Der menschliche Körper ist ebenso faszinierend wie kompliziert. Selbst heute ist die Anatomie eine Herausforderung für Medizinstudierende in den ersten Semestern, trotz vielfältiger Unterstützung in Form von Präparationskursen, Fachbüchern und Vorlesungen. Wie so oft in der Wissenschaft profitiert auch die moderne Anatomie enorm von den Errungenschaften früherer Generationen. Laut dem Philosophen Bernhard von Chartres sehen wir mehr als unsere Vorgänger, seien jedoch Zwerge, die auf den Schultern von Riesen säßen.
In seiner Vorlesung “History of Anatomy” gibt der Medizinhistoriker Jeffrey P. Baker einen Einblick, wer diese Riesen waren, wie sie die Geschichte der Anatomie formten und unser Verständnis des menschlichen Körpers prägten.1
Anfänge mittels Theorie
Am Anfang der Anatomie steht Hippokrates ca. 400 v. Chr. im antiken Griechenland. Seine Lehre stützte sich auf die Beobachtung, theoretische Schlussfolgerung und Spekulation, da die Präparation von Menschen verboten war. Einige Überlegungen, beispielsweise zur Gelenkmechanik, sind allerdings noch heute aktuell.
Fortschritte der systemischen Anatomie
260 v. Chr revolutionierte Herophilos von Chalkedon die Anatomie. Er führte als Erster systematische Sektionen an Menschen durch. Hierfür dienten ihm tote, aber auch lebende Kriminelle. Diese Dissektionen und Vivisektionen ermöglichten ihm einen tiefen Einblick in die makroskopische Anatomie des Körpers. Er wird als “Vater der Anatomie” angesehen und benannte u.a. als Erster:
- das Gehirn als Ursprung der Nerven und Intelligenz
- unbekannte Organe, wie das Duodenum und das Pankreas
- die Unterscheidung von Gefäßen in Arterien und Venen.
Er lehrte und arbeitete in Alexandria und seine alexandrinische Schule galt lange als Zentrum des medizinischen Fortschrittes. Ca. 200 n. Chr. lernte dort auch Galenos von Pergamon (Galen), der mit seiner Arbeit und seinen umfangreichen Schriften die Anatomie der nächsten 1.000 Jahre festlegt.
Die Anatomie von Tier und Mensch
Die Rolle von Galen ist zentral für die Geschichte der Anatomie. Schon zu seinen Lebzeiten war er eine anatomische Koryphäe und Leibarzt des römischen Kaisers Marcus Aurelius. Die Sektion und Obduktion von Menschen waren im römischen Reich verboten. Die Gelehrten in dieser Zeit studierten daher hauptsächlich Tiere und versuchten, die Beobachtungen auf den Menschen zu übertragen. Dieser Ansatz brachte das anatomische Grundverständnis voran, war aber mit Fehlern behaftet. Beispielsweise hatte der Mensch laut Galen eine Leber mit fünf Lappen, weil er diesen Aufbau in der Leber von Hunden beobachtete.
Dennoch war Galen ein geschickter Anatom und stellte dies auf öffentlich zur Schau: Laut einer Überlieferung manipulierte er den Laryngeus-Nerv eines lebendigen Schweines so präzise, dass das Schwein aufhörte zu schreien, während es weiterhin atmete.2 Diese Kombination aus Bildung, Geschick und sozialem Stand führten zum hohen Ansehen von Galen im Römischen Reich und darüber hinaus.
Galens Einfluss wäre aber nicht ohne seine Schriften zu erklären, denn sie:
- erhielten die Erkenntnisse der alexandrinischen Schule
- bildeten eine umfangreiche Sammlung medizinischen Wissens
- waren vereinbar mit den großen, monotheistischen Religionen.
