Das kutane Melanom ist eine der prognostisch relevantesten Hautkrebserkrankungen und steht in engem Zusammenhang mit ultravioletter (UV-)Strahlung. Während die Assoziation zwischen natürlicher Sonnenexposition und Melanomrisiko gut belegt ist, war bislang weniger klar, wie künstliche UV-Quellen wie Solarien die Melanomgenese auf molekularer Ebene beeinflussen.
Klinisch fällt jedoch seit Jahren ein charakteristisches Muster auf: Junge Personen mit intensiver Solariumnutzung entwickeln überdurchschnittlich häufig multiple Melanome an Körperstellen mit eigentlich geringer kumulativer Sonnenschädigung. Eine aktuelle Studie ist diesem Paradoxon nun mit einer Kombination aus einer großen epidemiologischen Fall-Kontroll-Analyse und hochauflösenden Einzelzell-Sequenzierungen von Melanozyten aus klinisch unauffälliger Haut auf den Grund gegangen. Die Ergebnisse veröffentlichte die Arbeitsgruppe um Pedram Gerami im Dezember 2025 in
Science Advances.¹
Solariumnutzung verdoppelt das Melanomrisiko
In der epidemiologischen Analyse zeigte sich ein deutlich erhöhtes Melanomrisiko bei Personen mit Solariumnutzung. Die Melanominzidenz betrug 5,1 % in der Tanning-Kohorte gegenüber 2,1 % in der Kontrollgruppe. Nach multivariabler Adjustierung war eine Solariumnutzung mit einer Odds Ratio (OR) von 2,85 für das Auftreten eines Melanoms assoziiert. Zudem bestand eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Mit steigender Anzahl an Solariumbesuchen nahm das Risiko signifikant zu.
Auffällig war auch die Verteilung der Tumoren. Melanome bei Solariumnutzenden traten signifikant häufiger an Körperstellen mit geringer kumulativer Sonnenschädigung auf, etwa am Rumpf. Zudem hatten diese Personen häufiger multiple primäre Melanome. Dieses Muster unterscheidet sich deutlich von klassischen UV-induzierten Melanomen bei chronisch sonnenexponierten Arealen.
Erhöhte Mutationslast in melanozytärer Normalhaut
Die molekularen Analysen lieferten eine Erklärung für diese klinischen Beobachtungen: Melanozyten aus normaler Haut von Solariumnutzenden wiesen im Vergleich zu den Kontrollen nahezu eine Verdopplung der Mutationslast auf (Median 5,69 vs. 2,86 Mutationen pro Megabase). Dieser Unterschied zeigte sich sowohl am oberen als auch am unteren Rücken, war jedoch besonders ausgeprägt an Arealen mit normalerweise geringer natürlicher UV-Exposition.
Bemerkenswert ist, dass diese erhöhte Mutationslast selbst im Vergleich zu einer älteren Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung bestand. Damit scheint intensive Solariumnutzung die altersabhängige Akkumulation somatischer Mutationen deutlich zu beschleunigen.
Mehr pathogene Treibermutationen durch Solariumnutzung
Neben der quantitativen Zunahme zeigte sich auch eine qualitative Verschiebung von Mutationen. Melanozyten von Solariumnutzenden trugen signifikant häufiger pathogene Treibermutationen als jene aus den Kontrollgruppen (23 % vs. 7 %). Besonders häufig waren hierbei Veränderungen des Tumorsuppressorgens NF1, daneben fanden sich auch Mutationen in BRAF, RAC1 und ARID2.
Diese Treibermutationen fanden sich nicht isoliert, sondern teilweise in klonal verwandten Zellfeldern, was auf sogenannte „field cancerization“-Effekte hinweist. Große Areale der Haut enthalten demnach bereits genetisch vorveränderte Melanozyten, die als Vorläufer für spätere Melanome dienen können. Dieses Muster erinnert an hereditäre Melanomsyndrome, entsteht hier jedoch durch exogene UV-Exposition.
Unterschiede in der UV-Signatur der Melanozyten
Die Analyse der Mutations-Signaturen zeigte erwartungsgemäß eine Dominanz der klassischen UV-Signatur SBS7 in beiden Gruppen. Darüber hinaus wiesen Melanozyten von Solariumnutzenden jedoch häufiger die Signatur SBS11 auf. Diese ist beim Melanom überrepräsentiert, ihre genaue Ätiologie ist bislang aber unklar. Die Autorinnen und Autoren diskutierten, dass die ungewöhnlich hohe UVA-Exposition in Solarien zu subtil veränderten Mutationsmustern führen könnte. Hinweise auf oxidative ROS-Signaturen fanden sich hingegen nicht.
Limitierungen der Studie
Die Autorinnen und Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen hin. So basieren die molekularen Analysen auf einer relativ kleinen Zahl intensiv exponierter Personen und erlauben keine direkte Aussage zur Kausalität auf individueller Ebene. Zudem beruhen Angaben zur Solariumnutzung auf Selbstauskünften, die Anfällig für einen Bias sind. Darüber hinaus wurden ausschließlich Melanozyten aus Rückenarealen untersucht; andere Körperregionen könnten andere Muster aufweisen. Dennoch wird die Aussagekraft durch die Kombination epidemiologischer und molekularer Daten deutlich gestärkt.
Fazit
Die Studie liefert überzeugende molekulare Evidenz dafür, dass Indoor-Tanning nicht nur das Melanomrisiko erhöht, sondern die Haut langfristig und großflächig genetisch verändert. Solariumsstrahlung steigert die Mutationslast von Melanozyten, fördert pathogene Treibermutationen und erweitert das präkanzeröse Feld weit über klassisch sonnenexponierte Areale hinaus. Für die Praxis unterstreichen diese Daten die Notwendigkeit klarer Präventionsbotschaften, einer gezielten Anamnese zur Solariumnutzung und einer besonders engmaschigen Hautkrebsfrüherkennung bei exponierten Personen.