Dieser Beitrag basiert auf einer Publikation in der Fachzeitschrift „Rechtsmedizin“, die Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, für Sie zusammenfasst.1 Propofol: weit verbreitet und gut steuerbar
Bei der Sedierung und Anästhesie ist Propofol weltweit eines der am meisten verwendeten Medikamente. Bei manchen operativen Eingriffen kommt es in über 95% der Fälle zum Einsatz. In Deutschland ist es das am häufigsten eingesetzte Mittel für die Kurzzeitsedierung in der Intensivmedizin und beim Entwöhnen nach einer maschinellen Beatmung.
Das Hypnotikum, welches keine analgetische Wirkung hat, hat einen raschen Wirkeintritt und besitzt eine kurze Wirkungsdauer, weshalb es als gut steuerbar gilt. Bereits eine Stunde nach einer Sedierung mit bis zu 80 mg ist bei gesunden Patienten die Fahrtüchtigkeit wiederhergestellt.
Verabreicht wird Propofol intravenös in einer Sojaölemulsion als Bolus von 1,5-2,5 mg/kg Körpergewicht. Ab einer Plasmakonzentration von ca. 1 µg/ml kommt es zu einem Bewusstseinsverlust, ab 3-5 µg/ml tritt eine tiefe Narkose ein. Bei niedrigeren Konzentrationen treten entspannende, anxiolytische und euphorisierende Effekte auf, auch eine sexuelle Enthemmung kann vorkommen.
Zu den unerwünschten Nebenwirkungen zählt eine Apnoe nach der Bolusgabe, die bei etwa 30 % der Patientinnen und Patienten auftritt. Aufgrund der starken Blutdrucksenkung (um 25-40%) kann es zu einer Kreislaufdepression kommen. Auch Bradykardien aufgrund einer verminderten Sympathikusaktivität sind möglich. Bislang steht kein Antidot zur Verfügung.
Gefahr bei hohen Dosen und Langzeitanwendung von Propofol: PRIS
Propofol beeinflusst zudem den Zellstoffwechsel durch eine Hemmung des Fettsäurenstoffwechsels und der Atmungskette. In seltenen Fällen kann es zu einem Propofolinfusionssyndrom (PRIS) kommen, welches bei hochdosierter oder prolongierter Infusion auftritt. Das PRIS stellt eine lebensbedrohliche Komplikation einer Narkose bzw. Sedierung mit Propofol dar. Die Inzidenz ist zwar niedrig, doch die Letalität ist hoch und beträgt bis zu 85%.2
Bei der Maximalausprägung kommt es zu folgenden Symptomen:
- metabolische Azidose,
- Hyperlipidämie,
- Arrhythmien,
- Herzversagen,
- Rhabdomyolyse,
- weiteres Organversagen.
Auch eine längerfristige Einnahme auch in subanästhetischer Dosierung kann zu PRIS-vergleichbaren Veränderungen führen, insbesondere zu kardialen Pathologien.
Propofol und Sucht: Auch für erfahrene Ärzte riskant
Propofol besitzt ein hohes Abhängigkeitspotenzial, was vor allem auf die psychomodulierenden, als angenehm empfundenen Effekte bei niedrigen Dosierungen zurückzuführen ist. Auch im Anschluss an eine Sedierung berichten Patienten häufig von euphorischen Reaktionen, gesteigerter Heiterkeit und Entspannung.
Unter medizinischen Laien ist regelmäßiger, missbräuchlicher Propofolkonsum sehr selten, unter Ärzten und medizinischem Fachpersonal, insbesondere in der Anästhesiologie, jedoch häufig. Die Verfügbarkeit, Griffnähe und die intravenöse Applikation sind hier die entscheidenden Gründe. Oftmals liegt eine Mehrfachabhängigkeit vor.
