30. März 2020

Covid-19 & Zahnmedizin

Ein Update zum Stand der Wissenschaft

Wie gehen Zahnärzten aus Wuhan mit den Herausforderungen durch das neue Coronavirus SARS-CoV-19 um? Darüber diskutierte letzte Woche der Dekan der School of Stomatology der Universität von Wuhan mit deutschen Experten in einem Webinar der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI).1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Zahnärzte sowie Dentalhygieniker haben von allen Berufsgruppen das höchste Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, heißt es in einer Meldung der Deutschen Gesellschaft für Implantologie DGI. 1

Die Gesellschaft hat am 25. März ein Webinar veranstaltet und hierfür den Zahnmediziner Prof. Dr. Zhuan Bian eingeladen. Bian ist Dekan der School of Stomatology der Universität von Wuhan, also in der Stadt, von wo aus die Corona-Pandemie im Dezember 2019 ihren Ausgang nahm.

Prof. Bian hat erstmals in einem Fachjournal beschrieben, welche Erfahrungen Zahnärzte in Wuhan vor Ort während des Ausbruchs der Epidemie gemacht haben, welche Verfahren zur Infektionskontrolle wichtig waren und welche Empfehlungen sich daraus aus einer Sicht für die zahnärztliche Praxis ableiten lassen. Diese hat er im Rahmen des Webinars der DGI vorgestellt.

Standard-Schutzmaßnahmen nicht wirksam genug

Die Botschaft von Professor Bian war eindeutig: „Aufgrund der besonderen Merkmale zahnärztlicher Verfahren, bei der eine große Anzahl von Tröpfchen und Aerosolen erzeugt werden können, sind die Standard-Schutzmaßnahmen der täglichen klinischen Arbeit nicht wirksam genug, um die Verbreitung von COVID-19 zu verhindern, insbesondere wenn sich Patienten in der Inkubationszeit befinden oder nicht wissen, dass sie infiziert sind.“

Es gibt Hinweise, dass die Viren auf Oberflächen sowie in Aerosolen überleben und infektiös bleiben können. Auch infizierte, aber asymptomatische Patienten können die Erreger weitergeben.

China: Zwischenzeitlich nur noch zahnärztliche Notfallversorgung

Im Januar 2020 hatte die Nationale Gesundheitskommission Chinas COVID-19 jener Kategorie der Infektionskrankheiten (Gruppe B) zugeordnet, die etwa SARS und das hochpathogene Vogelgrippe-Virus umfasst. Die Kommission riet darüber hinaus, dass alle Mitarbeiter des Gesundheitswesens Schutzmaßnahmen verwenden, die bei Infektionskrankheiten der Gruppe A empfohlen werden, zu denen Krankheitserreger wie Cholera und Pest gehören.

Ab diesem Zeitpunkt wurde in den meisten Städten der Region zunächst nur noch eine zahnärztliche Notfallversorgung aufrechterhalten, so Prof. Bian. Private Zahnarztpraxen in ganz China wurden geschlossen, jeweils abhängig von der epidemiologischen Situation. Inzwischen haben die privaten Praxen in China ihre Arbeit wieder aufgenommen – nur in Wuhan, dem Epizentrum der Epidemie, sind sie noch immer geschlossen.

Die Zahnklinik der Universität von Wuhan versorgte im vergangenen Jahr 890.000 Patienten und verfügt über rund 1100 Mitarbeiter sowie 820 Studierende. „Seit dem Ausbruch der Epidemie wurden neun Kollegen mit COVID-19 diagnostiziert“, berichtete Professor Bian. Trotz steigender Infektions- und Erkrankungsraten in der Region gab es keine weiteren Infektionen bei Mitarbeitern der Klinik.

Eingriffe und OPs vermeiden, die Aerosole und Tröpfchen erzeugen

„Auf der Grundlage unserer Erfahrung und einschlägiger Richtlinien und neuen Erkenntnissen der Forschung, sollten Zahnärzte strikte Schutzmaßnahmen ergreifen“, betonte der Experte. Es gelte ebenso, Operationen und Eingriffe zu vermeiden oder zu minimieren, die Tröpfchen oder Aerosole erzeugen.

