Antientzündliche Ernährung
Die bei Autoimmunerkrankungen auftretenden chronischen, überschießenden Immun- bzw. Entzündungsreaktionen sind u. a. durch Autoantikörper, autoreaktive Immunzellen und proinflammatorische Zytokine gekennzeichnet.
Die Ernährungstherapie setzt hier mit ausgleichenden Nahrungskombinationen an, die entzündungshemmende Botenstoffe fördern und die Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe, sowie reaktiver Sauerstoff- und Stickstoffverbindungen hemmen.
Indizes wie der Dietary Inflammatory Index (DII) oder der Healthy Eating Index (HEI) messen das Entzündungspotenzial respektive die Einhaltung der (US-amerikanischen) Ernährungsrichtlinien.
Entzündungsfördernde Nährstoffe
- Trans- und gesättigte Fettsäuren
- ungesättigte Omega-9-, Omega-6-Fettsäuren wie Arachidonsäure und ihre Eicosanoide
- Eiweiß, Kohlenhydrate, Cholesterin
- Zucker und Süßstoffe (auch Xylit, Erythrit, Sucralose werden nicht empfohlen)
- Zusatzstoffe wie Salz, Fruktose, Stärke, Emulgatoren erhöhen die intestinale Permeabilität
Entzündungshemmende und antioxidative Nährstoffe
- Mehrfach ungesättigte Fettsäuren
- Omega-3-Fettsäuren und ihre Eicosanoide
- EPA und DHA direkt aus fettreichem Fisch und gereinigten Fischölen
- Vitamine C, D, E, A, B6
- Magnesium, Zink, Selen
- Sekundäre Pflanzenstoffe: Carotinoide, Polyphenole (Phenolsäuren, Flavonoide, Anthocyane), Sulfide, Senfölglykoside, Kurkumin, Resveratrol, Capsaicin, Bromelain, Quercetin.
- Ballaststoffe
Fettsäuren
Aus den mehrfach ungesättigten Fettsäuren werden entzündungsfördernde und -hemmende Verbindungen wie Eicosanoide (Gewebemediatoren wie Prostaglandine, Leukotriene, Thromboxane) oder entzündungsauflösende SPMs (specialized pro-rezolving mediators wie Resolvine, Protectine und Maresine) gebildet.
Deren Grundbausteine sind Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), die direkt v.a. aus fettreichem Fisch (Cave Quecksilber- und Umweltgiftbelastungen!) und gereinigten Fischölen, Krill- oder Algenöl aufgenommen werden können. Die pflanzlichen Quellen enthalten hauptsächlich α-Linolensäure, die kaum zu EPA und praktisch nicht zu DHA umgewandelt werden kann.
Auch Omega-6-Fettsäuren wie Linolsäure und α-Linolensäure sind essenziell, im Gegensatz zu Omega-9-Fettsäuren, kommen jedoch meist in ausreichender Menge in der westlichen Ernährung vor. Bei hohen Entzündungswerten sollte die Zufuhr der semiessenziellen Arachidonsäure, die antagonistisch zu EPA und DHA wirkt, auf < 50-80 mg/Tag beschränkt werden, was einer geringen Aufnahme fettarmer tierischer Lebensmittel entspricht. Die Gesamtfettzufuhr soll unter 30% der täglichen Energiezufuhr betragen, wobei mehr auf die Qualität zu achten sei.
Der Fettsäurestatus im Blut spiegelt sich im Omega-6-/Omega-3-Quotienten oder Omega-3-Index wider.
Vitamin D
Vitamin D ist an der Entwicklung und Schwere von Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, Typ-1-Diabetes oder Multiple Sklerose beteiligt und beeinflusst die Zytokinproduktion und Lymphozytenproliferation (T- und B-Zellen). Bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel, der bei mangelnder Sonnenlichtexposition aufgrund der unzureichenden Zufuhr über die Nahrung entsteht, empfiehlt sich eine Supplementation von min. 2000 I. E. bis zu einem Blut-/Plasmaspiegel von >75 nmol/l, was beispielsweise die Schilddrüsen-Antikörper-Spiegel bei Hashimoto-Thyreoiditis senkt.
Ballaststoffe
Inulin aus Schwarzwurzeln, Pektine aus Äpfeln, Birnen und Kirschen, Oligosaccharide aus roter Beete, Erbsen und Lauch, resistente Stärke aus grünen Bananen und abgekühlten Kartoffeln, Teigwaren oder Reis sind unter anderem Beispiele für Ballaststoffe und ihre pflanzlichen Quellen.
