26. Februar 2017

Epilepsie-Patienten in Zahnarztpraxis: Schnell & sicher handeln

97 Prozent der befragten Zahnmediziner behandeln Patienten mit Epilepsie, so die aktuelle Studie der Universität Ulm. Die Mehrheit der Ärzte fühlt sich jedoch nicht ausreichend über das Notfallmanagement bei Epilepsie-Patienten informiert.1 Erfahren Sie hier, wie Sie und Ihr Team im Fall der Fälle vorgehen sollten.

Vor der Behandlung: Epileptische Anfälle vorbeugen

Minimierung von Stress und Angst: Planen Sie die Termine zu einer Tageszeit, zu der die Anfälle weniger wahrscheinlich sind – meist ist das am Morgen. Erklären Sie die Behandlungsschritte vor Beginn und während der Behandlung. Diese Interaktion nimmt dem Patienten die Angst und ermöglicht es Ihnen gleichzeitig, den Status des Patienten während der Behandlung zu beurteilen. Erscheint das Risiko eines epileptischen Anfalls zu groß, kann eine Behandlung unter Sedierung (z.B. mit Benzodiazepin) stattfinden.

Medikamente zur Lokalanästhesie: Zur Lokalanästhesie sollten Substanzen ohne hohen Adrenalinzusatz verwendet werden, zum Beispiel Mepivacain und Articain (maximal 1:200.000). 

Lichtquellen kontrollieren: Licht kann das Evozieren eines epileptischen Anfalls verstärken: Bei der photosensiblen Epilepsie werden Anfälle durch blinkende Lichter oder sich verschiebende Muster ausgelöst. Notfalls sollte der Patient eine dunkle Brille tragen. Kontrollieren Sie auch während der Behandlung die Lichtquellen.

Anfall im Behandlungsstuhl: 5 Maßnahmen

  1. Den Patienten vor Verletzungen schützen: Hierfür sollten alle Instrumente, Schutzbrille etc. vom Patienten entfernt werden. Der Zahnarztstuhl wird dann in eine Rückenlage und so tief wie möglich zum Boden gefahren. Legen Sie außerdem etwas unter den Kopf, damit dieser nicht auf den Boden oder auf die Lehne schlägt. Dabei reicht oft die eigene Hand vollkommen aus.
  2. Aspiration vermeiden: Legen Sie den Patienten in Seitenlage, das hilft gegen Aspiration von Sekreten oder zahnärztlichen Materialien. Halten Sie den Patienten nicht fest. Versuchen Sie auch nicht, den Kiefer zu öffnen oder gewaltsam Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben.
  3. Dauer des Anfalls kontrollieren: Messen Sie die Zeit des Anfalls. Er kann länger erscheinen, als er tatsächlich ist. Rufen Sie den Notarzt, wenn der Anfall länger als drei Minuten dauert.Verabreichen Sie 10 mg Diazepam intramuskulär (i.m.) oder intravenös (i.v.) oder 2 mg Ativan i.v. oder i.m. oder 5 mg Mitazolam i.m. oder i.v.
  4. Wenn der Patient zyanotisch wird: Rufen Sie den Notarzt, wenn der Patient beginnt zyanotisch zu werden. Zudem wird eine Sauerstoffgabe mit einer Geschwindigkeit von 6-8 l/min empfohlen.
  5. Verlegung der Atemwege: Achten Sie auf die Möglichkeit einer Verlegung der Atemwege.

Sobald der Anfall vorbei ist

  • Naturgemäß wird es nicht empfohlen, weitere zahnärztliche Behandlung bei diesem Patienten am gleichen Tag vorzunehmen.
  • Machen Seine kurze orale Untersuchung auf Verletzungen.
  • Um das Niveau des Bewusstseins während der postiktalen Phase zu bewerten, ist es wichtig mit dem Patienten zu sprechen. Der Patient darf die Praxis nicht verlassen, wenn sein Bewusstsein nicht vollständig wiederhergestellt ist. Kontaktieren Sie die Familie des Patienten.
  • Je nach postiktalem Zustand können Sie den Patienten mit einer verantwortlichen Person nach Hause, zu seinem Hausarzt oder in die Notaufnahme für weitere Abklärungentlassen.

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  1. Schöpper M. et al. Dental care in patients with epilepsy: a survey of 82 patients and their attending dentists and neurologists in southern Germany. Int Dent J 2016, doi: 10.1111/idj.12251; online am 3. September 2106.  
  2. Eggert H. Medikamentenmanagement/Wechselwirkungen. Zahnärzteblatt Westfalen-Lippe 2016; (4): 29-31.
  3. Costa, Andre L.F. et al.  The association between periodontal disease and seizure severity in refractory epilepsy patients. Seizure – European Journal of Epilepsy 2014; 23 (3): 227-230.
  4. Aragon C E at al. Understanding the Patient with Epilepsy and Seizures in the Dental Practice. JCDA 2007; 73: 71-76.

Titelbild: iStock, domoyega.

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