08. Mai 2020

Kommentar

„Welchen Schaden verursachen die Covid-19 Eindämmungsversuche?“

Dr. Tobias Kuntze arbeitet seit über 15 Jahren als Zahnarzt in London. Er berichtet über die Folgen der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie im Vereinigten Königreich.

Lesedauer: 4 Minuten

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder. Update des Beitrags vom 13. März 2020.

Der NHS ist nicht durch Covid-19 Fälle überlastet

Weltweit wird derzeit versucht eine Überlastung der gesundgeschrumpften bzw. kaputtgesparten Gesundheitssysteme durch Covid-19-Patienten im Sinne einer ‚Abflachung der Kurve‘ zu vermeiden. Besonders dramatische Folgen erwartete man vom sehr spät eingeführten Lockdown im Vereinigten Königreich. So berichtete das Statistische Amt von England & Wales auch von einer mehr als Verdopplung der Übersterblichkeit in der Kalenderwoche 16.1

Von einer Überlastung durch Patienten besonders gefährdet wäre eigentlich der National Health Service (NHS) in Großbritannien, mit seiner Bettenkapazität von knapp 100.000 Betten und 4.000 Intensivbetten für 66 Millionen Einwohner.2

Dem wurde nur teilweise vorgebeugt durch temporäre Verstaatlichung des privaten Gesundheitssektors sowie dem Aufbau von „Nightingale“ Notkrankenhäusern, die die Anzahl an Intensivbetten verdoppeln sollen; derzeit sind diese trotz massiv gestiegener nachgewiesener SARS-CoV-2 Infektionen und assoziierter Todesfälle gähnend leer und werden daher vorübergehend geschlossen oder erst gar nicht eröffnet.3,4

Dies ist eigentlich erstaunlich, wenn zu vergleichbaren Zeitpunkten der SARS-CoV-2 Pandemie in Ländern wie Italien und Spanien, mit ähnlich vielen Todesfällen das Gesundheitssytem quasi zum Erliegen kam.

Ein Erklärungsansatz ist die strikte Anweisung Krankenhäuser nur in absoluten Notfällen aufzusuchen, wodurch eine unnötige Belastung durch verunsicherte Patienten mit milden Verläufen vermieden wird.5

Zum anderen werden viele Nicht-Covid-19-Patienten vorzeitig entlassen oder deren Behandlung verschoben und der Versorgung von Covid-19 Patienten nachgeordnet, um im Sinne eines ‚supervised neglect‘ weitere Kapazitäten an Personal und Betten zu schaffen. So erhalten Krebspatienten eine verminderte oder verspätete Behandlung und alte Patienten werden unter Umständen gar nicht mehr wiederbelebt.6,7

Covid-19 hat nicht den Status einer bedrohlichen Seuche im United Kingdom

So erstaunlich das angesichts der weltweit (nicht exponentiell)8 steigenden Zahlen an SARS-CoV-2 Infektionen klingen mag, der Wissenschaftliche Rat der Vier Länder im Vereinigten Königreich hat bereits am 23.3.2020 Covid-19 seines „High Impact Contagious Disease“ Status beraubt und stuft die Erkrankung seitdem nicht mehr als besonders bedrohliche Seuchenerkrankung ein.9

Allerdings ist Covid-19 auch in Deutschland keine Meldepflichtige Erkrankung im Sinne des Infektionsschutzgesetzes; es wurde lediglich eine vorübergehende Meldepflicht von 2019-nCov Infektionen verordnet.10

Während das SARS-CoV-2 Virus nach sich mehrenden Erkenntnissen zwar eine vergleichbare Letalität mit saisonaler Grippe aufweist, hat es anscheinend in der Ausprägung von Covid-19, eine erheblich größere Virulenz.11,12

Trotz geringer Letalität (und zur Vermeidung eines Zusammenbruchs des kaputtgesparten Gesundheitssystems) wird daher verfahren, als handele es sich um eine Pandemie mit einem besonders bedrohlichen Erreger. Entsprechend wurde zusätzlich zu den Maßnahmen des ‚social distancing‘ am 23.3.2020 ein ‚lock down‘ für Großbritannien verordnet; dieser wurde um mindestens 3 Wochen verlängert. Dies geschah erst auf massiven öffentlichen Druck, denn Premierminister Boris Johnson wollte ursprünglich, dem „Schwedischen Modell“ folgend, weder Hausarrest anordnen, noch Schulen schließen lassen.