Ballaststoffe sind komplexe Kohlenhydrate, die wasserlöslich oder -unlöslich sind, und die Hauptnahrung (Präbiotika) der gesundheitsförderlichen Mikrobiota, die durch ihre Fermentation antientzündliche kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Acetat und Propionat herstellt. Butyrat senkt den pH-Wert im Darm, hemmt die TNF-α- und Interleukin-Freisetzung und verhindert somit überschießende Immunreaktionen und Entzündungen auch im gesamten Körper. Das in der ketotischen Stoffwechsellage in höheren Mengen entstehende β-Hydroxybutyrat wirkt ebenso antientzündlich und antikanzerogen.
Schon nach vier Tagen verändert ein Wechsel zwischen ballaststoffarmer und -reicher Ernährung die Bakterienarten und -anzahl im Darm. Probiotika aus fermentierten Milchprodukten, Apfelessig, Brottrunk oder Kombucha können sich in der Darmschleimhaut ansiedeln und zusammen mit den Präbiotika die Immunabwehr modulieren.
Die Ballaststoffe reduzieren die intestinale Glukoseresorption und beeinflussen die Stuhlbeschaffenheit, Mikrobiota, Sättigungsregulation und Darmtätigkeit. Die Zufuhr von mindestens 30 g Nahrungsfasern täglich wird empfohlen, auch für Diabetiker, liegt in Deutschland jedoch bei durchschnittlich 21,2 g. Nur 26% der Menschen weltweit essen Vollkornprodukte, deren Randschichten lösliche Ballaststoffe enthalten. Ihr niedriger glykämischer Index vermeidet postprandial starke Blutzuckerschwankungen.
Antioxidantien
Chronische Entzündungen führen über eine übermäßige Bildung freier Radikale zu einem erhöhten oxidativen Stress. Spurenelemente wie Selen, Zink Eisen und Kupfer sind Kofaktoren von antioxidativen Enzymen wie Glutathionperoxidase, Superoxiddismutase und Katalase.
Sekundäre Pflanzenstoffe wie Carotinoide, Polyphenole (Phenolsäuren, Flavonoide, Anthocyane), Sulfide, Senfölglykoside, Kurkumin, Resveratrol, Capsaicin, Bromelain oder Quercetin wirken entzündungshemmend. Sie werden am wahrscheinlichsten durch möglichst verschiedenes, buntes Gemüse zu jeder Mahlzeit, sowie bis zu zwei Portionen Obst täglich zugeführt.
Die Farb- und Duftstoffe in Gemüse und Früchten wirken oft immunregulierend. Schwefelverbindungen (Glucosinolate) aus Kreuzblütlern wie Kohl- und Retticharten tragen zum scharfen Geruch und Geschmack bei und beugen Zellschäden vor.
Zu den antientzündlichen Gewürzen zählen beispielsweise Nelken, Zimt, Piment, Muskat, Ingwer, Vanille und Senf. Auch Wild- und Küchenkräuter sind nicht zu übersehen.
Eliminationsdiäten
Der vorübergehende Verzicht auf glutenhaltiges Getreide, Hülsenfrüchte oder Milchprodukte kann helfen, Unverträglichkeiten einzugrenzen, sodass deren gezielte und eindeutig indizierte Vermeidung auch langfristig sinnvoll wird, unter Vorbehalt des Risikos einer einseitigen Ernährung mit Mangelerscheinungen.
Bei 5% der Hashimoto-Thyreoiditiden tritt eine Zöliakie auf, bei der eine streng glutenfreie Ernährung obligat ist. Aber auch andere Darmprobleme sind bei Autoimmunerkrankungen häufiger, beispielsweise durch das Gliadin des Weizens oder antinutritive Pflanzenstoffe wie Lektine aus Hülsenfrüchten, Phytinsäure aus Getreide, Alkaloide aus Kartoffeln, Paprika und Tomaten, die eine erhöhte Darmwanddurchlässigkeit (Leaky Gut) durch chronische Entzündungsprozesse begünstigen.
