HPV-Update: Wen, wie und in welchem Alter noch impfen?
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Humane Papillomviren (HPV) sind weltweit die am häufigsten sexuell übertragenen Viren. 80-90 % aller sexuell aktiven Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit HPV. In den meisten Fällen besteht jedoch kein Grund zur Sorge: Die Infektion heilt spontan ab, ohne klinische Symptome zu verursachen. Oftmals wissen Betroffene daher gar nicht, das sie HPV infiziert sind. Das Risiko einer Reinfektion bleibt damit lebenslang bestehen. Bei etwa 10 bis 20 % der Betroffenen kommt es zur Persistenz, die den entscheidenden Risikofaktor für Krebsvorstufen und invasive Karzinome darstellt.
Das Problem ist jedoch, dass eine spontane Ausheilung nicht zwangsläufig eine schützende Antikörperantwort induziert.
Prof. Dr. med. Monika Hampl, Leiterin der Dysplasie Einheit im St. Elisabeth Krankenhaus Köln-Hohenlind
Infektionswege und Transmission
Die Übertragung von HPV erfolgt primär über den direkten Kontakt mit genitalen Schleimhäuten, was zu Erkrankungen im Genital- und Analbereich sowie im Oropharynx führt. Neben der klassischen sexuellen Transmission ist eine vertikale Übertragung auf das Kind vor oder während der Geburt möglich. Als Infektionswege kommen hierbei infiziertes Sperma, intrauterine Übertragungen oder Mikroabrasionen im Geburtskanal infrage. Sehr selten, aber klinisch relevant, sind Schmierinfektionen. Diese können auftreten durch: • (Schleim-)Hautkontakt, etwa beim Stillen oder Wickeln, • Hetero- oder Autoinokulation über die Finger sowie • kontaminierte Gegenstände in medizinischen Einrichtungen (z. B. in der Gynäkologie oder Dermatologie).
Prävention und Risikofaktoren
Schutz vor einer HPV-Infektion bieten sexuelle Abstinenz, Monogamie, die konsequente Verwendung von Kondomen sowie die Zirkumzision bei Männern. „Beschnittene Männer weisen seltener eine HPV-Persistenz auf und übertragen das Virus entsprechend seltener“, erläutert Prof. Hampl. Als wesentlichen Risikofaktor nennt die Expertin zudem die Promiskuität: Mit der Anzahl der Sexualpartner erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Infektion signifikant.
Das onkogene Spektrum
Bei einer persistierenden HPV-Infektion steigt bei Frauen das Risiko von Krebsvorstufen an der Zervix, der Vagina und der Vulva, die sich bei fehlender Diagnose zu invasiven Karzinomen entwickeln können. „Neben Zervix-, Vulva und Scheidenkarzinomen sehen wir hier in unserer Gyn-Sprechstunde auch Analkarzinome “, erläutert Hampl. Sie betont zudem, dass HPV keineswegs ein reines Frauenthema ist – auch Männer können infolge einer HPV-Infektion an Krebs erkranken. Neben dem Analkarzinom sind etwa 30 bis 40 % aller Peniskarzinome durch HPV induziert. Die klinische Relevanz von HPV erstreckt sich damit weit über das Zervixkarzinom (ca. 4.200 Fälle/Jahr in Deutschland) hinaus:
Oropharynxkarzinome: Fast 2.000 Fälle jährlich, wobei Männer deutlich häufiger betroffen sind.
Analkarzinome: Hier liegt die Inzidenz bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern.
Vulva- und Vaginalkarzinome: Während das Vaginalkarzinom zu 70–80 % HPV-assoziiert ist, sind es beim Vulvakarzinom etwa 30 %.
Benigne Läsionen: Condylomata acuminata sowie die durch HPV 6 und 11 induzierte Larynxpapillomatose bei Kindern stellen trotz Benignität eine erhebliche klinische Belastung dar.
HPV-Infektionsraten: Frauen vs. Männer
Das Risiko, sich mit HPV anzustecken, bleibt weit über das junge Erwachsenenalter hinaus bestehen, erklärt die Referentin. Daten aus einer ungeimpften Studienkohorte deutscher Frauen von 2004/2005 zeigen, dass selbst in der Altersgruppe der 24- bis 45-Jährigen noch bei 20 % eine Infektion mit einem der neun im aktuellen Impfstoff enthaltenen HPV-Typen vorliegt. Besonders kritisch: Bei jeder zehnten Probandin (10 %) finden sich die Hochrisiko-Typen HPV 16 oder 18. Wichtig in diesem Kontext zu wissen ist: Die HPV-Impfung wurde erst 2007 empfohlen.
