüfung meiner Unterlagen durch das dortige Forschungsinstitut verlief reibungslos. Dazu gehörten insbesondere Nachweise zum Arbeitsschutz und zur Versicherung meines aktuellen Arbeitgebers in Deutschland – was eine verpflichtende Voraussetzung war – sowie der Nachweis eines fortlaufenden Einkommens.
Welche Sprach- und Kulturkompetenzen sind im Laboralltag wichtig?
Die verwendete Sprache in den Laboren ist sehr umgebungsabhängig. Es gibt sowohl Gruppen, in denen ausschließlich Englisch gesprochen wird (wie in meiner Laborgruppe), als auch Gruppen, in denen fast nur Französisch gesprochen wird.
Dies hängt stark von der Nationalität der Laborleitung und der Zusammensetzung der anderen Labormitglieder ab. Es ist ratsam, dies im Vorfeld abzuklären. Gerade komplexe oder neue Aspekte in einem experimentellen Forschungsumfeld können in französischer Sprache je nach individuellem Kenntnisstand schwer zu verstehen sein.
Insgesamt ist die Sprachkenntnis jedoch nicht so kritisch wie im direkten Patientenkontakt. Mit soliden Grundkenntnissen, etwas Einarbeitungszeit vor Ort und Vorbereitung auf die relevanten französischen Fachbegriffe sollte man sich gut zurechtfinden können.
Gibt es kulturelle Unterschiede, die Ihnen im Arbeitsalltag im Vergleich zu Deutschland wichtig erscheinen?
Die Arbeitskultur in Frankreich kann je nach Forschungseinrichtung und Team stark variieren. Generell ist sie jedoch oft etwas formeller und hierarchischer, besonders im Vergleich zu Deutschland oder englischsprachigen Ländern.
Bei uns wurde die Grundstimmung stark durch die Laborleitung beeinflusst. Da sie selbst aus den USA stammte, herrschte ein ausgesprochen offenes, herzliches und informelles Arbeitsklima. Ich habe jedoch auch andere französische Laborgruppen kennengelernt, in denen die Umgangsformen distanzierter waren. Dies unterstreicht, wie stark die Kultur innerhalb eines Forschungsteams von der jeweiligen Leitungsperson abhängt – eine Beobachtung, die ja weltweit Gültigkeit hat.
Da Entscheidungen in Frankreich häufig zentral getroffen werden, können administrative Abläufe zunächst ungewohnt erscheinen. Mit Offenheit, Respekt vor den bestehenden Strukturen und etwas Geduld bei bürokratischen Prozessen findet man sich jedoch gut zurecht.
Welchen Rat können Sie Kolleginnen und Kollegen geben, die einen längerfristigen Aufenthalt in Frankreich planen?
Eine solide sprachliche Vorbereitung ist empfehlenswert – auch wenn im Labor häufig Englisch gesprochen und verstanden wird. Im französischen Alltag wird Englisch jedoch oftmals kaum oder nur schwer verstanden, sodass man in vielen Situationen auf grundlegende Französischkenntnisse angewiesen ist.
Durch die Nähe zu Deutschland und die ausgezeichnete Zugverbindung war regelmäßiges Pendeln zwischen Paris und meinem Wohnort in Deutschland problemlos möglich, was ich als äußerst angenehm empfunden habe – zumal der TGV (train à grande vitesse) deutlich zuverlässiger und schneller ist als die Deutsche Bahn.
Die französische Kultur legt großen Wert auf eine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Mittagspausen und Urlaubszeiten werden respektiert, und selbst im akademischen Umfeld ist es üblich, die Freizeit konsequent zu nutzen. Je nach Dauer des Laboraufenthaltes sollte man sich jedoch bewusst sein, dass es eher schwierig ist, sich mit Einheimischen anzufreunden. Nach meiner Erfahrung bleiben Französinnen und Franzosen tendenziell eher unter sich – sicherlich auch aus sprachlichen Gründen, da Englisch oft ungern gesprochen wird.
Wie sieht ein realistischer Karrierepfad für Ärztinnen und Ärzte in der französischen Forschung aus und wie vereinbar ist das mit klinischer Tätigkeit?
Hierzu kann ich leider nur wenige Erfahrungen beisteuern, da ich im Labor lediglich eine Kollegin hatte, die ebenfalls Ärztin war. Von ihr habe ich mitgenommen, dass die Vereinbarkeit von Forschung und klinischer Tätigkeit als sehr herausfordernd empfunden wurde. Sie hatte neben ihrem regulären Vertrag an einer Universitätsklinik einen weiteren Vertrag über das Institut Pasteur, über den ihre Forschung gefördert wurde.
Dennoch erwies sich die Freistellung von klinischer Tätigkeit durch den Arbeitgeber nicht immer so unkompliziert, wie ich es aus Deutschland kenne – wobei auch dies stark von der Führung abhängt.
Wie beurteilen Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Da ich ohne meinen Partner nach Paris gegangen bin, kann ich zu familiären Faktoren nur eingeschränkt etwas sagen. Ich weiß jedoch, dass Frankreich insgesamt eine sehr gute Kinderbetreuung bietet.
Welche Rolle spielen interdisziplinäre Netzwerke in Paris und wie findet man dort Anschluss?
Interdisziplinäre Netzwerke spielen in der Forschung immer eine Rolle und so auch in Paris. Es gibt viele Verbindungen zwischen APHP, einem riesigen System an Krankenhäusern, den Universitäten und Forschungsinstituten in Paris.
Das berühmte Institut Pasteur bietet Programme und Kollaborationen mit der Université Paris Cité und der Université Sorbonne an. Das Institut Cochin wiederum ist affiliiert mit Inserm (Institut national de la santé et de la recherche médicale), CNRS (Centre national de la recherche scientifique) und der Université Paris Cité.
In meinem Fall war die Laborgruppe sowohl dem Institut Pasteur als auch dem Institut Cochin zugeordnet, was den Austausch und die Nutzung der jeweiligen Netzwerke zusätzlich gefördert hat.
Als Arzt oder Ärztin aus dem Ausland findet man am ehesten Anschluss über den Aufenthalt in Laborgruppen, die den jeweiligen Institutionen zugeordnet sind.
Welche drei konkreten Dos and Don’ts würden Sie deutschen Kolleginnen und Kollegen mitgeben, die eine Forschungsphase in Frankreich planen?
Dos:
- Machen! Ein Forschungsaufenthalt im Ausland ist immer auf allen Ebenen bereichernd.
- Man sollte sich vorher genau überlegen, wie das im Ausland Gelernte bei Rückkehr in die Heimat umgesetzt/angewandt/von Nutzen werden kann -> Labor sorgfältig und gezielt aussuchen
- Französisch lernen (so macht der Alltag viel mehr Spaß!)
Don'ts:
- Kontakt zur Heimatinstitution verlieren
- Zu hohe Erwartungen haben (auf allen Ebenen)
- Zu viel arbeiten und Kultur und Leben des Landes verpassen