Während einer Fahrt zum Titanicwrack im Juni 2023 implodierte das Tauchboot „Titan“, wobei alle fünf Personen an Bord ums Leben kamen. Zunächst wurde davon ausgegangen, das Boot sei gesunken. Es blieb unklar, ob die Personen an Bord unter Umständen noch am Leben sein könnten und wurde viel diskutiert über die Frage, wie sich Sauerstoffmangel auf den menschlichen Organismus auswirkt. Lungenfacharzt Rainer Schädlich erklärt die Zusammenhänge.
Üblicherweise enthalte die Luft etwa 21 Volumenprozent Sauerstoff (O2). „Sinkt der Sauerstoffgehalt unter 15 Volumenprozent, wird die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zunehmend vermindert“, so Schädlich, der Facharzt für Innere Medizin, Lungen-und Bronchialheilkunde, Allergologie und Umweltmedizin in Straelen ist. Er erklärt: „Der Prozess dauert lange, da sich der Sauerstoff langsam aufbraucht und zusätzlich CO2 durch Atmung entsteht.“
Zwar hätten Tauch- und U-Boote Kohlendioxid-Filter, um das Gas aufzufangen, erklärt Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Aber: „Sind die Kapazitäten der Kohlendioxid-Filter erschöpft, dann steigt das Kohlendioxid an.“
Bei Sauerstoffmangel drohen irreversible Schäden
Bei zunehmendem Sauerstoffmangel kommt es demnach zu Kopfschmerzen sowie zu Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, aber auch Atemnot, Verwirrtheit, Schwindel und Benommenheit bis zur Apathie. „Die bei einem Sauerstoffmangel auftretenden Symptome, insbesondere die Atemnot, können sehr unangenehm sein. Insofern würde ich nicht von einem milden Tod sprechen.“
Wie schnell der Sauerstoff verbraucht werde, hänge stark von Atmung und Aktivität der Menschen ab, sagt der Hamburger Intensivmediziner. Wenn man so wenig wie möglich tue oder schlafe, sei der Verbrauch wesentlich geringer als bei hektischem Tun oder
Panik. Auch Kälte kann sich bei Sauerstoffmangel zusätzlich negativ auswirken. Bei sehr niedrigen Temperaturen kann das Muskelzittern zu einem erhöhten Sauerstoffverbrauch führen.
Bei Sauerstoffmangel nimmt zuerst das Gehirn Schaden
Das bei Sauerstoffmangel am schnellsten geschädigte Organ sei das Gehirn, so Kluge. Selbst wenn im Zustand der Bewusstlosigkeit eine Rettung erfolge, drohten irreversible Schäden. „Eine zeitnahe Sauerstoffgabe kann in einzelnen Fällen schwere Schäden vermeiden.“ Sauerstoff ist lebensnotwendig für die Energiegewinnung in den Zellen, die sogenannte Zellatmung, wie Schädlich erklärt. „Ohne ausreichende Sauerstoffzufuhr werden die Zellen geschädigt.“
Blick auf historische U-Boot-Unglücke
„In der Geschichte gesunkener U-Boote sind mehr Männer gestorben als überlebt haben“, so Schädlich. Ihr Todeskampf habe verschiedene Phasen: „Am Anfang versuchen sie noch hektisch, die mechanischen Probleme zu lösen. Es folgt eine ruhigere Phase angespannten Schweigens und Nachdenkens.“ Dann kämen die ersten Symptome des Sauerstoffmangels, später Bewusstlosigkeit und der Tod.
Dieser Beitrag erschien erstmals im Juni 2023 und wurde im Januar 2025 aktualisiert.