11. April 2019

Die „grüne“ Zahnarztpraxis: Was ist möglich?

Eine Praxis, die keinen Plastikmüll verursacht und ausschließlich auf umweltfreundliche Produkte setzt, wird es in naher Zukunft nicht geben. Im coliquio-Forum wird über Möglichkeiten und Grenzen diskutiert.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf einer von „marjabl” eingestellten Diskussion im coliquio-Forum über das Thema Ökologie in Zahnarztpraxen”.1 Redaktion: Marc Fröhling

Die Fakten im Überblick

  • Mehr als die Hälfte aller Medizinprodukte sind aus Plastik
  • Jährlich werden 16 Milliarden Einwegspritzen verbraucht
  • 2017: 262.000 Tonnen Kunststoffe für den medizinischen Einsatz verwendet
  • Das sind 1,8% der gesamten Kunststoffverarbeitung (ohne Verpackungen)2

Umfrage unter Ihren Kollegen

Einer von coliquio-Userin „marjabl” angeregten Umfrage zufolge ist für zwei Drittel der Teilnehmer eine umweltschonende Zahnarztpraxis nur in engen Grenzen möglich, da häufig nur Einwegprodukte infrage kommen, wenn es darum geht, die gesetzlichen Vorgaben mit vertretbarem Aufwand umzusetzen. Das größte Potenzial liegt in den Bereichen Wartezimmer und Verwaltung. Ein Großteil der Befragten würde recycelbare Verbrauchsmaterialen kaufen, wenn diese preislich vertretbar wären. Die detaillierten Ergebnisse finden Sie in der folgenden Bildergalerie zum Durchklicken.

Umweltschutz in der Praxis: Das unternehmen Ihre Kollegen …

Die Umfragenerstellerin marjabl” hat auch konkrete Tipps auf Lager: Die Kaffeemaschine der Praxis sollte ohne Pads auskommen, auch der schnelle Salat vom Bäcker aus der Plastikschale ist ein No-Go. Für Patienten sollte Wasser in Glasflaschen und Gläser bereitstehen. Kompostierbare Becher, die leider teuer sind, ersetzen bei ihr im Behandlungszimmer die Plastikbecher. Ihr Appell lautet: Als Masse können wir etwas bewegen!”

drillmaster” verwendet seit 1993 Glasbecher. Er sieht darin zwar global gesehen einen Tropfen auf den heißen Stein, konnte so aber auf unzählige Plastikbecher verzichten. „wolfgangp” benutzt in PA und OP Trays, die in Papier eingeschlagen sterilisiert werden. Er stellt sich außerdem die Frage, ob die Assistenz wirklich immer Handschuhe benötigt.

„elyzol” verwendet stabile und unverwüstliche Mehrwegkunststoffbecher, die er im Thermodesinfektor reinigt. Keramikbecher verwendet er nicht mehr, da diese zerbrechen und im schlimmsten Fall auch Schaden am Inventar anrichten können.

… und das sind ihre Bedenken

Dagegen gibt „appledoc” zu bedenken, dass das Wuppertal-Institut nachweisen konnte, dass ein petrochemisches Produkt am Ende das nachhaltigere ist. Ein Weg der kleinen Schritte ist aber dennoch der richtige. So kann etwa Ökostrom ein Mosaikteilchen sein.

„dent 402″ sieht als weitere Problemfelder die Industrie, die von billig produzierter Ware lebt und Politik und Krankenkassen, die die Kosten im Medizinsektor gering halten wollen. Für Umweltschutz scheint hier kein Platz zu sein. Er bezweifelt außerdem die Echtheit von Ökostrom. Neben der Problematik, auf Sterilisationsfolie zu verzichten warnt er die Kollegen davor, blind alle als „grün” deklarierten Produkte zu erwerben und zunächst zu prüfen, ob sich dahinter nicht nur ein lukrativer Markt verberge.

Wiederaufbereitung von Einweginstrumenten

EU-weit gilt seit 2017 die „Medical Device Regulation”, die die Wiederverwendung von Einweginstrumenten erleichtern soll. Sofern das wiederaufbereitete Instrument „hinsichtlich Qualität und Sicherheit mit dem ursprünglichen Originalprodukt gleichwertig ist”, ist „Reprocessing” ausdrücklich erlaubt. Mit der Vanguard AG beschäftigt sich ein deutsches Unternehmen bereits seit 1998 mit der Wiederaufbereitung medizinischer Instrumente aus der Chirurgie und Elektrophysiologie, wodurch nach eigenen Angaben bisher 275 Millionen Tonnen Müll eingespart werden konnten.2

Recycling und Biokunststoffe: Was unternehmen die Hersteller?

Neben den Gesundheitseinrichtungen stehen auch die Hersteller in der Pflicht. Für eine nachhaltigere Produktion medizinischer Instrumente könnten recycelte Kunststoffe verwendet werden. Allerdings gibt es bereits beim Sammeln und Trennen der dafür notwendigen Kunststoffe Schwierigkeiten. Das Problem: Für die spätere Verwendung im medizinischen Bereich, müssen die verwendeten Recyclate ausschließlich aus sogenannten Medical Grade Plastics gewonnen werden.

Ein möglicher Einsatz von Biokunststoffen ist für das Medizintechnikunternehmen B.Braun noch kein Thema. Dagegen spreche neben den hohen Kosten der Aufwand, den die Umstellung der Produktion erfordere. Daneben müsse der neue Werkstoff auf Kriterien wie Biokompatibilität und Zytotoxizität geprüft werden, um als Medizinprodukt verarbeitet zu werden. Dennoch habe das Unternehmen „das Thema im Blick.”2

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1. coliquio-Thread vom 10. März 2019: Umfrage: „Umweltschutz (Ökologie) in der Zahnmedizin”
2. Wir brauchen einen Plastik-Chirurgen.DocCheckNews. Iris Fegerl, 01.03.2019.

Titelbild: ©iStock.com/spyderskidoo

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