Der folgende Interviewbeitrag aus dem Hamburger Ärzteblatt (Ausgabe 11/25) erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion sowie der Interviewpartner. Ende September reiste eine Delegation um Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Ärzteschaft, Krankenkassen, Kliniken und Medien, nach Stockholm. Auf dem Programm: der Besuch zahlreicher Einrichtungen. Thematischer Schwerpunkt waren die digitale Patientensteuerung und die Frage, was wir in Sachen Digitalisierung vom Vorreiter Schweden lernen können. Caroline Roos, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, und Dr. Felix Lüdeke, Ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer Hamburg, schildern im Interview ihre Eindrücke.
Was nehmen Sie als Erkenntnisse zum schwedischen Gesundheitssystem mit nach Hause?
Caroline Roos: Das schwedische Gesundheitssystem ist ganz anders als unseres, es ist staatlich finanziert und gesteuert. Das System ist auf höchste Effizienz getrimmt. Schweden ist Weltspitze in der Digitalisierung. Das gesamte Gesundheitssystem ist durchdigitalisiert, was dazu führt, dass in Schweden grundsätzlich erst einmal digitale Anwendungen genutzt werden können, bevor ein Arzt oder ein Krankenhaus aufgesucht wird. Der große Umfang des digitalen Leistungsportfolios dient auch dazu, der zum Teil weit gestreuten Landbevölkerung ein Versorgungsangebot zu unterbreiten. Die Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) ist seit Jahren etabliert. Das Interessante ist, dass die Anzahl der Krankenhausbetten bei zwei pro 1.000 Einwohner liegt. Wir in Deutschland haben 7,6 - trotzdem ist die Lebenserwartung in Schweden höher als bei uns. Das sollte uns zu denken geben.
Dr. Felix Lüdeke: Der Zugang zur ärztlichen Behandlung ist viel stärker reglementiert. Vor dem ärztlichen Kontakt steht eine Ersteinschätzung durch eine medizinische Fachkraft. Hier kann unter Umständen die Empfehlung ausgesprochen werden, erst nochmal abzuwarten. Insgesamt wird die Eigenverantwortung der Patient:innen in Schweden sehr stark betont. Auch wartet man unter Umständen sehr lange auf einen fachärztlichen Termin oder auf OP-Termine. Das ist auch immer wieder Thema in der Politik. Hinzu kommt, dass jeder ärztliche Kontakt grundsätzlich kostenpflichtig und erst ab einem bestimmten Betrag gedeckelt ist.
Welche Einrichtungen haben Sie besucht?
Lüdeke: Wir haben Gesundheitseinrichtungen wie das Karolinska-Krankenhaus in Stockholm besucht, wo wir über die Erfahrungen mit der ePA gesprochen haben. Aber wir waren auch im Ministerium für Gesundheit und Soziales sowie in der Behörde für E-Gesundheit. Wir haben auch mit Verteterinnen und Vertretern von Inera AB gesprochen. Diese Einrichtung ist unter anderem für die 1177 zuständig, die zentrale erste Anlaufstelle im schwedischen Gesundheitswesen. Außerdem hatten wir Termine zur Gesundheitswirtschaft. Etwa bei der deutschen Außenhandelskammer, bei der Pflegegewerkschaft und beim SciLifeLab, wo wir Einblicke in die Forschung und Anwendung digitaler Tools im Gesundheitswesen bekommen haben.
Was macht Schweden bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung anders als wir?
Roos: Schweden ist mit der Einführung des Internets Ende der 1990er-Jahre in die Digitalisierung des Gesundheitswesens eingestiegen. Seit 2006 hat das Land eine E-Health-Strategie, die zum flächendeckenden Einsatz der ePA geführt hat. Das Land hat mittlerweile eine große Erfahrung mit digitalen Anwendungen. Das merkt man an vielen Dingen: Anders als bei der deutschen ePA wird die schwedische ePA automatisch über die Krankenhaus- bzw. Praxissoftware befüllt, was die Anwendung für die Ärztinnen und Ärzte sehr komfortabel macht. Und auch die Patient:innen sind sehr gut mit der ePA und ihren Möglichkeiten vertraut und kommen gut informiert und vorbereitet zu ihren Behandlungen. Letztlich soll alles dazu beitragen, den Patienten effizient zu begleiten und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu erweitern.
Lüdeke: Für mich war ein wichtiger Unterschied, dass in Schweden eine sehr offene Haltung gegenüber digitalen Gesundheitsanwendungen vorherrscht. Patientinnen und Patienten und Behandelnde nutzen die Tools ganz selbstverständlich. Zum Beispiel wird die 1177 als zentrale Plattform für die Ersteinschätzung allgemein akzeptiert und schon in der Schule bekannt gemacht. Auch sei digitales Selfmonitoring sehr beliebt.