Zwischenzeitlich musste Mr. Johnson seine Regierungsgeschäfte vorübergehend an den Außenminister Dominic Raab übergeben, da er aufgrund von Covid-19-Symptomen kurzzeitig auf Intensivstation überwacht wurde und derzeit außerhalb des Krankenhauses wieder genest. Ebenso ironisch wie seine Erkrankung ist aber, dass er dabei von einem portugiesischen Pfleger (und einer neuseeländischen Pflegekraft) betreut wurde; derzeit findet aufgrund des Brexit eine massive Abwanderung an qualifiziertem Personal nicht zuletzt aus dem Gesundheitssektor statt.

Massiver Anstieg der Exzessmortalität mit Verordnung des Lockdown

Bis zum Beginn des ‚Lockdown‘ in Woche 13 gab es im Vereinigten Königreich praktisch keinerlei Exzessmortalität; diese stieg dann dramatisch ab Woche 14 an und erreichte dann in Woche 16 ihren Höhepunkt.13-15 Dies führte zur Vermutung, dass entgegen der Annahme der WHO und des Imperial College bereits eine hohe Anzahl von unerkannten Infekten zu einer Durchseuchung von bis zu 50% der Inselbevölkerung geführt haben könnte und die Gefahr für die Bevölkerung als gering einzustufen sei.16

Weitere Studien scheinen diese Annahme zu stützen und es vermehreren sich Berichte von nachuntersuchten Gewebe, die ebenfalls ein Auftreten von Sars-CoV-2 in Mitteleuropa seit Ende 2019 zu bestätigen scheinen.

Auf die Veröffentlichung der Studie aus Oxford wurde auch eine massive Korrektur der befürchteten Opferzahlen durch das Imperial College von zunächst 500.000 auf maximal 20.000 vorgenommen, was im Rahmen der schweren Grippewelle von 2018 liegen würde.17

Das scheint aber nicht den Tatsachen zu entsprechen denn die aktuelle Übersterblichkeit durch „Covid-19-assoziierte“ Tote hat sich unmittelbar mit der Einführung der restriktiven Maßnahmen stark geändert und hat die 20.000 Marke überschritten.

So ist die Exzessmortalität selbst unter Ausschluss der Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 um 2.000-2.500 gestiegen. Es stellt sich daher die Frage, ob die große zusätzliche Anzahl an Toten seit der Kalenderwoche 13 durch nicht erfasste Covid-19-Fälle verursacht ist oder aber einen Kollateralschaden der restriktiven Maßnahmen darstellt.

Noch deutlicher ist die Situation in Nordirland, wo es offenbar keinen Zusammenhang zwischen Übersterblichkeit und Covid-19 assoziierten Todesfällen gibt, aber einen Anstieg der Sterblichkeit um 25% mit Einsetzen des Lockdowns.19

Hinzu kommt die leidliche Frage wer „mit“ und wer „an“ Covid-19 verstirbt und diese Frage müsste für die zusätzlichen Toten ohne einen erkennbaren Covid-19 Zusammenhang ebenfalls gestellt werden.

Kollateralschaden der Pandemie Maßnahmen

Derzeit wird zur Vermeidung von einer Überlastung der kaputtgesparten Gesundheitssysteme ein derartiger wirtschaftlicher Schaden angerichtet, wie man ihn seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr gesehen hat. Dies trifft die vom Brexit schwer in Mitleidenschaft gezogene britische Wirtschaft noch schwerer und so hat die eingefrorenen Weltwirtschaft bereits zahlreichen Unternehmen den Todesstoß versetzt und bedroht etliche Existenzen.20

Des Weiteren hat die Abwanderung von Fachkräften zu einem Pflegenotstand geführt, der durch prophylaktische Selbstisolation der verbliebenen Kräfte nur noch verstärkt wird.21

