23. November 2016

Top-Beitrag 2016

Zahnbehandlung bei TEP-Patienten

Bei welchen zahnmedizinischen Eingriffen wird das Bakteriämierisiko bei Patienten mit totalen Endoprothesen (TEP) als hoch eingestuft? Wie kann das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Antibiotikagabe verbessert werden?

Die Notwendigkeit einer Antibiotikaprophylaxe bei Prothesenträgern im Zusammenhang mit einem zahnmedizinischen Eingriff konnte bisher durch Studien nicht eindeutig belegt werden. Deshalb sollte sie auf Fälle mit erhöhter Infektionswahrscheinlichkeit beschränkt werden. 1 Doch die Identifikation dieser Fälle wirft immer wieder Fragen auf, auch hier im coliquio-Forum.

Die wichtigsten Entscheidungshilfen zur Antibiotikaprophylaxe bei TEP-Patienten wurden für Sie von Marina Glouchko, coliquio-Redaktion, zusammengestellt. Dieser Archiv-Beitrag basiert auf einem Hygieneleitfaden des Deutschen Arbeitskreises für Hygiene in der Zahnmedizin (DAHZ).

Eingriffe mit hohem Bakteriämierisiko: Antibiotikaprophylaxe indiziert

Eine Antibiotikaprophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen bei Patienten mit künstlichem Gelenkersatz ist nicht routinemäßig indiziert, da eine Infektion des künstlichen Gelenkes durch eine Zahnbehandlung äußerst selten auftritt.2

Bei TEP-Patienten mit anamnestischen Risikofaktoren hingegen ist eine Antibiotikaprophylaxe notwendig, wenn das durch die Intervention bedingte Bakteriämierisiko als hoch einzuschätzen ist. Hier finden Sie eine Übersicht der wichtigsten Zahneingriffe mit besonders hohem Bakteriämierisiko:

  • Zahnentfernung 1
  • Parodontale Intervention inklusive Sondierung, Reinigung der subgingivalen Wurzel bzw. Implantatbereiche und Parodontalchirurgie 1
  • Implantation & Reimplantation eines ausgeschlagenen Zahnes 1
  • Wurzelkanalbehandlung oder Wurzelspitzenresektion 1
  • Platzierung kieferorthopädischer Bänder (nicht Brackets) 1
  • Intraligamentäre Anästhesie 1
  • Zahneingriffe bei sehr schlechtem Zustand der Gingiva 3
  • Notfalleingriffe bei (Verdacht auf) vorbestehende Infektion im Operationsgebiet (Haut, Harnwege, etc.) 3

Bitte bedenken Sie: Bei Eingriffen, die routinemäßig unter einer perioperativen Antibiotikaprophylaxe erfolgen, sollte dieselbe Prophylaxe auch bei TEP-Patienten durchgeführt werden.

Anamnestische Risikofaktoren

Bei einem zahnärztlichen Eingriff mit hohem Bakteriämierisiko sollten diejenigen Risikofaktoren höher bewertet werden, die tatsächlich lokal am künstlichen Gelenk eine höhere Infektanfälligkeit induzieren. Folgende Faktoren sind als besonderes riskant einzustufen:2

  • die ersten 2 Jahre nach der Implantation der Endoprothese, aufgrund der ausgeprägten Knochenumbauvorgänge während der Einheilphase
  • gelockerte TEP mit der Folge eingeschränkter Makrophagenaktivität
  • vorausgegangene Infektion des künstlichen Gelenkes
  • entzündliche Gelenkerkrankungen, wie die rheumatoide Arthritis

Tabelle 1: Wahl des Antibiotikums für die Prophylaxe (modifiziert nach M. Rossi et al., generell Fachinformation beachten)

Erste WahlBei Penicillinallergie
1 Stunde vor EingriffAmoxicillin 2 g p.o.Clindamycin 600 mg p.o.
4 Stunden nach EingriffAmoxicillin 1 g p.o.Clindamycin 600 mg p.o.

Einteilung des Bakteriämierisikos stärker patientenbezogen durchführen

So zählt beispielweise eine Wurzelkanalbehandlung nicht zu den Eingriffen mit sehr hohem Bakteriämierisiko, wenn ein vitaler, symptomfreier Zahn aus prothetischen Gründen wurzelkanalbehandelt werden soll. Auch bei einer professionellen Zahnreinigung (PZR) soll unterschieden werden, ob es sich um eine PZR vor einer Parodontalbehandlung (PAR) handelt, bei einem Patienten mit ausgeprägter Gingivitis, oder ob eine Erhaltungstherapie nach PAR bei einem Patienten mit guter Mundhygiene durchgeführt wird.2

Wichtig: Bei Vorliegen von Allgemeinerkrankungen wie Diabetes oder Immunsuppression wird Rücksprache mit dem behandelnden Hausarzt oder Orthopäden empfohlen.

Zahnsanierung in der präoperativen Phase verringert das Bakteriämierisiko erheblich

Ein wichtiger Aspekt wird auch hier im coliquio-Forum diskutiert: Eine bedeutende Maßnahme zur Reduzierung des Bakteriämierisikos ist die Behandlung von Entzündungsprozessen im Bereich der Mundhöhle vor der Implantation des künstlichen Gelenkes. Doch oft sieht es in der Praxis anders aus: Viele Patienten werden im Rahmen einer präoperativen Aufklärung beim Orthopäden über die eventuelle Notwendigkeit einer Zahnsanierung nicht aufgeklärt oder geben den schlechten Zustand des Mundraums nicht zu.

  1. Deutscher Arbeitskreis für Hygiene in der Zahnmedizin (DAHZ), 2016: Hygieneleitfaden, 10. Ausgabe 2016
  2. E.M. Nawrath et al., DZZ 2009; 46 (1): Stand und Perspektiven der Antibiotika-Prophylaxe bei Patienten mit künstlichem Gelenkersatz
  3. M. Rossi et al., Scweizerische Ärztezeitung 2004, 85 (39): Antibiotika zur Prophylaxe hämotogener Spätinfektionen von Gelenkprothesen

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