Herr Dr. Reifferscheid, wie kamen Sie zur Luftrettung – gab es ein Schlüsselerlebnis?
Ein konkretes Schlüsselerlebnis gab es nicht. Schon als Schüler in Hamburg übte insbesondere der SAR Hamburg 71, der als Rettungshubschrauber über Hamburg flog, eine Faszination auf mich aus. Das setzte sich fort, als während des Zivildienstes erste Berührungspunkte im Rettungsdienst dazu kamen oder während des Lernens am Landeplatz des UKE in Hamburg immer wieder Hubschrauber kamen und gingen. Wenn einen Notfallmedizin fasziniert und man gerne Notarzt ist, dann ist für viele der Einsatz auf dem Hubschrauber ein begehrtes Fernziel. Insofern war ich froh und dankbar, als ich von meiner Klinik eines Tages gefragt wurde, ob ich nicht auch den Hubschrauber besetzen wolle.
Wie sieht ein typischer Dienst als Notarzt auf einer Station der DRF Luftrettung aus?
Der typische Dienst beginnt mit dem Umziehen an der Hubschrauberstation und dem Checken der Rucksäcke und Medizingeräte zusammen mit dem HEMS-TC (Helicopter Emergency Medical Services Technical Crew Member). Wenn es sich um einen Tagdienst handelt und die Zeit es erlaubt, dann folgt das gemeinsame Frühstück und das Briefing mit dem Piloten. Ebenso wichtig wie Frühstück und Briefing ist der Austausch mit dem Team. Diese drei Berufsgruppen sind auf dem Hubschrauber sehr eng beieinander und gehen zusammen durch dick und dünn. Da weiß man eine Menge übereinander, freut sich darauf, die anderen zu treffen und den Dienst miteinander zu verbringen. Dann folgen die Einsätze. Was und wie viel kommt und wohin es einen führen wird, weiß man nicht. Das macht aber den Rettungsdienst auch so besonders. Im Sommer kann es sein, dass man schon direkt mit einem klingelnden Melder begrüßt wird, da geht es dann direkt los. Bei den Einsätzen kann es sich um Notfälle oder Verlegungseinsätze handeln, das kann mal um die Ecke sein oder aber auch in einem anderen Bundesland. Gerade in Schleswig-Holstein kommt man gut rum und kann gut einmal im einen Moment auf einer Nordseeinsel landen und im nächsten an die Ostseeküste gerufen werden.
Gibt es einen Einsatz, den Sie nie vergessen werden?
Den einen Einsatz, an den man sich lange erinnert, gibt es eigentlich nicht. Es sind inzwischen eine ganze Menge Einsätze und Eindrücke. Das kann der schwere Verkehrsunfall sein, bei dem sich eine Leitplanke mitten durch das ganze Auto gespießt und die Insassen schwer verletzt wurden, aber am Ende doch glimpflich davonkamen. Der LKW-Unfall auf der Autobahn oder der Fahrradfahrer, der vom Traktor überrollt wurde. Es sind aber auch die schwer betroffenen Kinder oder einfach nur Situationen, in denen gerade alte Menschen in Einsamkeit sterben oder man beobachten und miterleben kann, wie eben auch mal mit Liebe und Würde ein Sterben begleitet werden kann.
Was sind für Sie die Grundpfeiler, damit die Zusammenarbeit der Crew reibungslos funktioniert?
Welche diagnostischen und therapeutischen Mittel haben Sie standardmäßig an Bord?
Wir haben das große Glück, nicht nur ein hochmodernes Luftfahrzeug als Einsatzgerät zu haben, sondern darin auch mit allem ausgerüstet zu sein, was die moderne Notfallmedizin bereithält. Das beginnt mit dem „normalen“ Notfallequipment wie EKG, Defibrillator, Beatmungsgerät und Notfallrucksäcken. Wir führen überall Videolaryngoskope mit Spateln für jede Patientengröße mit und haben seit über 20 Jahren mobile Ultraschallgeräte an Bord und trainieren regelmäßig deren Anwendung. Seit ein paar Jahren haben wir Blutgasanalysegeräte dabei und können so schon an der Einsatzstelle ein erweitertes Labor durchführen und Differentialdiagnosen abwägen. An inzwischen sechs Stationen stehen uns Blutprodukte zur Versorgung kritisch blutender Patienten zur Verfügung und zurzeit erproben wir in einer Studie die Messung eines speziellen Proteins zur Identifikation intrakranieller Blutungen.
Was schätzen Sie besonders an der präklinischen Arbeit in der Luft, und wo liegen die größten Schwierigkeiten im Vergleich zur Tätigkeit im klinischen Schockraum?
