Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit der Deutsch-österreichisch-schweizerischen Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), dem weltweit zweitgrößten Zusammenschluss von Sportorthopäden und Sporttraumatologen. Entzündungsprozesse bleiben oft lange unbemerkt
„Wenn Sauerstoffradikale nicht ausreichend kompensiert werden können, entsteht oxidativer Stress“, erklärt Prof. Dr. Seebauer. Die Folge sind Schädigungen an Zellstrukturen, die langfristig „stille Entzündungen“ (silent inflammation) fördern, beispielsweise im Bereich des Arterienendothels oder der Darmschleimhaut.
Das Tückische an stillen Entzündungen ist ihre Unsichtbarkeit: „Von diesen Prozessen bemerkt man zunächst nichts“, so Seebauer. Dennoch können sie die Resorptionsfähigkeit des Darms erheblich beeinträchtigen und so langfristig zu Defiziten bei Antioxidantien, Aminosäuren und Fettsäuren führen – mit entsprechenden Auswirkungen auf Regeneration, Immunlage und Leistungsfähigkeit.
Seebauer ergänzt: „Eine gestörte Darmflora (‚Dysbiose‘) kann nicht nur die Schutzbarriere der Darmschleimhaut stören und zu Nahrungsintoleranzen führen, sondern auch übersteigerte Immunreaktionen bewirken. Diese können neben gesteigerten Entzündungsreaktionen bei Chronifizierung der immunologischen Dysbalance Allergien und verschiedene Autoimmunerkrankungen fördern.
Die immunologischen Prozesse diesbezüglich erklären die Zusammenhänge (zum Beispiel der Shift von TH1- zu TH2-Helferzellen bei Lymphozyten). Zu den immunologischen Prozessen und zahlreichen weiteren Zusammenhängen, wie metabolischen Prozessen und sogar epigenetischen Regulationsfaktoren, gibt es mittlerweile viele Forschungsarbeiten. In diesem Kontext können diverse negative Faktoren das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen und Krebs erhöhen.“
Salate und fermentierte Lebensmittel für gesunde Darmflora
Seebauer betont, dass Lebensmittel, die reich an natürlichen Antioxidantien sind, besonders wichtig für die Darmgesundheit sind. Dazu zählen Vitamine und vor allem sekundäre Pflanzenstoffe. Auch lösliche und unlösliche Ballaststoffe spielen eine entscheidende Rolle. Ebenso förderlich sind fermentierte Nahrungsmittel, die eine Milchsäuregärung durchlaufen haben. All diese Faktoren tragen besonders zur Förderung einer gesunden Darmflora bei. Gleichzeitig darf die Nahrung weder zu viel Fett noch zu viel Protein enthalten.
Entzündungshemmende Stoffe wie antioxidative Vitamine (z. B. Vitamin C und E) und eine große Bandbreite sekundärer Pflanzenstoffe (wie Flavonoide und Karotinoide, die noch potentere Antioxidantien darstellen) sollten regelmäßig in ausreichender Menge zugeführt werden. Gleichzeitig gilt es, entzündungsfördernde Stoffe zu reduzieren, beispielsweise bestimmte Fettsäuren, Schadstoffe und hochverarbeitete Zucker (Stichwort: AGEs – Advanced Glycation End Products).
Ernährungspyramide und Ernährungskreis
Zur Orientierung empfiehlt Seebauer die bewährten Modelle der Ernährungspyramide (bei der Qualität) und des Ernährungskreises (bei der Quantität).
Ernährungspyramiden und Ernährungskreise gibt es von verschiedenen Fachgesellschaften. Seebauer empfiehlt die Modelle der Harvard School of Public Health oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE):
Sowohl die Pyramide als auch den Ernährungskreis kann man je nach individuellen Bedingungen noch differenzierter erstellen.