Galen erhielt das Wissen von Herophilos und erweiterte es durch seine eigenen Beobachtungen an Mensch und Tier. Die Texte enthalten keine Abbildungen und flechten teilweise religiöse Themen, wie beispielsweise Galens Glauben an einen Schöpfer, ein. Er beschrieb, dass die anatomische Form der Hand perfekt für ihre Funktion entworfen schien und dies die Weisheit ihres Schöpfers widerspiegelte. Dies vertrug sich mit den großen monotheistischen Religionen, insbesondere mit dem Islam, welcher die Darstellung des menschlichen Körpers verboten hatte.
Die Schriften gewannen zentralen Charakter und galten insbesondere im Mittelalter als Gesetz der Anatomie. Da das Präparieren von menschlichen Leichen untersagt war, war das Studium der Anatomie gleichzusetzen mit dem Studium von Galens Schriften. Obduktionen dienten der Bestätigung und Illustration der Schriften. Wurden Abweichungen an der Leiche festgestellt, wurden diese überarbeitet oder wurden als fehlerhafte Präparation der meist ungebildeten chirurgischen Assistenten abgetan.
Anfechtung alten Wissens in der Renaissance
Die Wiedergeburt von Kunst und Wissenschaft machte auch vor der Anatomie nicht halt. Obduktionen waren nun geduldet. Anatomen stützten sich zunehmend auf griechische Originaltexte, sowie eigene Beobachtungen und ließen anatomische Illustrationen von Künstlern anfertigen. Unter ihnen befand sich auch Leonardo da Vinci. Obwohl er umfassende anatomische Studien verfasste, hatte er wenig Einfluss auf die Medizingeschichte. Allerdings beeindruckt da Vinci noch heute mit seiner Fähigkeit, künstlerische Elemente für seine anatomischen Abbildungen zu nutzen und den Blick in den menschlichen Körper perspektivisch klar und übersichtlich zu gestalten.3
Andreas Vesalius brachte die Anatomie schließlich auf ihren heutigen Kurs. Seine Werke Tabulae anatomicae (1538) und De humani corporis fabrica libri septem (1543) brachen mit dem Vertrauen in Galen und korrigierten Fehler, basierend auf Vesalius’ eigenen Sektionserfahrungen. Diese Korrekturen umfassen unter anderem, dass es keinen Geschlechterunterschied in der Anzahl der menschlichen Rippen gibt und sich die Leber in zwei Lappen gliedert. Neu war außerdem die Anfertigung von anatomischen Zeichnungen in alltäglichen Posen, die sogenannten “Muscle-Men” oder “Bone-Men”.
Entschlüsselung der menschlichen Maschine
Neue Anatomen und Erfindungen enthüllten mehr und mehr Geheimnisse des menschlichen Körpers. 1628 enträtselt William Harvey den Herzkreislauf. 1661 entdeckt Marcello Malpighi die Kapillargefäße, das bisher fehlende Verbindungsstück zwischen Arterien und Venen. Er begründet daraufhin die Histologie.4
Seitdem ist die Erforschung der menschlichen Anatomie rasant fortgeschritten: Röntgenaufnahmen, Sonografie, Ganzkörper-CT-Scans, Elektronenmikroskopie, digitale 3D-Modelle - die klassisch zentrale Rolle der Anatomie in der Medizin verändert sich durch den zunehmenden Einsatz moderner Technologien. Bildgebende Verfahren, digitale Modelle und assistierende Systeme prägen die Schnittstellen zwischen Wissenschaftlern und dem menschlichen Körper.
Vielleicht erklärt dieser technologische Fortschritt auch den Wandel unseres Körperverständnisses: Der Mensch, einst gedacht als von Gott geschaffene Einheit von Leib und unsterblicher Seele, wird zunehmend als biochemisch organisierte Struktur begriffen – eine komplexe, neuronale Maschine, erklärbar durch Messung, Modellierung und Steuerung.
Die Geschichte der Anatomie unterstreicht den Wert von detaillierter Beobachtung und Überprüfung von Autoritäten für die Wissenschaft. Sie konfrontiert uns mit unserem eigenen sterblichen Körper und erlaubt uns sehr wortgemäß: Einen Blick in uns selbst.
Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen, Teil des Medscape Professional Network.