29. September 2021

Pulpotomie auch bei irreversibler Pulpitis?

Aktuelle Studien überraschen mit folgender Fragestellung: Sind die bisherigen Konzepte zur Behandlung einer irreversiblen Pulpitis noch zeitgemäß? Erkenntnisse aus dem Bereich der Pulpabiologie machen Lust auf mehr vitalerhaltende Maßnahmen.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Autorin: Dr. Melanie Salz, Redaktionelle Überarbeitung: Marc Fröhling

Bisherige Vorgehensweise: Wurzelbehandlung

Zwei typische Indikationen für eine Wurzelbehandlung sind u.a. folgende:

  • Die Pulpa wurde bei der Exkavation kariösen Dentins eröffnet.  
  • Aufgrund klinischer Kriterien (persistierende, reizunabhängige oder ausstrahlende Schmerzen, Perkussionsschmerz, Schmerz auf Wärme) erfolgte die Diagnose „irreversible Pulpitis“.

Ziel des bisherigen Vorgehens war die Entfernung des gesamten Pulpagewebes bis hin zum Apex, um so weitere Entzündungsreaktionen in diesem Bereich zu verhindern.

Obwohl die Erfolgsquoten nach einer gut durchgeführten Vitalexstirpation hoch sind, treten nicht selten Schwierigkeiten oder Komplikationen auf. Außerdem ist ein vitaler Zahn im Vergleich zum wurzelbehandelten Zahn immer im Vorteil. Misserfolge einer endodontischen Behandlung entstehen durch unentdeckte akzessorischer Kanäle, unzureichende Infektionskontrolle, Instrumentenfrakturen, Perforationen und Wurzelfrakturen.1,2 Nicht jede zahnmedizinische Praxis verfügt jedoch über kostenintensive Ausstattungen wie z.B. ein Mikroskop, um solche Komplikationen zu verhindern.

Überraschende Studienergebnisse

Es gibt Hinweise darauf, dass es einfacher geht. Über zehn Studien konnten hohe Erfolgsraten nachweisen, wenn Zähne mit irreversibler Pulpitis mit einer Pulpotomie behandelt wurden. Der Behandlungserfolg liegt in den meisten Studien zwischen 85% und 95%.3 Asgary et al. hatten nach einem Beobachtungszeitraum von fünf Jahren Erfolgsraten von 85% nach Pulpotomie mit MTA.4 

Diagnose „irreversible Pulpitis“ ungenau?

Ob eine Pulpitis reversibel oder irreversibel ist, entscheidet die Zahnärztin oder der Zahnarzt aufgrund klinischer Kriterien, wie der Schmerzsymptomatik. Histologisch würde man bei einer irreversiblen Pulpitis zwar meist nekrotische oder infizierte Pulpabereiche finden. Allerdings beschränken sich diese örtlich auf die der Karies benachbarte Regionen. Entferntere Bereiche und die Wurzelpulpa erscheinen fast unverändert.4

Zuverlässiger lässt sich der Entzündungsgrad der Pulpa beurteilen, wenn die Blutung des Gewebes beobachtet wird. Eine starke und anhaltende Blutung spricht für eine entzündungsbedingte Schädigung, so dass hier die Heilungschancen gering sind. Eine schwach ausgeprägte Blutung spricht für eine reversible Pulpitis und ein gutes Regenerationspotential.4

  • Dr. Melanie Salz praktiziert seit über 20 Jahren in der Zahnmedizin. Sie hat sich auf Kinderzahnheilkunde spezialisiert. Seit 2013 ist sie in einer Praxis in Bad Tölz tätig.

Pulpotomie – Vorgehensweise

Partielle Pulpotomie:

  1. Entfernung der Kronenpulpa um ca. 2 mm hochtourig unter Wasserkühlung mit einem Präparationsdiamanten.
  2. Spülung der Amputationsstelle mit NaOCl bis zum Sistieren der Blutung.
  3. Aufbringen eines hydraulischen Kalziumsilikatzements (MTA).
  4. Dünne Überschichtung mit einem erhärtenden Material.
  5. Verschluss mit einem adhäsiven, bakteriendichten Material.

Cave: Wenn die Blutung nicht innerhalb von 5 Minuten sistiert, sollte eine vollständige Pulpotomie durchgeführt werden!

Vollständige Pulpotomie:
Hier wird die gesamte Kronenpulpa bis auf Höhe der Kanaleingänge hochtourig unter Wasserkühlung mit einem Präparationsdiamanten entfernt. Die nächsten Schritte sind analog zur partiellen Pulpotomie.

MTA oder Kalziumhydroxid?

Laut Studienlage führt MTA bei der Pulpotomie zu besseren Ergebnissen als Kalziumhydroxid.3,5 Allerdings kann es bei der Verwendung von MTA zu Zahnverfärbungen kommen. Diese Nebenwirkung ist je nach Zusammensetzung unterschiedlich ausgeprägt.

Fazit: Pulpotomie – die schnellere, schonendere Behandlungsoption?

Nach der Wissenschaftlichen Mitteilung der DGET (Deutsche Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie) kann „aufgrund der derzeitigen Datenlage die Pulpotomie als valide Behandlungsoption bei irreversibler Pulpitis angesehen werden“.3 Um Langzeitergebnisse von Pulpotomien noch besser abschätzen zu können, müssen wir auf weitere Studien warten, die über einen Beobachtungszeitraum von 5 Jahren hinausgehen.

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