Prävalenz bei Männern unterschätzt
Aktuelle Daten weisen darauf hin, dass die HPV-Prävalenz bei Männern sogar höher liegt als bei Frauen. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich im zeitlichen Verlauf: Bei Frauen liegt das Hauptrisiko einer Ansteckung in der ersten und zweiten Lebensdekade. Nach dem deutlichen Peak bei den 15- bis 19-Jährigen sinkt die Inzidenz mit zunehmendem Alter deutlich ab (unter 10 % bei den über 45-Jährigen), bleibt aber latent vorhanden. Bei Männern zeigt sich hingegen ein anderes Bild. Zwar gibt es auch bei jungen Männern einen Peak, doch die Prävalenzkurve verläuft über die gesamte Lebensspanne nahezu auf einem konstant hohen Plateau. Männer bleiben lebenslang „positiv“ für die Viruslast.
Das Risiko, sich mit HPV anzustecken, bleibt lebenslang bestehen. Männer scheinen sogar eine schlechtere Serokonversionsrate als Frauen aufzuweisen und bleiben häufig lebenslang positiv.
Prof. Dr. Monika Hampl, Leiterin der Dysplasie Einheit im St. Elisabeth Krankenhaus Köln-Hohenlind
Das Problem der Immunantwort
Ein entscheidender klinischer Aspekt ist die schlechtere Immunantwort bei Männern. Die Serokonversionsrate nach einer natürlichen Infektion ist bei ihnen deutlich niedriger als bei Frauen. Während die Kurven bei Frauen im Alter abflachen, oszilliert die Viruslast bei Männern: Sie sind immer wieder positiv, dann kurzzeitig negativ, um später erneut positiv getestet zu werden. Diese lebenslange Persistenz und die mangelnde Ausbildung einer natürlichen Immunität machen Männer zu einem dauerhaften Reservoir und erhöhen deren eigenes Risiko für HPV-assoziierte Karzinome.
Aktuelle Empfehlungen der HPV-Impfung
Die Ständige Impfkommission STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Für ungeimpfte Jugendliche gilt die STIKO-Empfehlung bis zu ihrem 18. Geburtstag. Der aktuell eingesetzte nonavalente Impfstoff ist als rein prophylaktische Vakzine konzipiert. Er schützt am wirksamsten, wenn noch kein Kontakt mit HPV stattgefunden hat, also vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Die maximale Schutzwirkung liegt dann bei zirka 96 % gegen persistierende Infektionen und damit verbundene Läsionen. In klinischen Studien zeigte sich zudem eine hohe Wirksamkeit bei älteren Patientengruppen:
Altersgruppe 24–45 Jahre: Die Schutzwirkung gegen vakzinespezifische HPV-Typen liegt hier bei ca. 90 %.
Klinischer Hinweis: Bestehende Infektionen werden durch die Impfung nicht beeinflusst.
„Der Impfstoff ist nicht therapeutisch. Wir dürfen die Patienten keinesfalls glauben lassen, dass sie gegen eine bereits bestehende Infektion einen Effekt hat,“ warnt Hampl.
Dosis, Wirksamkeit und Langzeitdaten
In Deutschland gilt gemäß STIKO-Empfehlung für Kinder zwischen 9 und 14 Jahren ein Zwei-Dosen-Schema. Ab dem 15. Lebensjahr sowie bei Nachholimpfungen im Erwachsenenalter ist derzeit ein Drei-Dosen-Schema (0, 2, 6 Monate) vorgesehen.
Bislang kein Nachlassen der Wirksamkeit erkennbar
Bei naiven Patientinnen und Patienten liegt der Schutz vor Zervixläsionen bei ca. 96 %, vor Genitalwarzen bei nahezu 99 %. Auch für die Altersgruppe der 24- bis 45-Jährigen ist eine Schutzwirkung von etwa 90 % belegt. Aktuelle Verlaufsdaten (Stand 2026) dokumentieren eine stabile Immunität über mindestens 14 Jahre für den tetravalenten Impfstoff bzw. knapp 10 Jahre für die nonavalente Vakzine.
Die große Frage war ja, müssen wir irgendwann nachimpfen? So wie es im Moment aussieht, müssen wir das nicht.