Was leistet die 1177?
Roos: Die 1177 ist das zentrale Gesundheitsportal in Schweden, über das es ein großes Portfolio an Anwendungen, Services, Informationen zu Versorgung und Leistungserbringern sowie ein Terminservice angeboten wird. Außerdem ist die 1177 der erste Kontaktpunkt in der Gesundheitsversorgung. Die schwedischen Patientinnen und Patienten melden sich dort telefonisch oder über das Internet und bekommen eine Ersteinschätzung. Erst dann wird entschieden, ob sie ärztliche Hilfe benötigen. Die 1177 wurde in den vergangenen 25 Jahren immer weiter ausgebaut. Zum Beispiel kommt heute auch ein Chatbot zum Einsatz. Es gibt aber auch private Anbieter, die mit ergänzenden Leistungen in die 1177 integriert sind.
Einmal grundsätzlich betrachtet: Was kann Deutschland von Schweden in Sachen Digitalisierung lernen?
Lüdeke: Nach meinem Eindruck sind die Schwedinnen und Schweden offen und neugierig, wenn es um Digitalisierung geht. Hinzu kommt, dass die Menschen sehr lösungsorientiert sind. In Schweden wird erst einmal geschaut, wie eine gute Lösung aussehen könnte. Im zweiten Schritt berücksichtigt man dann wichtige Aspekte wie den Datenschutz. Dies führt dazu, dass Schweden global eines der führenden Länder bei Innovationen ist. Auch in Deutschland gibt es viele gute Ideen für eine lösungsorientierte Digitalisierung im Gesundheitswesen. Diesen müssen wir noch stärker die Möglichkeit zur Entfaltung geben.
Roos: Schweden hat konsequent die Möglichkeiten der Digitalisierung genutzt, um gute Gesundheitsangebote in der Fläche zu etablieren und die Menschen durch das Gesundheitssystem zu steuern. Das trifft auf eine Bevölkerung, die bereit ist, digitale Tools anzuwenden. Wir tun uns damit traditionell etwas schwerer. Digitale Anwendungen sollten einen Sinn haben, die Versorgung verbessern und einfacher machen. Das deutsche Gesundheitssystem ist sehr stark auf den Arzt-Patienten-Kontakt ausgerichtet, was es zweifellos zu einem der Besten weltweit macht. Vor diesem Hintergrund dauert es länger, bis sich digitale Optionen etablieren. Wenn sie sinnvoll sind und uns das Leben einfacher machen, sollten wir die Möglichkeiten nutzen, die es gibt, um die Versorgung zu verbessern und uns die Arbeit zu erleichtern.
Sind denn in Schweden auch Fehler gemacht worden, die Deutschland besser nicht wiederholen sollte?
Lüdeke: Auch in Schweden ist Interoperabilität ein Thema. So gibt es dort keine einheitliche ePA, sondern regional unterschiedliche. Über die Regionsgrenzen hinweg können die ePA-Daten daher nur schwer ausgetauscht werden. Die Einführung des europäischen Gesundheitsdatenraums soll auch dafür genutzt werden, diese Probleme zu verbessern.
Roos: Das ist sicher ein Thema. Und ich war ehrlich gesagt überrascht, dass Schweden dieses Problem nach 25 Jahren ePA-Nutzung immer noch hat. Auf der anderen Seite bereitet uns die mangelnde Interoperabilität zwischen zahlreichen Praxis-Verwaltungssystemen und der deutschen ePA aus meiner Sicht ebensolche Schwierigkeiten.
Und was sollten wir in Deutschland auf jeden Fall übernehmen?
Lüdeke: Der schwedische Ansatz bei der Digitalisierung ist von Offenheit, Vertrauen und Innovationsfreude geprägt, und es wird der Nutzen für Gesellschaft und Alltag in den Fokus gestellt. Eine Haltung, an der wir uns orientieren sollten.
Roos: Ganz grundsätzlich gesagt, sollten wir die Haltung übernehmen, die digitalen Tools von der Versorgung her zu denken. Das beste Beispiel ist die 1177. Die wurde in Schweden über Jahre mit großem Engagement aufgebaut und stetig weiterentwickelt. Das ist eine Stringenz, die wir uns abschauen sollten. Unser Ziel muss sein, das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden, also einerseits die Stärke unseres Gesundheitssystems zu erhalten und dort, wo es nötig ist, digitale Angebote als sinnvolle Ergänzungen hinzuzuholen.