Der Eichenprozessionsspinner (EPS) hat in den letzten Jahren zunehmende Relevanz für die dermatologische Praxis gewonnen. Insbesondere in den Frühjahrs- und Sommermonaten kommt es bei Betroffenen zu akut einsetzenden, stark juckenden Hautreaktionen, die häufig zunächst fehlgedeutet werden. Die nahe verwandten Pinien- und Kiefernprozessionsspinner sind bislang vor allem in Südeuropa beschrieben, könnten sich aber wegen des sich ändernden Klimas über kurz oder lang ebenfalls nach Deutschland ausbreiten.
Verantwortlich für die medizinischen Komplikationen sind die toxischen Brennhaare des dritten Larvenstadiums der Nachtfalter. Diese brechen leicht, werden vor allem bei trockenem, warmem Wetter mit dem Wind bis zu mehreren hundert Metern getragen und enthalten verschiedene Proteine, die kutane (Raupendermatitis) und respiratorische Symptome auslösen können.¹
Der Eichenprozessionsspinner ist eine ursprünglich ebenfalls vor allem in Südeuropa heimische Nachtfalterart, die vor allem Eichen- und Mischwälder besiedelt. Die Falter und ihre Raupen bevorzugen einzeln oder am Waldrand stehende Eichen oder lichte Eichenwälder, kommen aber auch in Parks, Alleen oder Gärten vor. Warme, sonnige sowie trockene Bedingungen während des Falterflugs und der Eiablage im Spätsommer und milde Temperaturen im Frühjahr fördern die Entwicklung der Populationen. Im Zuge des Klimawandels breitet sie sich deshalb zunehmend nach Norden aus.1,2 Besonders betroffen sind der Süden, Westen und Nordosten von Deutschland, etwa Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt oder Berlin.²
Für die dermatologische Praxis sind entsprechend
Forstwirtschaftlich tätige Personen oder andere Menschen, die sich berufsbedingt oder privat viel im Freien aufhalten, sind besonders gefährdet.² Saisonal häufen sich die Fälle im Mai und Juni, wenn die im April oder Mai geschlüpften Raupen ihre Brennhaare entwickeln und besonders aktiv sind.³
Die dermatologischen Reaktionen entstehen durch die Brennhaare (Setae) der Raupen, die ab dem dritten Larvenstadium gebildet werden. Sie enthalten das Nesselgift Thaumetopoein sowie weitere Proteine und Peptide. Vom Wind getragen können die Haare auch noch weit entfernt von den Nestern Haut und Schleimhäute penetrieren und eine toxisch-irritative Reaktion auslösen. Durch die Widerhaken an den Haaren treten zudem teilweise Fremdkörperreaktionen auf, selten kommt es zur IgE-vermittelten Sensibilisierung bei wiederholter Exposition. Wegen der großen Reichweite der Brennhaare, und weil sie auch Monate in der Nähe der Nester verbleiben, können sich Personen mit entsprechenden Hautreaktionen häufig nicht erinnern, in der Nähe Eichenprozessionsspinner-Raupen oder -Nester gesehen zu haben.3
Das klinische Bild der Raupendermatitis ist variabel; Betroffene zeigen aber in vielen Fällen folgende, charakteristische Symptome:³
- akuter, starker Juckreiz
- erythematöse Papeln oder papulovesikuläre Effloreszenzen, bevorzugt an exponierten Arealen wie Gesicht, Hals, Nacken oder den Extremitäten
Außerdem können sekundäre Ekzeme, Kratzartefakte und bakterielle Superinfektionen auftreten. Daneben sind atypische Verläufe möglich. Dabei kommt es zu einem verzögerten Symptombeginn erst Stunden bis Tage nach dem Kontakt mit den Brennhaaren, oft begleitet von disseminierten Hautreaktionen.
Für die Diagnostik ist die gezielte Expositions-Anamnese wichtig
Die Diagnose lässt sich üblicherweise anhand des klinischen Bilds in Kombination mit der Anamnese stellen. Der starke Pruritus, die typische Verteilung an exponierten Stellen und die Saisonalität geben starke Hinweise auf die Raupendermatitis. Da sich viele Betroffene nicht erinnern, Eichenprozessionsspinner gesehen zu haben, ist es wichtig, gezielt danach zu fragen, ob sie sich gegebenenfalls an Orten aufgehalten haben, an denen der Kontakt mit den Brennhaaren möglich gewesen wäre.
Wichtige Differenzialdiagnosen sind beispielsweise:²
- Toxische Kontaktdermatitiden
- Insektenstiche
- Urtikaria
- Infektiöse Dermatosen
- Atopisches Ekzem (vor allem bei Kindern)
Aufwendigere Diagnostik wie Allergietests, Laboruntersuchungen oder Biopsien sind in der Regel nicht notwendig.
Symptomatische Behandlung steht im Vordergrund
Die Behandlung der Raupendermatitis erfolgt primär symptomorientiert und ist üblicherweise ambulant möglich. Meist hilft es, die betroffenen Hautareale zu kühlen, daneben kommen topische Glukokortikosteroide oder Antipruriginosa zum Einsatz. Bei starkem Juckreiz können systemische Antihistaminika helfen, bei schweren Verläufen zudem systemische Steroide. Einige Fälle erfordern die interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa bei okulärer Beteiligung oder erheblichen respiratorischen Symptomen. Die Kommunikation mit den Betroffenen ist wichtig, denn die Erkrankung ist in den meisten Fällen selbstlimitierend und therapeutische Eskalationen sind entsprechend selten notwendig.³
Prävention und Beratung sind zentral
In der Praxis spielen Beratung und Prävention eine wichtige Rolle. So empfiehlt sich für Personen in Risikogruppen:²
Hautreaktionen durch den Kontakt mit den Brennhaaren der Eichenprozessionsspinner sind für die dermatologische Praxis ein zunehmend relevantes, saisonal gehäuftes, aber sehr variables Krankheitsbild. Für die Diagnostik entscheidend sind das klinische Bild im Zusammenhang mit der Anamnes; insbesondere einer möglichen Exposition im späten Frühjahr beziehungsweise Frühsommer. Die Raupendermatitis ist in der Regel selbstlimitierend, die Behandlung erfolgt symptomorientiert. Insbesondere für Personen mit erhöhtem Risiko ist eine Beratung bezüglich möglicher Präventionsmaßnahmen sinnvoll.1–3