22. Dezember 2021

Notfall: Frontzahntrauma mit Dislokation im Milch- und Wechselgebiss

Das Frontzahntrauma stellt eine besondere Notfallsituation dar – besonders, wenn Kinder betroffen sind. Eine aktuelle Befragung zeigt jedoch, dass die Kenntnisse vieler Zahnärztinnen und Zahnärzte bezüglich der Therapie des dentalen Traumas nicht ausreichend sind. Ein Leitfaden zur Auffrischung.1-5

Lesedauer: 3 Minuten

Autorin: Dr. Melanie Salz. Redaktion: Marc Fröhling

Kind mit Frontzahntrauma: Anamnese, Unfallhergang, Dokumentation

Ist ein Kind mit einem Frontzahntrauma in der Praxis angekommen, muss vor der Beschäftigung mit dem Zahn auch an weitere Komplikationen des Unfalls gedacht werden. Neben der allgemeinen Anamnese ist der Unfallhergang wichtig (Wann? Wo? Wie?), Komplikationen wie Schädel-Hirn-Traumata müssen durch Befragung ausgeschlossen und der Tetanusschutz abgeklärt werden. Aus forensischer Sicht ist es wichtig, dies gut zu dokumentieren.

Diagnostik: Aussagen zur Vitalität bei Kindern unzuverlässig

Wie üblich erfolgt die Inspektion von extra- nach intraoral. Entscheidend für die Therapie sind Lockerung, Blutung, Schwellung, Schmerzen und Zahnstellungsabweichung. Aussagen zur Vitalität sind bei Kindern eher ein unzuverlässiges Kriterium.

Oft ist eine Röntgendiagnostik sinnvoll, z.B. um einen intrudierten Milchzahn zu lokalisieren, die Lage zwischen Milch- und bleibendem Zahn zu beurteilen und Frakturen aufzuspüren. Es eignen sich besonders Aufnahmen in zwei Ebenen und die Aufbissaufnahme.

Praxistipp: Ein unruhiges, weinendes Kleinkind zu untersuchen ist auf dem Behandlungsstuhl oft unmöglich. Lassen Sie es in der Hoppe-Reiter-Position (Bauch an Bauch) auf dem Schoß der Begleitperson sitzen, setzen Sie sich dieser möglichst nah frontal gegenüber und weisen Sie dann die Begleitperson an, Oberkörper und Kopf des Kindes sanft auf Ihren Schoß fallen zu lassen. Ihre Mitarbeiterin fixiert den Kopf z.B. an den Schläfen, und Sie können aus der 12-Uhr-Position die Mundhöhle inspizieren.

Dislokationen im Milch- und Wechselgebiss: So gehen Sie vor

  • Konkussion

    Ist ein Zahn infolge einer stumpfen Krafteinwirkung nicht gelockert oder disloziert, ist er meist nur perkussionsempfindlich. Es liegt eine Konkussion (Kontusion) vor.

    Vorgehen an Milchzahn und bleibendem Zahn: 

    • engmaschige Kontrolle                                                                          
    • Schonung bis zur Schmerzfreiheit (weiche Kost)

  • Luxation

    Ist ein Zahn zusätzlich gelockert, liegt eine Luxation vor. Hier ist auch eine Blutung aus dem Sulkus möglich. Röntgenologisch kann ein erweiterter Parodontalspalt sichtbar sein.

    Vorgehen am Milchzahn:

    • engmaschige Kontrolle        
    • Schonung für 2 Wochen 

    Vorgehen am bleibenden Zahn:

    • engmaschige Kontrolle
    • Schonung für 2 Wochen
    • evtl. flexible Schienung zur Komfortverbesserung für 1-3 Wochen

  • Laterale Dislokation

    Die Zahnkrone ist nach palatinal/lingual oder vestibulär disloziert, häufig ist die Alveolenwand frakturiert. Der Zahn reagiert oft nicht sensibel auf Kälte, ist perkussionsempfindlich, der Perkussionsschall ist metallisch, meist besteht eine Blutung aus dem Sulkus. Röntgenologisch ist apikal der PA-Spalt verbreitert.

    Vorgehen am Milchzahn:

    • engmaschige Kontrolle (der Zahn reponiert sich meist spontan)
    • bei bestehendem Okklusionshindernis: evtl. Extraktion

     Vorgehen am bleibenden Zahn:

    • Reposition des Zahns
    • flexible Schienung für 1-4 Wochen (je nach Ausmaß der Knochenverletzung)
    • bei Dislokation ≥ 2mm und abgeschlossenem Wurzelwachstum: endodontische   Behandlung
    • engmaschige Kontrolle
    • bei Wurzelresorptionen oder infizierter Pulpanekrose: endodontische Behandlung

  • Extrusion

    Der Zahn ist nach inzisal disloziert, blutet aus dem Sulkus und ist mobil. Die Sensibilität ist negativ, der Perkussionsschall dumpf. Radiologisch ist der PA-Spalt verbreitert.

    Vorgehen am Milchzahn:

    • Extraktion

    Vorgehen am bleibenden Zahn:

    • Reposition durch axialen Druck auf die Schneidekante
    • flexible Schienung für 1-3 Wochen
    • bei Auslenkung ≥ 1-2 mm und abgeschlossenem Wurzelwachstum: endodontische Behandlung

  • Intrusion

    Bei Milchschneidezähnen gehen die Eltern oft erst davon aus, der Zahn sei ausgeschlagen und nicht mehr auffindbar, da er von außen oft nicht mehr sichtbar ist. Hier ist die Diagnose nur röntgenologisch möglich. Es imponiert eine starke Schwellung. Der bleibende Zahn ist nach apikal disloziert und steht in Infraposition. Das Gefäß-Nervenbündel kann abgerissen und der Alveolarknochen frakturiert sein. Der Perkussionsschall ist metallisch und röntgenologisch erscheint der PA-Spalt apikal unterbrochen.

