Die ärztliche und zahnärztliche Tätigkeit ist geprägt von hoher Verantwortung und einer oftmals enormen Arbeitsdichte. Zwar besteht eine
Pflicht zur Arbeitszeiterfassung, doch bedeutet dies noch lange keine systematische Dokumentation von Überstunden, wie eine Befragung an Universitätskliniken im Sommer zeigte. Der Marburger Bund sprach gar von einer
„Manipulation mit System“, welche auch die Patientensicherheit gefährden könne. Auch in den Niederlassungen ist die Arbeitslast für Praxisinhaberinnen und -inhaber oftmals
erdrückend.
Im coliquio-Stimmungsbarometer wurden über 1.200 Kolleginnen und Kollegen aus der Zahn- und Humanmedizin zu den größten Stressfaktoren und drängendsten Wünschen befragt. Das Ergebnis: 57 % der Befragten empfinden die eigene Arbeitsbelastung als hoch oder sehr hoch.
Wie zufrieden Ärztinnen und Ärzte mit ihrem Verdienst sind, lesen Sie
in diesem Beitrag >>Woher kommt die hohe Belastung?
Die Ursachen der hohen Arbeitsbelastung lassen sich aus den Umfragedaten klar ablesen. Die Befragten wünschen sich primär eine Reduktion des bürokratischen Aufwands. Mit einigem Abstand folgen die Wünsche nach besseren gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen, einer angemessenen
Bezahlung, mehr Zeit für Patientinnen und Patienten sowie einer besseren Personalausstattung.
Ein differenziertes Bild zeigt sich, wenn man die Top-3-Wünsche für Klinik und Praxis getrennt betrachtet: Unter Klinikärztinnen und -ärzten ist der Wunsch nach mehr Personal besonders drängend. In der Praxis hingegen rangiert der Ruf nach besseren gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Platz 2.
Ebenfalls auf dem Wunschzettel steht eine beschleunigte Digitalisierung von Verwaltungsprozessen. 25 % aller Befragten sprechen sich hierfür aus – in der Klinik sind es 30 %, in der Praxis 23 %. Dabei denken sich wohl viele Praxisinhaber: Digitalisierung schön und gut, aber die Systeme müssen laufen. Das war in diesem Jahr nicht immer reibungslos der Fall, beispielsweise, als viele Praxen lange auf das nötige Softwaremodul für die Integration der elektronischen Patientenakte warten mussten (wir berichteten). 30 % der Praxisärztinnen und -ärzte wünschen sich daher mehr Unterstützung bei der Implementierung digitaler Lösungen.
Die 5 drängendsten Wünsche für mehr Freude am Arztberuf
Um die drängendsten Probleme klar zu benennen, hatten die Befragten die Möglichkeit, frei zu formulieren, welche Änderungen notwendig wären, um ihrer (zahn-)ärztlichen Tätigkeit wieder besser nachgehen zu können. Dabei zeigt sich: Die Wünsche sind nicht primär individueller Natur (wie z. B. ein bloßes Gehaltsplus), sondern zielen auf eine systemische Entlastung ab. Die Frustration über administrative und regulatorische Hürden ist überwältigend.
Die Analyse der 1.003 Antworten offenbart vier zentrale Belastungsfelder: Bürokratie, Vergütung, Arbeitsbelastung und Personalmangel. Diese „großen Vier“ sind eng miteinander verwoben und bilden den Kern der Unzufriedenheit – flankiert vom Wunsch nach einer lückenlos funktionierenden digitalen Infrastruktur.“
Mehr als jede zweite Antwort fordert eine drastische Reduzierung des Verwaltungsaufwands. Kritisiert werden vor allem überbordende Dokumentationspflichten und die Vorgaben durch Krankenkassen sowie Kassenärztliche Vereinigungen. In den Kommentaren ist oft die Rede von „Luftarbeit“, unnötigem „Papierkram“ und einer gefühlten „Gängelei“ durch Regresse und komplexe Regularien.
Fast jede dritte Nennung dreht sich um die Finanzen. Der Wunsch ist dabei zweigeteilt: Zum einen geht es um eine generell angemessene
Bezahlung, zum anderen um das Ende der Budgetierung, damit alle erbrachten Leistungen auch vergütet werden. Deutlich spürbar ist der Frust über die seit Jahrzehnten unveränderte Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) sowie die Unzufriedenheit mit der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) – auch wenn sich letztere immerhin in einem Reformprozess befindet.
Der Wunsch nach „mehr Zeit“ wurde in fast jedem fünften Kommentar thematisiert. Die Mehrheit der Befragten bezieht dies klar auf die Patientenversorgung – „weniger Patienten, mehr Zeit“ – und benennt damit eine der drängendsten Quellen der Unzufriedenheit (siehe Abbildung 2). Andere wünschen sich Entlastung auf persönlicher Ebene: „weniger Druck und Stress“, dafür mehr Raum für Privatleben und Familie.
Auf Platz 4 der Wunschliste steht die Behebung personeller Engpässe. 17 % der Freitextantworten bemängeln das Fehlen von qualifiziertem – bisweilen auch freundlichem und zufriedenem – Praxispersonal. Auch viele Klinikärztinnen und -ärzte kritisierten, es fehlten ärztliche Kolleginnen und Kollegen, um das hohe Patientenaufkommen adäquat bewältigen zu können.
Mit etwas Abstand zu den „großen Vier“, aber dennoch in den Top 5, rangiert der Wunsch nach einer reibungslosen Digitalisierung – 9 % der Freitextantworten befassten sich mit diesem Thema. Darin wird die Digitalisierung keineswegs abgelehnt, doch die praktische Umsetzung sorgt vielerorts für
Frust. Insbesondere in der Praxis wünschen sich viele Ärztinnen und Ärzte eine „funktionierende TI“, eine „bessere EDV“ oder ganz bescheiden eine „stabile Internet-Infrastruktur“.
Was sonst noch fehlt
Ebenfalls mehrfach genannt wurde der Wunsch nach mehr Wertschätzung, Anerkennung und Respekt – sei es von Vorgesetzten, von Patientenseite oder von der Gesellschaft insgesamt. Knapp 6 % der Antworten drehten sich um belastende Patientenkontakte, die vor allem in einer hohen Anspruchshaltung oder mangelnder Eigenverantwortung vieler Patientinnen und Patienten ihren Ursprung haben.
Zuletzt die gute Nachricht: Immerhin gut die Hälfte der Ärzteschaft ergreift bereits aktiv Maßnahmen, um den mentalen Belastungen im Job entgegenzuwirken. Doch das sorgt bestenfalls für persönliche Linderung - die strukturellen Ursachen der Belastung müssen an zentraler Stelle beseitigt werden.
Zur Methodik
- Für die Online-Umfrage wurden Ärztinnen und Ärzte, die bei coliquio registriert sind, eingeladen, einen Fragebogen auszufüllen.
- Zeitraum: 17. September bis 20. Oktober 2025
- Teilnehmende: über 1.200 Ärztinnen und Ärzte aus der Humanmedizin, Zahnmedizin sowie Kolleginnen und Kollegen aus der psychologischen Psychotherapie.