18. Juli 2016

Top-Beitrag 2016

Übergewichtige Patienten in der Zahnarztpraxis

Viele coliquio-Diskussionen zeigen, dass Zahnärzte immer öfter mit diesem Dilemma konfrontiert werden: Ein Patient, der nach eigenen Angaben um die 180 Kilo wiegt, und eine Behandlungseinheit, die bis zu 120 Kilos zugelassen ist. Bei einer Notfallbehandlung unterliegt ein Zahnarzt der Behandlungspflicht. Doch da die Einheit für diese Behandlung nicht vorgesehen ist, kann es für den Patienten zu einer massiven Gesundheits­gefährdung kommen. Auch die Behandlungseinheit kann beschädigt werden. Wer haftet für diese Schäden? Und wie soll man im Notfall vorgehen: auf eigenes Risiko behandeln, ablehnen oder überweisen?

Erfahren Sie hier, was Ihre Kollegen und Fachanwälte hierfür empfehlen und welche Behandlungseinheiten auch für schwergewichtige Patienten zugelassen sind.1,2 Redaktion: Marina Urbanietz

1. Wer kommt für den eventuell entstandenen Schaden auf, wenn das Gewicht des Patienten die zulässige Höchstgrenze der Behandlungseinheit überschreitet?

Der Fachanwalt Carsten Wiedey betont, dass eine zahnärztliche Behandlungseinheit ein Medizinprodukt ist und dem Medizinproduktegesetz (MPG) und der Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV) unterliegt.1,2 Laut MPBetreibV dürfen Medizinprodukte nur entsprechend ihrer Gebrauchsanweisung verwendet werden (Paragraf 2, Abs. 1 MPBetreibV & Paragraf 3 Nr. 10 MPG).

Das heißt für die Praxis: Wenn die durch den Hersteller angegebene Höchstgrenze überschritten wird, liegt ein Verstoß gegen die Medizinprodukte-Betreiberverordnung vor und der Zahnarzt haftet sowohl im Fall einer Verletzung des Patienten, als auch für die Schäden an der Behandlungseinheit.1,2

Tipp Ihrer Kollegen: Für größere Praxen mit mehreren Einheiten empfiehlt ein coliquio-Arzt an den einzelnen Behandlungsstühlen einen Aufkleber mit Angabe des maximalen zulässigen Gewichts anzubringen.

2. Wenn ein adipöser Patient mit Schmerzen in die Praxis kommt, unterliegt der Zahnarzt der Behandlungspflicht. Doch die Behandlungseinheit ist für dieses Gewicht nicht zugelassen. Wie soll man in solcher Situation vorgehen?

Grundsätzlich gilt: wenn eine gewissenhafte und sachgerechte abschließende Behandlung nicht möglich ist, kann sich der Zahnarzt gemäß Paragraf 2 Abs. 5 der Musterberufsordnung der Bundeszahnärztekammer auf die unbedingt erforderlichen Notfallmaßnahmen beschränken und die Weiterbehandlung ablehnen.1,2

Im Übrigen stehen Ihnen drei Möglichkeiten zur Verfügung, um die Notfallbehandlung übergewichtiger Patienten durchzuführen:

  • Behandlung auf Ihr persönliches Risiko auf einer nicht für das Gewicht zugelassenen Einheit: Hierfür empfehlen Ihre Kollegen den Stuhl vorher in die richtige Position zu fahren um während und nach der Behandlung den Stuhl nicht mehr bewegen zu müssen. Somit wird die heikelste Stelle der Einheit – der Motor- nicht unnötig überlastet. Außerdem rät ein Kollege die Rückenlehne immer aufrecht einzustellen und den Sitz ganz unten zu lassen, um im Fall eines Sturzes die eventuell auftretenden Schäden zu minimieren.
  • Behandlung auf einem anderen Stuhl: Oft ist es sinnvoll die Notfallbehandlung eines übergewichtigen Patienten auch ohne die Behandlungseinheit (beispielweise auf einem anderen Stuhl oder Liege) auszuführen.
  • Überweisung an eine Praxis/Klinik mit entsprechender Ausstattung: Zahnärzte können eine Überweisung an entsprechend ausgerüstete Praxen/Krankenhäuser vornehmen. Ein coliquio-Arzt empfiehlt bei den zuständigen Ärztekammern nachzufragen, ob eine Liste von Praxen mit entsprechenden Stühlen bereits vorliegt und ggf. eine solche Liste zu beantragen. Er bezieht sich auf das Beispiel in Hessen: Dort wurden alle Praxen mit Behandlungsstühlen für schwergewichtige Patienten (bis 230 kg) per Fragebogen ermittelt und auf Nachfrage an andere Ärzte weitergegeben.

Übergewichtige Patienten: Behandlungseinheiten im Überblick

Während man üblicherweise von einer „Beladungskapazität“ von 135 Kilogramm ausgeht (entsprechend DIN EN ISO 6875), haben einige Hersteller mit Blick auf die schwergewichtigen Patienten auch Einheiten mit einem zulässigen Behandlungsgewicht von bis zu 220 Kilogramm entwickelt.1,2 Hier finden Sie eine Übersicht der Behandlungseinheiten für schwergewichtige Patienten:

Zulässiges BehandlungsgewichtBehandlungseinheit
bis 180 KilogrammMorita Spaceline EMCIA; KaVo Estetica E70/E80 Vision
bis 185 KilogrammKaVo Estetica E50 Life; Sirona Intego
bis 200 KilogrammPlanmeca Sovereign Classic; Ultradent UD 510
bis 220 KilogrammRitter Ultra Performance A

Zahnmedizinische Einheiten für übergewichtige Patienten (Tabelle modifiziert nach Dentista e.V. / 2016).

Mehr Informationen und Tipps Ihrer Kollegen zur zahnmedizinischen Behandlung schwergewichtiger Patienten finden Sie in den coliquio-Diskussionen „Zahnmedizinische Behandlung übergewichtiger Patienten“ und „Stark adipöse Patienten“.

  1. Zahnärztlicher Fach-Verlag GmbH, DZW-Online: Übergewichtige Patienten: Was Zahnärzte tun sollten
  2. Zahnärztliche Mitteilungen (zm): Der Patient ist zu schwer für den Stuhl – und jetzt?

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