Prof. Dr. Monika Hampl, Leiterin der Dysplasie Einheit im St. Elisabeth Krankenhaus Köln-Hohenlind
Bisher gibt es keine Evidenz für ein signifikantes Nachlassen des Antikörpertiters, das eine Auffrischimpfung medizinisch notwendig machen würde.
Impfquoten in Deutschland
Die Impfung ist seit 19 Jahren auf dem Markt. Trotz der langen Verfügbarkeit des Impfstoffs erreichen die Quoten in Deutschland noch nicht das gewünschte Niveau, um eine Herdenimmunität flächendeckend zu gewährleisten:
Mädchen: Aktuell sind 55 % vollständig geimpft, während 68 % mindestens eine Dosis erhalten haben.
Jungen: Hier liegt die Quote der vollständig Geimpften bei 34 % (46 % mit mindestens einer Dosis).
Obwohl das Ziel die vollständige Immunisierung bleibt, zeigen aktuelle Daten, so die Referentin, dass bereits eine einzige Dosis eine signifikante Schutzwirkung entfaltet und „definitiv besser ist als keine Impfung“. Besorgniserregend ist jedoch der aktuelle „Steady State“: Nach einem anfänglichen Anstieg stagnieren die Impfquoten in den letzten zwei bis drei Jahren.
Evidenz aus Krankenkassendaten: Prävention wirkt
Trotz der ausbaufähigen Impfquoten sind die Erfolge in Deutschland bereits messbar. Analysen von Krankenkassendaten belegen eine deutliche Reduktion HPV-assoziierter Befunde über das gesamte Spektrum:
Anogenitalwarzen (Condylomata acuminata)
Zervikale Dysplasien (CIN)
Präneoplasien an der Vulva (VIN)
„Wir haben eine deutliche Reduktion erreicht, könnten aber weit mehr bewirken, wenn wir die Impfquoten steigern würden“, so die Referentin. Ein Blick auf Länder wie Schweden, die durch organisierte Programme extrem hohe Impfgeschwindigkeiten und -raten erzielen, unterstreicht das ungenutzte Potenzial für die deutsche Gesundheitslandschaft. Dort traten in einer Vergleichsstudie in der ungeimpften Population 538 Fälle von Zervixkarzinomen auf. In der geimpften Gruppe waren es lediglich 19 Fälle, wobei bei 17 dieser 19 Frauen die Impfung erst spät (zwischen dem 17. und 30. Lebensjahr) erfolgte – zu einem Zeitpunkt, als vermutlich bereits eine persistierende Infektion vorlag. Auch für Deutschland zeigen aktuelle Publikationen (Ärzteblatt 2024) trotz suboptimaler Durchimpfungsraten bereits signifikante Rückgänge der Karzinominzidenz, insbesondere in den Alterskohorten der 24- bis 29-Jährigen.
Die HPV-Impfung beim Erwachsenen
Häufig besteht Unklarheit über die Altersgrenzen der Impfung. Die Expertin stellt klar, dass es keine biologische oder zulassungsrelevante Obergrenze gibt. „Es gibt das Gerücht, man dürfe nur bis 55 impfen. Das ist fachlich falsch. Die Impfung ist nach oben offen und hat kein Alterslimit.“
Die klinische Entscheidung orientiert sich an aktuellen Leitlinien:
Bis 17 Jahre: Standardempfehlung der STIKO.
18 bis 26 Jahre: Nachholimpfung bei beiden Geschlechters ausdrücklich empfohlen (S3-Leitlinie Impfprävention HPV-assoziierter Neoplasien), sofern diese im Jugendalter versäumt wurde. Die Wirksamkeit ist allerdings bei nicht HPV-naiven Personen reduziert.
27 – 45 Jahre: Keine generelle Empfehlung, aber eine „Shared Decision“-Entscheidung. Laut Leitlinie sollte eine Impfung bei HPV-impfnaiven Personen nicht empfohlen werden. Sie kann aber bei Wunsch von Patientin oder Patient in Betracht gezogen werden.
Studien belegen zudem, dass eine Impfung rund um den Zeitpunkt einer Konisation das Risiko für Rezidive oder neue Läsionen an anderen Lokalisationen massiv senkt, nämlich für Folgeläsionen um 80 bis 90 %. Während eine niederländische Studie aufgrund eines zu kurzen Follow-Ups diesen Trend bislang nicht zeigen konnte, belegen Langzeitdaten die klinische Überlegenheit der geimpften Patientinnen gegenüber der Placebo-Gruppe.