Das Team, das Einsatzmittel und die Abwechslung, sowohl was das Einsatzgebiet als auch das Einsatzspektrum angeht. Wir sind Tag und Nacht im Einsatz und haben dabei oft schwer zugängliche Einsatzorte oder -situationen und müssen in kurzer Zeit viele wichtige Entscheidungen treffen und Maßnahmen ergreifen und mit eingeschränkten personellen und diagnostischen Mitteln bei Wind und Wetter Patienten versorgen. Dagegen haben wir im Schockraum zumindest angenehme Temperaturen, Licht, ein großes Team und ein breites Spektrum an Diagnostik und Möglichkeiten. Toll ist aber auch, dass wir nahezu überall mit offenen Armen empfangen werden und sehr viel Unterstützung erfahren. Das beginnt bei der Bevölkerung und an der Landestelle, an der uns meistens die Polizei unterstützt und zieht sich durch über die bodengebundenen Kollegen an der Einsatzstelle bis hin zu den Mitarbeitenden in den Krankenhäusern und natürlich den Leitstellen.
Was sind die häufigsten Einsatzindikationen? Inwiefern beeinflusst die Geografie Schleswig-Holsteins – mit ihren Küsten und Inseln – Ihr Einsatzspektrum und die medizinische Entscheidungsfindung?
Die häufigsten Einsatzindikationen sind auch in der Luftrettung internistische Notfälle. Häufiger als bodengebunden haben wir aber schwer betroffene Patienten oder Unfälle, da wir häufig auch als weiteres Rettungsmittel mit eingesetzt oder zum Transport angefordert werden. Dazu kommen die Intensivtransporte oder auch die Verlegungen in Verbrennungszentren oder andere spezialisierte Versorgungseinrichtungen. Die Geografie, gerade durch Inseln und Halligen, macht den Hubschraubereinsatz besonders. Das können Krankentransporte sein, die schlicht nicht anders wegkommen, das können aber auch zeitlich und situativ herausfordernde Situationen sein, weil vielleicht aufgrund des Wetters nur kurze Zeit bleibt, um einen schwer betroffenen Patienten noch auf das Festland zu bringen. Dazu macht das Land zwischen den Meeren mit seinen besonderen Wetterphänomenen den Einsatz auch aus dieser Perspektive interessant.
Welche klinische Erfahrung und welche persönlichen Eigenschaften sind aus Ihrer Sicht essenziell, um in der Luftrettung bestehen zu können?
Aufgrund der internen, aber zunehmend auch externen Anforderungen haben wir einen hohen Anspruch an Ausbildung und Erfahrung aller in der Luftrettung eingesetzten Berufsgruppen. Als Arzt muss man erfahrener Facharzt und mit Notfällen vertraut sein. Dazu setzen wir auf langjährige Erfahrungen als bodengebundener Notarzt und zunehmend auch auf sogenannte Buchstabenkurse wie z. B. zur Erwachsenenreanimation, Schwerverletzten- und Kindernotfallversorgung. Dazu kommt die Anforderung, regelmäßig in der Luftrettung eingesetzt zu sein und vor allem mit dem Team zu trainieren. Neben all der medizinischen Expertise sind aber Empathie und eine hohe Teamkompetenz entscheidend.
Welchen Rat würden Sie jungen Ärztinnen und Ärzten geben, die mit dem Gedanken spielen, die Luftrettung als Karriereziel anzustreben?
Am Ball bleiben. Eine fundierte Ausbildung und Einsatztätigkeit im Rettungsdienst sind wichtig. Meist muss man allerdings auch darauf achten, dass man an einer Klinik tätig ist, die zur Besetzung der Hubschrauber mit der Luftrettung kooperiert.
Welche Arbeitszeitmodelle sind für Notärztinnen und -ärzte bei der DRF Luftrettung möglich und wie ist die ärztliche Vergütung geregelt?
Die meisten Ärztinnen und Ärzte sind tatsächlich im Wege der Arbeitnehmerüberlassung in der Luftrettung tätig. Das heißt, sie arbeiten an einer kooperierenden Klinik und werden neben der Tätigkeit in der Klinik regelmäßig in der Luftrettung eingesetzt. Das sichert auch den klinischen Kompetenzerhalt. Dann sind die Dienstzeiten entweder von beispielsweise 7 Uhr bis Sonnenuntergang oder in 12-Stunden-Schichten Tag oder Nacht. Daneben haben wir wenige Honorarärzte oder in Teilzeit festangestellte Ärzte.
Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken: Welche medizinischen oder technischen Entwicklungen in der Luftrettung erwarten Sie oder würden Sie sich wünschen?
Ich denke, dass die Luftrettung im Kontext der Notfallreform und der anstehenden Veränderungen in der Kliniklandschaft eine wachsende Bedeutung haben wird. Das gilt sowohl in Bezug auf die Verlegungen von Patienten von der Erstversorgung in spezialisierte Kliniken, als auch für die direkte Zuweisung in Zentren z. B. nach einem Polytrauma oder einer Reanimation.
In der Unterstützung von Rettungsfachpersonal und Notärzten kann die Luftrettung durch ihre High-Performance-Teams zusätzliche Expertise an die Einsatzstelle bringen und so bodengebundene Rettungsmittel bei besonders komplexen Einsatzsituationen ergänzen und unterstützen. Auch die nächtliche Luftrettung wird eine wachsende Bedeutung erleben, da es nicht akzeptabel ist, dass man nachts schlechtere Chancen haben sollte als am Tage.