27. Oktober 2021

Parodontitis und Diabetes: Ungünstige Wechselwirkungen?

Die neue PAR-Richtlinie ist mittlerweile bei allen Zahnärztinnen und Zahnärzten angekommen. Hier muss neben anderen Faktoren das Grading als Indikator für die Geschwindigkeit der Parodontitis-Progression ermittelt werden. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das Thema Diabetes. Grund genug, hier nochmal genauer hinzuschauen.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Autorin: Dr. Melanie Salz. Redaktionelle Überarbeitung: Marc Fröhling

Parodontitis – nach wie vor intensive Forschungsarbeit

In Deutschland sind aktuell ca. 10 Millionen Menschen an einer schweren Parodontitis erkrankt.1 Somit zählt diese zu den am weitesten verbreiteten chronischen Erkrankungen. Spannend ist, was sich auf zellulärer und molekularer Ebene dabei abspielt – noch immer wird auf diesem Gebiet intensiv geforscht. Schon lange ist bekannt, dass für die Entstehung einer Parodontitis bestimmte Bakterien eine entscheidende Rolle spielen. Neuer hingegen sind Erkenntnisse darüber, wie wichtig die individuelle Wirtsantwort auf mikrobielle Angriffe ist. Hier handelt es sich um komplexe, aktive Prozesse auf zellulärer Ebene, die zu einer Entzündung führen.

Erfolgt aufgrund unterschiedlichster (erworbener oder angeborener) Faktoren eine überschießende Wirtsantwort auf den bakteriellen Reiz, entsteht eine Dysbiose im Gewebe und eine Heilung kann nicht stattfinden. Ein Abbau von Bindegewebe und Alveolarknochen, also eine Parodontitis, ist die Folge.2

Diabetes – auf den Punkt gebracht

Über 7 Millionen Menschen in Deutschland haben Diabetes, wobei pro Jahr ca. 500.000 dazu kommen.3 Diabetes Typ I wird durch einen absoluten Mangel an Insulin verursacht. Beim Typ II wird einerseits zu wenig Insulin produziert, zum anderen ist die Anzahl der Insulinrezeptoren an den Zellen vermindert. Dann wird zu wenig Glukose in die Zellen aufgenommen und die Blutzuckerwerte steigen an.4 Neben akuten Komplikationen wie Hyper-, Hypoglykämien und Infektionen können sich über Jahre chronische Folgeerkrankungen einstellen. Am wichtigsten sind hier Schäden an Blutgefäßen (Mikro- und Makroangiopathien) mit Folgeerkrankungen wie:

  • Herzerkrankungen
  • Schlaganfall
  • chronische Fußwunden
  • Nierenversagen
  • Seh- und Nervenstörungen5

Was ist HbA1c?

Ein Kriterium, das für das Grading herangezogen wird, ist die Konzentration von HbA1c im Blut. Wer sich mit der neuen PAR-Richtlinie beschäftigt, stößt bei den Vorgaben zur Diagnosestellung auf die Bereiche „Staging“ und „Grading“. Das Grading soll als Indikator für die Geschwindigkeit der Parodontitis-Progression verwendet werden.  

HbA1c ist eine Untergruppe von Hämoglobin (Hb), welches in Erythrozyten enthalten ist und Sauerstoff transportiert. Es entsteht, wenn sich Glukose an HbA0 (eine weitere Untergruppe von Hb) anlagert. Je höher der Blutzuckerspiegel ist, desto höher ist der HbA1c-Wert. Wichtig ist hierbei, dass der HbA1c-Wert die Blutzuckerwerte der letzten drei Monate widerspiegelt und nichts über die aktuelle Situation aussagt.

Es kann festgestellt werden, ob

  • ein Diabetes vorliegt
  • wie gut ein Diabestes eingestellt ist.6

Ein hoher HbA1c-Wert spricht für das Risiko einer raschen Parodontitis-Progression.

Parodontitis und Diabetes: ungünstige Wechselwirkungen

Viele Studien konnten nachweisen, dass sich die Erkrankungen Parodontitis und Diabetes wechselseitig negativ beeinflussen können. So wurde festgestellt, dass:

 1. ein schlecht eingestellter Diabetes (HbA1c-Wert ≥ 7%)

  • das Risiko für Parodontitis um das 3-fache erhöhen kann.
  • den Erfolg einer Parodontitisbehandlung verschlechtern kann.

2. eine Parodontitis

  • die Einstellung des Blutzuckerspiegels erschweren kann.
  • HbA1c-Werte verschlechtern kann.7

  • Dr. Melanie Salz praktiziert seit über 20 Jahren in der Zahnmedizin. Sie hat sich auf Kinderzahnheilkunde spezialisiert. Seit 2013 ist sie in einer Praxis in Bad Tölz tätig.

Vom Diabetes zur Parodontitis

Die bei einem Diabetes auftretende Hyperglykämie führt zu einer Kaskade unterschiedlicher Prozesse. Zum einen scheint sie einen Effekt auf die Funktion der Immunzellen zu haben. Zum anderen kommt es zur Entstehung von Endprodukten einer Glykierung von Proteinen, die sich in parodontalen Geweben ablagern. Dort lassen sich dann erhöhte Konzentrationen u.a. von Entzündungsmediatoren und reaktiven Sauerstoffspezies nachweisen. Eine überschießende Entzündungsreaktion ist die Folge, und zusammen mit der Anwesenheit pathogener Bakterien findet ein beschleunigter Abbau parodontaler Gewebe statt.7

Von der Parodontitis zum Diabetes

Bei einer Parodontitis finden sich in der Sulkusflüssigkeit und im parodontalen Gewebe erhöhte Konzentrationen an Entzündungsmediatoren wie TNF-α, IL-6 und CRP. Diese können in den Blutkreislauf gelangen und dann systemisch wirken. Eine Langzeitstudie konnte Zusammenhänge zwischen erhöhten CRP- und HbA1c-Konzentrationen im Blut von Diabetikern nachweisen.7

Fazit: Wechselwirkungen von Parodontitis und Diabetes beachten

Gerade in der zahnärztlichen Praxis besteht die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten mit einer Parodontitis zu einer Kontrolle ihres HbA1-Wertes zu motivieren. Je früher ein unerkannter Diabetes aufgedeckt wird, desto eher können Komplikationen verhindert werden. Genauso sollten zu Behandelnde mit einem bekannten Diabetes einem Recall zugeführt werden, um zu verhindern, dass eine unbehandelte Parodontitis die Blutzuckerkontrolle erschwert.

  1. Dannewitz, Holtfreter, Eickholz: Bundesgesundheitsblatt, Ausgabe 8/2021.
  2. Müller-Busch, A.;  Tsinis, N.: Risikofaktor Parodontitis. BZB März 2021.
  3. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021.
  4. www.diabetes-deutschland.de.: Insulinresistenz bei Typ 2 Diabetes
  5. Deutsche Diabetes Stiftung: Diabetes – was ist das eigentlich?
  6. DiabetesNews: “HbA1“ und “HbA1c”.
  7. Kuzmanova, Jepsen, Dommisch: Wie sind Parodontitis und Diabetes mellitus vergesellschaftet? zm, Heft 3/2017.

Titelbild: © Getty Images/pedro arquero (Symbolbild).

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