„Die Datenlage spricht für sich: Eine Impfung im Anschluss an eine Konisation ist absolut sinnvoll. In der Praxis impfe ich alle betroffenen Patientinnen konsequent nach, um rezidivierenden Infektionen an der Zervix und weiteren Dysplasien effektiv vorzubeugen.“
Prof. Dr. Monika Hampl, Leiterin der Dysplasie Einheit im St. Elisabeth Krankenhaus Köln-Hohenlind
Der folgende Beitrag basiert auf dem Vortrag „Humane Papillomviren: wann und wen impfen?“ von Prof. Dr. med. Monika Hampl, Leiterin der Dysplasie Einheit im St. Elisabeth Krankenhaus Köln-Hohenlind und Mitarbeiterin der Dysplasieeinheit der UFK Düsseldorf, auf dem 132.Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden.
6 Fragen aus dem Auditorium
1. Wann zahlt die Krankenkasse die Impfung bei Erwachsenen und wann nicht?
Bis 17 Jahre: Es handelt sich um eine reguläre Kassenleistung.
18 bis 26 Jahre: 90 % der Kassen übernehmen die Kosten problemlos als freiwillige Satzungsleistung. Eine Anfrage vorab wird empfohlen.
Ab 27 Jahren: Die Erstattung wird schwierig; viele Kassen lehnen Anträge in diesem Alter ab.
Sonderfall Konisation: Die Ärztin rät, den Patientinnen eine schriftliche Empfehlung für die Impfung „um die Konisation herum“ mitzugeben, da ein Großteil der Kassen in diesem Fall die Kosten übernimmt.
2. Bis zu welchem Lebensalter ist die Impfung bei MSM oder immunsupprimierten Patienten indiziert? Die Impfung ist für diese Gruppen nach oben offen. Entscheidend ist eine gute Anamnese und das individuelle Risikoprofil. MSM (Männer, die Sex mit Männern haben) sowie iatrogen Immunsupprimierte (z. B. unter Therapie bei Psoriasis, Rheuma oder nach Organtransplantation) haben eine besondere Priorität, da sie ein lebenslang hohes Risiko für persistierende HPV-Infektionen tragen.
3. Gibt es perspektivisch neue Leitlinien, die die Impfung im höheren Lebensalter stärker berücksichtigen? Aktuell liegen zwar umfangreiche Studiendaten vor, die in der Beratung genutzt werden, die nationalen Leitlinien sind jedoch noch nicht angepasst. Es wird erwartet, dass zukünftige Aktualisierungen der Impfpräventions-Leitlinien diese Daten berücksichtigen werden.
4. Was sagt die STIKO zur Umstellung auf ein Zwei-Dosen-Schema bei Erwachsenen? Die STIKO prüft und ordnet die Daten derzeit intensiv ein. Momentan sieht die Kommission jedoch noch nicht genügend Evidenz, um die Empfehlung in Deutschland offiziell zu ändern, während Länder wie Österreich bereits bis zum 26. Lebensjahr nur noch zweifach impfen.
5. Sollen Erwachsene, die früher bereits den 2-fach- oder 4-fach-Impfstoff erhalten haben, mit dem neuen 9-fach-Impfstoff nachgeimpft werden? Eine Nachimpfung ist möglich und erzeugt eine sehr gute Immunantwort (Booster-Effekt für 16/18). Da der 9-fach-Impfstoff eine um ca. 20 % höhere Abdeckung bietet, kann man Patientinnen, die diesen zusätzlichen Schutz wünschen, nachimpfen. Es gibt hierfür jedoch keine generelle Empfehlung, primär aufgrund der Kosten.
6. Stimmt es, dass ältere, bereits konisierte Frauen schlechter auf die Impfung ansprechen? Die Studiendaten (bis zum 45. Lebensjahr) zeigen, dass die Ansprechrate zwar von nahezu 100 % bei Jugendlichen auf etwa 90 % in der Altersgruppe der über 24-Jährigen sinkt. Dennoch ist diese Immunantwort klinisch absolut ausreichend, um einen wirksamen Schutz zu gewährleisten, betont die Referentin.
HPV-Update: Wen, wie und in welchem Alter noch impfen?
Der Impfstoff gegen humane Papillomviren ist weit mehr als eine reine Prävention für Jugendliche. Prof. Dr. Monika Hampl erläuterte auf dem diesjährigen Internistenkongress, warum Männer ein lebenslanges Virusreservoir bilden und weshalb die Impfung im Anschluss an eine Konisation absolut sinnvoll ist.