Dabei ist es durchaus möglich, daß die vernachlässigte Pflege zu einem verminderten Lebenswillen und vorzeitigen Ableben vereinsamten pflegebedüftigen Menschen führt. Ebenso kommt es im Zuge der Wirtschaftskrise zu einer weiteren Verarmung. Dabei leben bereits jetzt 14 Millionen Menschen und rund 1/3 der Kinder im UK unterhalb der Armutsgrenze.22

Des Weiteren gibt es im UK ein massives Problem mit depressiven und suizid-gefährdeten Menschen von jeweils etwa 7%. Unter Bedingungen eines Lockdown brechen diese Probleme noch mehr auf und können nicht die notwendige Therapie erfahren.23 Auch häusliche Gewalt ist ein zunehmendes Problem in diesen Tagen wo die Opfer nicht mehr außerhalb Zuflucht aufsuchen können.24

Wie weit diese und weitere Bereiche zu Toten durch die Pandemiemaßnahmen führen ist derzeit schwer zu klären. Es lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass derzeit rund 2.500-3.000 Tote Kollateralschaden pro Woche entstehen. Insofern ist es absolut unerlässlich, dass endlich eine stichprobenartige Testung der Bevölkerung vorgenommen wird, um die tatsächliche Lage endlich einschätzen zu können.

Dr. med. dent. Tobias Kuntze hat in Tübingen Zahnmedizin studiert, nach einer Station in Spanien, praktiziert er seit 15 Jahren in einer Praxis in London.

  1. Coronavirus (COVID-19) roundup. Office for National Statistics
  2. NHS hospital bed numbers: past, present, future. The King´s Fund
  3. Exclusive: Nightingale largely empty as ICUs handle surge. HSJ, 14.04.2020
  4. Newly opened Nightingale to remain empty for time being. HSJ, 21.04.2020
  5. Check if you have coronavirus symptoms. NHS 111 online
  6. Cancer treatment delayed as patient priority lists drawn up. HSJ, 23.03.2020
  7. GPs contacting patients about ‘do not resuscitate’ forms. HSJ, 01.04.2020
  8. Israeli Professor Shows Virus Follows Fixed Pattern. Townhall, 15.04.2020
  9. High consequence infectious diseases (HCID), 21.03.2020
  10. Verordnung über die Ausdehnung der Meldepflicht nach § 6 Absatz 1 Satz 1 Nummer 1 und § 7 Absatz 1 Satz 1 des Infektionsschutzgesetzes auf Infektionen mit dem erstmals im Dezember 2019 in Wuhan/Volksrepublik China aufgetretenen neuartigen Coronavirus (“2019-nCoV”)
  11. A fiasco in the making? As the coronavirus pandemic takes hold, we are making decisions without reliable data. STAT, 17.03.2020
  12. Virologe Streeck weist Vorwürfe zurück: Zwischenergebnis üblich. Deutsches Ärzteblatt, 13.04.2020
  13. Deaths registered weekly in England and Wales, provisional. Office for National Statistics
  14. Deaths involving coronavirus (COVID-19) in Scotland. National Records of Scotland
  15. Weekly Deaths. Northern Ireland Statistics and Research Agency
  16. Oxford study – 50% of UK population may be infected already. Reaction, 24.03.2020
  17. UK coronavirus deaths could reach 7,000 to 20,000. Reuters, 05.04.2020
  18. COVID-19 in Proportion?
  19. Deaths Registered in Northern Ireland. Northern Ireland Statistics and Research Agency
  20. The economic effects of coronavirus in the UK. Resolution Foundation, 24.04.2020
  21. Help The Hungry: Care workers turn to food banks as they self-isolate for coronavirus without sick pay, says charity. Independent
  22. Poverty in the UK: a guide to the facts and figures. FullFact, 27.09.2019
  23. Mental health facts and statistics. Mind.org.
  24. The Domestic Abuse Report 2020. Women´s aid

Bildquelle: © Getty Images/rclassenlayouts

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