Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2026 sprach Prof. Dr. med. Michael Sigal, Oberarzt/W2 Professor für Translationale Gastrointestinale Onkologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, unter anderem über die Rolle von Helicobacter pylori bei der Entstehung von Magenkrebs sowie darüber, welche Personengruppen in Deutschland ein Screening auf H. pylori zur Krebsprävention erhalten sollten.
Magenkarzinom – weiterhin eine bedeutende Tumorerkrankung
Prof. Sigal betonte in seinem Vortrag, dass das Magenkarzinom trotz rückläufiger Inzidenz in Deutschland eine klinisch relevante Erkrankung bleibt. Weltweit zählt es weiterhin zu den häufigsten tumorbedingten Todesursachen. Etwa 1 bis 2 von 100 Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einem Magenkarzinom. Die Prognose ist laut Prof. Sigal häufig ungünstig, da die Erkrankung meist einen aggressiven Verlauf nimmt und die therapeutischen Möglichkeiten begrenzt sind.
Zudem wies Prof. Sigal auf deutliche regionale Unterschiede in der Häufigkeit des Magenkarzinoms hin. Besonders hohe Prävalenzen finden sich in Ostasien, Südamerika und Russland. In Westeuropa sowie in den USA ist die Erkrankung dagegen vergleichsweise niedrig bis moderat verbreitet.
Die Rolle von H. pylori in der Karzinogenese
Zu Beginn erläuterte Prof. Sigal die Adenom-Karzinom Kaskade des Magens, auch bekannt als Correa Cascade. In diesem Zusammenhang hob er hervor, dass eine Infektion mit Helicobacter pylori bei allen Betroffenen zu einer chronischen Gastritis führt. Weltweit sind ungefähr 30‑40 % der Bevölkerung infiziert. In den meisten Fällen verläuft die Entzündung asymptomatisch. Bei einigen Patientinnen und Patienten schreitet die Erkrankung fort: Aus der chronischen Gastritis kann sich zunächst eine atrophische Gastritis entwickeln, gefolgt von einer intestinalen Metaplasie und schließlich einer Dysplasie. Laut Prof. Sigal entwickelt etwa 1 % der infizierten Personen im weiteren Verlauf ein Adenokarzinom.
Die pathophysiologischen Wirkmechanismen, über die Helicobacter pylori die Magenfunktion verändert, wurden bereits in zahlreichen Studien untersucht. Prof. Sigal benennt in seinem Vortrag einige der Veränderungen, darunter eine Zunahme der Stammzellzahl und Proliferation, inflammatorische Prozesse, eine direkte Schädigung der DNA in Stammzellen sowie Veränderungen zellulärer Signalwege durch spezielle Virulenzfaktoren.
Personalisierte Konzepte notwendig
Die Prävalenz des Magenkarzinoms ist in Deutschland vergleichsweise niedrig. Dennoch wies Prof. Sigal in seinem Vortrag darauf hin, dass Kalkulationen aus dem Jahr 2025 davon ausgehen, dass mehr als 100.000 Menschen aus den Geburtsjahrgängen 2008 bis 2017 im Laufe ihres Lebens an Magenkrebs erkranken könnten, sofern nichts unternommen wird.
Vor dem Hintergrund der insgesamt niedrigen Erkrankungshäufigkeit erscheint ein populationsbasiertes Screening jedoch seiner Einschätzung nach wenig zielführend. Vielmehr sprach er sich für eine personalisierte Präventionsstrategie aus. Ziel müsse es sein, innerhalb der großen Niedrigrisikopopulation jene Subpopulationen zu identifizieren, die ein erhöhtes Risiko haben, um diesen gezielte Vorsorge- und Therapiemaßnahmen anzubieten.
Wer sollte ein Screening auf H. pylori erhalten?
Anhand wissenschaftlicher Daten erläuterte Prof. Sigal, welche Personengruppen in Deutschland aus seiner Sicht ein Screening auf Helicobacter pylori zur Krebsprävention erhalten sollten. Dazu zählen:
- Erstgradige Verwandte von Patientinnen und Patienten mit Magenkrebs
- Menschen, die bereits eine frühe Neoplasie haben
- Patientinnen und Patienten aus Hochrisikogebieten für Magenkrebs wie Asien, Südamerika, Portugal und der ehemaligen Sowjetunion
- Personen mit einer Risikogastritis: Korpus-dominante Gastritis und Pangastritis, atrophe Gastritis, multifokale Atrophie, inkomplette Metaplasie im Korpus – OLGA/OLGIM III/IV (OLGA; operative link on gastritis assessment, OLGIM; operative link on gastric intestinal metaplasia assessment)
- Menschen mit bekannten pathogenen Keimbahnvarianten mit hohem Risiko wie Lynch-Syndrom Patientinnen und Patienten oder Personen mit der CDX1 Mutation
Abschließend betonte Prof. Sigal, dass weitere Forschung erforderlich ist, um Risikogruppen und individuelle Gefährdungsprofile noch präziser zu verstehen.
Klinische EvidenzProf. Sigal betonte, dass der Zusammenhang zwischen Helicobacter pylori und der Entstehung von Magenkrebs bereits lange publiziert ist. Daten aus großen Kohorten aus dem Jahr 1991 zeigen, dass rund 90 % der Personen, die ein Magenkarzinom entwickelten, mit Helicobacter pylori infiziert waren. Viele weitere Untersuchungen bestätigen diese Ergebnisse, sodass die World Health Organization (WHO) Helicobacter pylori inzwischen als Karzinogen der Gruppe 1 einstuft.
Nach Angaben von Prof. Sigal wird der Zusammenhang zwischen Magenkrebs und Helicobacter pylori insbesondere durch Studien deutlich, die zeigen, dass eine Eradikation des Bakteriums mit einer signifikanten Senkung des Magenkrebsrisikos einhergeht und damit die Bedeutung einer gezielten Eradikationstherapie unterstreicht.