Aufgrund der geringen therapeutischen Breite ist der Konsum auch für erfahrene Mediziner riskant. Die Sterblichkeitsrate bei Propofolmissbrauch liegt innerhalb des ersten Jahres der Abhängigkeit bei 15-35%. Betroffene kommen auf bis zu 100 tägliche Applikationen. Zudem führt das Substanzverlangen (Craving), welches eines der Leitsymptome der Propofolabhängigkeit ist, häufig zu kriminellen Handlungen.
Propofolassoziierte Todesfälle: Hypotension & Atemstillstand
Traurige Berühmtheit erlangte Propofol durch den Tod des Musikers Michael Jackson, der an einer Mischintoxikation aus dem Hypnotikum und Benzodiazepinen verstarb. Häufig wird Propofol auch in suizidaler Absicht eingenommen, unter Ärztinnen und Ärzten ist es sogar das häufigste Suizidmittel.
In vielen Fällen ist der Tod nicht auf eine Intoxikation zurückzuführen, sondern auf propofolassoziierte Komplikationen, wobei Hypotension und Atemstillstand zu den häufigsten Todesursachen zählen. Die postmortalen Plasmakonzentrationen liegen oftmals im oder unter dem therapeutischen Bereich. Bei einer längerfristigen Anwendung können maligne Arrhythmien und plötzlicher Herztod in Folge einer kardialen Rhabdomyolyse auftreten.
Im Jahre 2009 wurde der erste Mord mit Propofol berichtet: ein Krankenpfleger, der Zugang zu dem Medikament hatte,
brachte eine 24-Jährige mit dem Medikament um.
3Propofol und Nachhaltigkeit
Kürzlich rückte das hohe Abfallaufkommen durch den Einsatz von Propofol in den Fokus einer
Forschungsarbeit.4 Propofol produziert etwa 45 Prozent des Medikamentenabfalls im OP und ein Viertel des Mittels bleibt ungenutzt übrig. Forschende des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und der Universität Bonn zeiten, dass eine alternative Methode das Abfallaufkommen reduziert. Statt einer separaten Spritze für die Einleitung und Aufrechterhaltung der Narkose ist der Einsatz einer einzigen Spritzenpumpe für die Einleitung und Aufrechterhaltung der Narkose sparsamer: Der Propofolverwurf konnte zwischen 30 und 50 Prozent reduziert werden. Die Studie ist in der Fachzeitschrift
British Journal of Anaesthesia veröffentlicht worden.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Oktober 2018 veröffentlicht und im Juli 2025 aktualisiert.
SepsisrisikoPropofolhaltige Arzneimittel sind nur für den einmaligen Gebrauch bei einer einzelnen Person zugelassen und die Entnahme aus einem Behältnis muss unter aseptischen Bedingungen erfolgen. Andernfalls besteht das Risiko für eine Sepsis.
Der Inhalt einer Durchstechflasche, Glasampulle sowie jeder Spritze oder jedes Infusionssystems, das Propofol enthält, ist nur zur einmaligen Anwendung bei einem einzelnen Patienten bestimmt. Nach Anwendung verbleibende Reste des Inhalts müssen verworfen werden.
Die Mehrfachentnahme, stellt einen Medikationsfehler dar, der mit erheblichen Risiken für die betroffenen Patienten verbunden ist.
Propofolhaltige Arzneimittel sind Emulsionen, die keine Konservierungsmittel enthalten und das Wachstum von Mikroorganismen begünstigen. Bei nicht-aseptischer Handhabung oder einer Mehrfachentnahme kann es innerhalb von kurzer Zeit zu einem starken Keimwachstum kommen. Die Anwendung mikrobiell kontaminierter propofolhaltiger Arzneimittel hat in der Vergangenheit wiederholt zu Fällen von Sepsis, zum Teil mit tödlichem Ausgang, geführt.
Daher muss die Entnahme von propofolhaltigen Emulsionen aus einem Behältnis unter aseptischen Bedingungen erfolgen.
Weitere Informationen zu den Studienergebnissen sowie die Kontaktdaten der Zulassungsinhaber können dem Rote-Hand-Brief zu Propofol entnommen werden.