    Vorgehen am Milchzahn:

    • engmaschige Kontrolle, Reeruption innerhalb weniger Wochen
    • seltener: zeigt die Röntgendiagnostik in zwei Ebenen eine traumatisierende Lage für den Zahnkeim oder infiziert sich die Stelle: operative Entfernung

    Vorgehen am bleibenden Zahn:

    1. mit abgeschlossenem Wurzelwachstum:

    • Intrusion ≤ 3 mm: Spontaneruption abwarten und endodontische Behandlung
    • Intrusion ≥ 3 mm: chirurgisch oder kieferorthopädisch reponieren, ≥ 6 mm sofort, flexible Schienung, endodontische Behandlung

    2. mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum:

    • geringe Intrusion: Spontaneruption abwarten, engmaschige Kontrolle, ggf. endodontische Behandlung

    • schwere Intrusion: – Cave: Wachstumshemmung durch Ankylose, daher ggf. Extraktion.5

  • Avulsion

    Der Zahn ist komplett aus der Alveole herausgelöst.

    Vorgehen am Milchzahn:

    • Ausschluss einer Intrusion (Röntgendiagnostik obligat!), s.o.
    • keine Replantation (Gefahr der Keimschädigung), keine weitere Therapie

    Vorgehen am bleibenden Zahn mit abgeschlossenem Wurzelwachstum

    • Replantation des Zahnes
    • flexible Schienung für 7-10 Tage
    • endodontische Behandlung

    Vorgehen am bleibenden Zahn mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum:

    • Replantation und flexible Schienung für 7-10 Tage
    • mögliche Revaskularisierung der Pulpa nach Trockenlagerung ≤ 60 Minuten
    • engmaschige Kontrolle
    • nach Trockenlagerung ≥ 60 Minuten: endodontische Behandlung

  • Dr. Melanie Salz praktiziert seit über 20 Jahren in der Zahnmedizin. Sie hat sich auf Kinderzahnheilkunde spezialisiert. Seit 2013 ist sie in einer Praxis in Bad Tölz tätig.

Avulsion: Lagerung entscheidet über Prognose

Für die Prognose des bleibenden Zahnes ist es entscheidend, wie lange er nach dem Unfall gelagert wurde. Sind weniger als 15 Minuten vergangen, ist die Prognose für den Erhalt des Zahnes gut. Bei einer Trockenlagerung über 60 Minuten sind die desmodontalen Zellen nicht mehr vital und die Erfolgsaussichten gering.

Genauso wichtig wie der Zeitfaktor ist es, den avulsierten Zahn in einem geeigneten Medium aufzubewahren. In einer Zahnrettungsbox sind die desmodontalen Zellen noch nach 24 Stunden vital. Alternativ eignet sich H-Milch für einige Stunden, schlechter schneiden NaCl-Lösung und Speichel ab.

Wie funktioniert die Replantation?

Direkt nach Ankunft des Patienten bis zu Behandlungsbeginn sollte der Zahn im Nährmedium der Zahnrettungsbox gelagert werden. Kann die Behandlung beginnen, wird die Wurzeloberfläche kontaktlos mit isotoner Kochsalzlösung gespült, verschobene Alveolenwände repositioniert und die Alveole inspiziert. Nach der Entfernung des Koagulums durch Spülung mit Kochsalzlösung wird der Zahn vorsichtig replantiert und flexibel geschient.

Fazit: „Ex oder Nix“ bei Milchzähnen – differenzierter Blick bei bleibenden Zähnen

Bei Milchzähnen gilt nach Frontzahntrauma mit Dislokation nach Professor Splieth das pragmatische Therapiekonzept „Ex oder Nix“.4 Eine aufwändige Behandlung ist bei kleinen Kindern wegen meist fehlender Compliance unrealistisch. In jedem Fall steht der Schutz der Zahnkeime an erster Stelle.

Bei bleibenden Zähnen ist die Therapie von der Art und dem Ausmaß der Dislokation sowie dem Entwicklungsstand der Wurzeln abhängig. Eine Zahnrettungsbox und Material zur Schienung sollten in jeder Praxis vorhanden sein.

  1. Stock, Y.M., Iversen, R.M., Meyer-Wübbold, K., Rahmann, A. Evaluation zum Kenntnisstand des dentalen Traumas bei Zahnärzten in Deutschland. Oralprophylaxe und Kinderzahnheilkunde, Dezember 2021, S.20-26
  2. Daume, Linda: Therapie des dentalen Traumas im bleibenden Gebiss. ZMK Zahnheilkunde Management Kultur; 13.10.2016.
  3. Pelka, A.: Das Frontzahntrauma im Milch- und Wechselgebiss. BZB Januar/Februar 13, S. 55-59
  4. Splieth, Christian H.: Milchzahntrauma: Großes Problem bei kleinen Kindern? Plaqu N Care; 24.09.2019.
  5. G. Krastl, A. Filippi, R. Weiger. Therapie von Zahnunfällen beim Kind und Jugendlichen: eine Übersicht. wissen kompakt 2008 · 2:31–43

Titelbild: © Getty Images/Annie Otzen

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