Gezielte Diagnostik
Frühzeitige Defizite lassen sich zudem durch gezielte Diagnostik erkennen. „Labordaten, beispielsweise aus Blutparametern oder Stuhlanalysen, können Hinweise auf oxidative Belastung, Mikronährstoffmängel oder eine gestörte Darmflora geben“, erläutert Seebauer.
Dazu zählt unter anderem die Bestimmung von:
- Oxidationsprodukten als Surrogatparameter für DNA-Schäden
- Spektrum von Fettsäuren (inklusive Omega-3-/Omega-6-Fettsäuren, einfach ungesättigten Fettsäuren, gesättigten Fettsäuren und Transfetten)
- Omega3-Index und Quotient Omega-6 zu Omega-3-Fettsäuren
- Stuhlparametern wie sekretorisches IgA, Verdauungsrückstände, Entzündungsparameter
Wie sinnvoll sind Prä- und Probiotika?
Der gezielte Einsatz von Pro- und Präbiotika kann die Darmgesundheit sinnvoll unterstützen. Entscheidend sei jedoch, so Seebauer, eine insgesamt gesunde und ausgewogene Ernährung nach den Prinzipien der Ernährungspyramide. Diese sollte reichlich Vitalstoffe und Ballaststoffe enthalten und gleichzeitig ein Übermaß an entzündungsfördernden Faktoren vermeiden.
Darüber hinaus können auch andere Einflüsse eine Rolle spielen – etwa
die Einnahme bestimmter Medikamente wie Antibiotika oder Cholesterinsenker, Infektionskrankheiten sowie Umweltbelastungen.
Häufig verordnete Arzneimittel und Darmflora
Eine in
Nature Communications veröffentlichte Studie zeigt, welche Effekte häufig verordnete Arzneimittel auf die Darmmikrobiota haben. Die Forscher analysierten 41 Wirkstoffklassen. Sie fanden bei 19 von ihnen eindeutige Veränderungen der bakteriellen Vielfalt.
Besonders ausgeprägt sind diese Effekte bei Antibiotika, die nicht nur krankmachende, sondern auch nützliche Bakterien unspezifisch abtöten. Dadurch können Lücken entstehen, die von opportunistischen Keimen besiedelt werden. Protonenpumpenhemmer verändern durch die Reduktion der Magensäure das mikrobielle Milieu und erleichtern Bakterien aus der Mundhöhle den Eintritt in den Darm, wo sie Stoffwechselprozesse stören können. Laxanzien beschleunigen die Darmpassage, was das bakterielle Gleichgewicht verschiebt und die Bildung kurzkettiger Fettsäuren hemmen kann – Substanzen, die für eine stabile Darmbarriere essenziell sind.
Auch Antidiabetika wie Metformin zeigen deutliche Effekte: Sie fördern zwar teilweise nützliche Bakterienarten, verändern jedoch insgesamt die mikrobielle Zusammensetzung. Chemotherapeutika wiederum wirken massiv auf Vielfalt und Funktion der Darmflora, schwächen die Barrierefunktion und erhöhen die Anfälligkeit für Infektionen.
Darüber hinaus greifen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Statine, Immunsuppressiva, Psychopharmaka, Antimykotika, Virustatika und Antihelminthika in das Gleichgewicht der Mikrobiota ein. Sie können die Durchlässigkeit der Darmwand erhöhen („Leaky Gut“), die Produktion wichtiger Mikronährstoffe wie Vitamin K oder B-Vitamine reduzieren, die Immunreaktionen verschieben und so entzündliche Prozesse begünstigen. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag
"So beeinflussen häufig verordnete Arzneimittel unsere Darmflora".Gast-Prof. Dr. Werner Seebauer
Gast-Prof. Dr. Werner Seebauer ist Leiter der Präventionsmedizin an der NESA – New European Surgical Academy. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Sporternährung der Medizinischen Universität Graz und war zuvor am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften der Europa-Universität Viadrina aktiv.