Sobald Patienten die Klinik in Wuhan betraten, wurden sie nach ihrem Befinden gefragt, mit Schutzmasken versorgt und ihre Körpertemperatur gemessen. In Regionen, in denen sich COVID-19 stark ausbreitete, wurden elektive Behandlungen verschoben.

Antimikrobielle Mundspülungen vor Behandlung empfohlen

Professor Bian empfahl den Einsatz antimikrobieller Mundspülungen vor einer Behandlung und riet, Verfahren, die bei Patienten Husten auslösen können, wenn möglich zu vermeiden oder sehr vorsichtig durchzuführen.

Da eine Röntgenuntersuchung in der Mundhöhle (intraoral) die Speichelsekretion und den Husten stimuliert, sollte sie durch extraorale Röntgenaufnahmen ersetzt werden. Maßnahmen, bei denen Aerosole entstehen, sollten ebenfalls minimiert werden. Eine Abschirmung des zu behandelnden Zahnes gegenüber der Mundhöhle (Kofferdam) und großvolumige Speichelsauger können helfen, Aerosole oder Spritzer zu minimieren.

Expertendiskussion: Zahnmedizin nicht nur auf die Notfallbehandlung beschränkbar

In der nachfolgenden Expertendiskussion betonte Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas, Direktor der Klinik für MKG-Chirurgie von der Universitätsmedizin Mainz, dass angesichts der Dauer des Shutdowns und der Entwicklung der epidemiologischen Situation die Zahnmedizin nicht nur auf die Notfallbehandlung beschränkbar sei. „Da sich die schwierigen Zustände sicherlich über die nächsten Wochen hinweg ziehen werden, geht es nicht nur um Schmerzbeseitigung. Es geht auch um die langfristige Substanzsicherung und eine sinnvolle Diagnostik, sowie die Aufrechterhaltung der Kaufunktion“, betonte der Experte.

Kein allgmeingültiges Rezept für die Abläufe in der Zahnarztpraxis

Ebenso gelte es, dass Zahnnärzte mit ihrem Team eine individuelle Risikoeinschätzung für ihre Praxis vornehmen müssten. Das Risiko der Übertragung von SARS-CoV-2 sei von Bundesland zu Bundesland verschieden und hänge von der Praxisstruktur ab, so der Experte.

Krankenhaushygieniker: Intensiverer Schutz bei Covid-19-Patienten notwendig

Bezüglich der erforderlichen Schutzmaßnahmen erklärte Dr. Wolfgang Kohnen, Krankenhaushygieniker der Universitätsmedizin Mainz, dass das ganze Team mit Mund-Nasen-Schutz, Brille und Handschuhen für den Normalfall ausreichend geschützt sei.

Bei der Behandlung von COVID-19-Patienten mit Aerosolbildung muss der Schutz jedoch intensiver sein: Dann sind sogenannte FFP2- oder FFP3-Masken und dichte Schutzbrillen erforderlich. Gleichwohl wurde in der Diskussion auch klar, dass die Einschätzung, ob ein Patient infiziert ist oder nicht, relativ schwierig ist – denn auch Infizierte, die keine Krankheitssymptome haben, können die Erreger weitergeben.

Professionelle Zahnreinigung besser mit Handgeräten

Die Experten waren sich einig, dass eine professionelle Zahnreinigung derzeit besser mit Handgeräten durchgeführt werden sollte als mit Ultraschall oder Airflow. Prof. Dr. Jürgen Becker, Direktor der Klinik für Zahnärztliche Chirurgie der Universität Düsseldorf, ergänzte, dass durch die Begrenzung der zahnärztlichen Therapiemaßnahmen, den erhöhten Hygieneaufwand, und durch die langen Raumlüftungszeiten nach Behandlungen die Einnahmen sinken und die Ausgaben steigen. Dies müsse durch den Gesetzgeber kompensiert werden.

  1. Covid-19 & Zahnmedizin: Ein Update zum Stand der Wissenschaft; idw; 30.03.2020.

Bildquelle: © gettyImages/skynesher

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