Ernährungsmuster
Lebensmittel werden in Ernährungsmustern verzehrt, die entzündlich oder antientzündlich wirken. Die Messung ihrer Auswirkungen als Ganzes im Vergleich zu derjenigen der einzelnen Nährstoffe auf Entzündungsmarker ist aussagekräftiger. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine pflanzenbasierte Ernährung mit reduzierten Mengen an tierischen Lebensmitteln. Dazu zählen die Mediterrane Ernährung (MD), Nordische Ernährung (ND), Planetary Health Diet, vegane und vegetarische Ernährung.
Die Leitlinien empfehlen bei Diabetes mellitus Typ 2 eine Mediterrane Ernährung bei besserer Evidenzlage, sowie eine nicht spezifizierte Ernährungstherapie bei Adipositas und fanden eine moderate Evidenz für die Ergänzung von Omega-3-Fettsäuren bei RA, wobei die heterogene und unzureichende Studienlage keine speziellen Diätempfehlungen zuließe.
Westliche Ernährungsweise (Western Diet):
- energiereich, niedrige Nährstoffdichte, reich an Zucker, gesättigten und Omega-6- Fettsäuren, Frittiertes, hochverarbeitete Lebensmittel (UPF).
- Fertigprodukte sind schmackhaft, günstig und enthalten viel Salz, Zucker, Fruktose, Stärke, trans-Fettsäuren und Emulgatoren, die die Permeabilität des Darms und die Mikrobiota beeinflussen. Sie sind mit entzündlichen Darmerkrankungen, Übergewicht und Autoimmunerkrankungen assoziiert und fördern die Tumor entstehung.
- Beispielsweise werden Carnitin und Cholin, besonders aus übermäßigem Verzehr von rotem Fleisch, durch die Darmmikrobiota zu Trimethylamin N-oxid (TMAO) umgewandelt, das entzündungsfördernd wirken und das kardiovaskuläre Risiko erhöhen kann.
Mediterrane Ernährung (MD):
- hoher Anteil pflanzlicher Lebensmittel mit sekundären Pflanzenstoffen, Ballaststoffen, Omega-3-reich, Olivenöl, Vollkorn, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, magere Sauermilchprodukte, moderat Rotwein, Fisch und Meeresfrüchte, Geflügel; wenig rotes und Schweine-Fleisch, Wurstwaren und Süßigkeiten.
- Ähnlich sind die DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension), ITIS-Diät und das NutriAct-Ernährungsmuster.
- Einzelne Studien zeigten eine Reduktion von Körpergewicht und BMI, Verbesserung kardiometabolischer Risikofaktoren und von Entzündungswerten wie hs-CRP, IL-6 und TNF-α. Bei stillenden Frauen konnte die mediterrane Ernährung eine Gewichtsabnahme und Entzündungsreduktion begünstigen. Im Vergleich zu einem gleichbleibenden Gewichtsverlauf, der IL-6, Il-8, TNF-α, IL-1β, E-Selektin und Interferon-gamma beeinflusste, senkte ein Gewichtsverlust das CRP stärker. Die verringerte Insulinresistenz führte zu einem höheren Adiponectin/Leptin-Verhältnis. Kardiometabolische Risikofaktoren und das Volumen des viszeralen Fettgewebes konnten auch unabhängig von einer Gewichtsabnahme durch die MD gesenkt werden. Selbst ein höherer Fettanteil (40%) und Energiegehalt wie bei einer olivenöl- oder nussreichen mediterrane Ernährung wirken sich vorteilhaft auf den Glukosestoffwechsel und die Gewichtskontrolle aus.
- Die Mediterrane Ernährung kommt zur Prävention und Ernährungstherapie bei rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, Hashimoto-Thyreoiditis, Adipositas und Diabetes zum Einsatz.
Nordische Ernährung (ND):
- Sie ähnelt der Mediterranen Ernährung und ist reich an Gemüse, Obst, Beeren, Vollkorn, moderaten Fischmengen, wenig gesättigten Fettsäuren und Fleisch und verwendet anstelle des Olivenöls Rapsöl. Sie kann Blutdruck, Blutfettwerte, CRP und Il-6 reduzieren.
Ketogene Ernährung:
- Eine sehr kalorienarme, ketogene und kohlenhydratarme Diät während zwei Monaten mit anschließender einfacher kalorienarmer Diät führte zu einem rascheren und stärkeren Gewichtsverlust bei einem höheren Anteil der Studienteilnehmer. Durch den Verlust des Fettgewebes ließe sich das antientzündliche Potenzial teilweise erklären.
Der Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.