09. September 2021

Kinderkronen: Indikationen und Vorgehensweise

Kariöse Läsionen bei Kindern sind eine Herausforderung in der zahnärztlichen Praxis. Da Milchzähne anatomisch bedingt eine andere Behandlung erfordern, sind Misserfolge oft vorprogrammiert. Hier kommen Kinderkronen ins Spiel, die bisher nur selten eingesetzt werden. Zu Unrecht, wie folgender Beitrag zeigt.

Lesedauer: 3 Minuten

Autorin: Dr. Melanie Salz. Redaktionelle Überarbeitung: Sebastian Schmidt.

Kinderkronen – stabil und langlebig

Das wesentliche Ziel in der Kinderbehandlung ist eine unkomplizierte, kostengünstige Restauration, die eine Platzhalterfunktion bis zum Zahnwechsel ohne Zwischenfälle gewährleistet. Sie muss bei einem 5-jährigen Kind bis zu sieben Jahre halten. Langzeitstudien zeigen, dass Kinderkronen als dauerhafteste Restaurationen mehrflächigen Füllungen deutlich überlegen sind.1,2

Wann sind Kinderkronen für Milchzähne indiziert?

In folgenden Fällen sind Kinderkronen das Mittel der Wahl:

  • Caries profunda
  • Mehrflächiger Kariesbefall
  • Umfangreiche Glattflächenkaries
  • Hypoplastische Milchzähne
  • Endodontisch behandelte Milchzähne
  • Hohe Kariesaktivität
  • Sanierungen unter Vollnarkose

Milchzahnkaries – häufig Caries profunda

Aufgrund der geringen Schichtstärke des Dentins und der ausgedehnten Pulpakammer handelt es sich bei Karies im Milchgebiss häufig um Caries profunda. Reicht die Läsion bis an den Rand der Pulpa, bleibt eine (in)direkte Überkappung im Gegensatz zu bleibenden Zähnen meist erfolglos. So kommt es nach einer interradikulären Entzündung zu Fistel- oder Abszessbildung, was eine Extraktion unter erschwerten Bedingungen und ein unbefriedigendes Ergebnis zur Folge hat.

Die Lösung: Vitalamputation + Kinderkrone

Im Rahmen der Kariesdiagnostik sollten Bissflügelaufnahmen angefertigt werden, um klinisch unauffällige approximale Karies aufzuspüren und bereits im Vorfeld eine Caries-profunda-Therapie planen zu können. Ist die Karies so weit fortgeschritten, dass es zu einer kariös oder mechanisch bedingten Eröffnung der symptomlosen Pulpa gekommen ist, ist eine Vitalamputation unerlässlich, um eine langfristige Symptomfreiheit zu gewährleisten.

Voraussetzungen hierfür sind:

  • Symptomfreiheit
  • Keine interradikulären Aufhellungen und internen Resorptionsprozesse
  • Mindestens zwei Drittel der Milchzahnwurzel noch erhalten

Bei der Vitalamputation wird folgendermaßen vorgegangen:

Nach hochtouriger Trepanation und Ausräumung der koronalen Pulpa erfolgt die Blutstillung mit einem mit 15% Eisen(III)-Sulfat getränkten Wattepellet, welches für ca. 20 Sekunden auf die Kanaleingänge appliziert wird (cave: bei persistierender oder dunkelroter Blutung muss von einer irreversiblen Pulpitis ausgegangen werden; dies erfordert weitergehende endodontische Maßnahmen!). Das Wattepellet wird entfernt und als Wundverband fest angemischter Zinkoxid-Eugenol-Zement (z.B. IRM) eingebracht.

Zwischen vitaler, radikulärer Pulpa und dem Wundverband bildet sich nun eine Hartgewebsbrücke aus. Eine sehr gute, allerdings teurere Alternative ist die Vitalamputation mit einem MTA-Zement nach Blutstillung mit Kochsalzlösung. Um den Erfolg der beschriebenen Therapie langfristig zu sichern, bedarf es einer stabilen, bakteriendichten Restauration, daher fällt die Wahl auf Kinderkronen.

Kinderkrone – so geht`s:

Hohlkehlpräparation, Abformung, Provisorium. Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte assoziieren Zahnkronen mit diesen Schlagwörtern. Denn die meisten Kolleginnen und Kollegen haben in ihrer beruflichen Laufbahn noch nie eine Kinderkrone eingesetzt.

Dabei ist alles viel einfacher! Auf eine zirkuläre Präparation wird verzichtet, da die konfektionierten Stahlkronen mittels „Schnappeffekt“ über die vestibulären und oralen Schmelzwülste gleiten sollen. Außerdem wird die Krone noch in der gleichen Sitzung eingesetzt.

Folgende Schritte sind notwendig:

  1. Anästhesie
  2. Reduktion der okklusalen Fläche um ca. 1,5 mm unter Beibehaltung des Fissurenreliefs
  3. Auflösung der Approximalkontakte und Tangentialpräparation mesial und distal (cave: es darf keine Stufe entstehen, damit die Krone nicht aufsitzt; Kontrolle mit der Sonde!)
  4. Abrunden der Übergänge zwischen approximal und vestibulär/oral
  5. Abrunden okklusal
  6. Auswahl und Einprobe der Krone, zunächst nach dem trial-and-error-Prinzip (je nach Zahn und Größe stehen unterschiedliche konfektionierte Kronen zur Verfügung)
  7. Einsetzen der Krone mit einem Glasionomerzement (am besten beißt das Kind dafür fest auf eine Watterolle)

Alternativen bei der Kronenauswahl

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass neben konfektionierten Stahlkronen für Milchmolaren auch verblendete Kronen erhältlich sind. Diese sind teurer und ein Abplatzen der Verblendung ist möglich. Die Versorgung kariöser Milchschneidezähne kann mit Hilfe von Stripkronen erfolgen.

  1. Al-Eheideb et al.: Outcomes of dental procedures performed on children under general anesthesia. J Clin Pediatr Dent. 2003;27(2):181-3. doi: 10.17796/jcpd.27.2.k3307186n7086r11.
  2. Innes et al.: Preformed crowns for decayed primary molar teeth. Cochrane Database Syst Rev (12) 2015. doi: 10.1002/14651858.CD005512.pub3.

Weiterführende Literatur:

Titelbild: © Getty Images/utah778 (Symbolbild)

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