15. April 2020

Infektionen mit Mycoplasma genitalium

Welche Therapie bei zunehmenden Resistenzen?

Bei Infektionen mit Mycoplasma genitalium bleiben die Keime im Urogenitaltrakt oft lange unentdeckt, da sie kaum Symptome hervorrufen. Beunruhigend sind zudem zunehmende Resistenzraten gegen die wenigen wirksamen Antibiotika.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Bacteria Mycoplasma genitalium, 3D illustration.
Bacteria Mycoplasma genitalium, 3D illustration.

Dieser Beitrag basiert auf einer aktuellen Übersicht, die im “British Medical Journal” veröffentlicht wurde. 1

Die meisten Infizierten bleiben dauerhaft asymptomatisch

Die sexuell übertragbaren Bakterien ohne eigene Zellwand können sich über Monate und Jahre im Urogenitaltrakt von Männern und Frauen einnisten. Die meisten Infizierten bleiben dabei dauerhaft asymptomatisch und wissen somit gar nichts von ihrer Erkrankung, schreibt Nicolas Pinto Sander aus Brighton (UK) in seiner Übersichtsarbeit.

Treten dann doch einmal Symptome auf, sind diese relativ unspezifisch. Männer klagen vor allem über Schmerzen beim Wasserlassen, urethralen Ausfluss und Irritationen im Bereich des Penis. Frauen klagen über Dysurie, postkoitale Kontaktblutungen, schmerzhafte Zwischenblutungen, Zervizitis und unspezifische Unterleibsschmerzen. Ob bei unbehandelten Infektionen negative Auswirkungen auf Fertilität und Schwangerschaft zu befürchten sind, ist noch nicht abschließend geklärt.

Testung nur bei Symptomen

Auf Mykoplasmen getestet werden sollten grundsätzlich nur Personen, die entsprechende Symptome aufweisen sowie die derzeitigen Sexualpartner von nachweislich Infizierten. Erforderlich sind Tests in jedem Fall bei Männern mit einer Urethritis ohne Gononkokken-Nachweis und bei Frauen mit einer Unterleibsentzündung (Pelvic Inflammatory Disease – PID). Bei Anzeichen einer Zervizitis – insbesondere bei postkoitalen Kontaktblutungen – sowie bei Epididymitis und sexuell erworbener Proktitis kann eine Testung in Erwägung gezogen werden. Von einem Screening asymptomatischer Personen raten die Experten ab, da die Therapie dieser Patienten die Resistenzentwicklung noch anfeuern könnte. 

Ganz einfach ist der Erregernachweis im Morgenurin (bei Männern) und im vulvovaginalen Abstrich (bei Frauen) aber nicht. Unter dem Lichtmikroskop sind die Mykoplasmen nicht sichtbar und in der sehr anspruchsvollen Kultur wachsen die Erreger äußerst langsam. Empfehlenswert ist daher der direkte Nachweis der Erreger-DNA mit zusätzlicher Prüfung der Resistenz auf Makrolide und Fluorchinolone.

Zunehmende Resistenzen vor allem gegen Azithromycin

Bei nachgewiesener Infektion ist eine Antibiotikatherapie indiziert. Die Zahl wirksamer Antibiotika ist aber sehr eingeschränkt. Da M. genitalium keine Zellwand aufweist, kommen eine ganze Reihe von Antibiotika wie z.B. Betalactame nicht infrage.

Bei den wenigen übrig gebliebenen Antibiotika bereiten rapide zunehmende Resistenzen Sorge. Dies gilt vor allem für Azithromycin, bei dem eine einzige Punktmutation ausreicht, um eine Resistenz des Erregers auszulösen. Im städtischen Raum Großbritanniens wurden hier zum Teil schon Resistenzraten von fast 75 % beobachtet. Moxifloxacin ist zumindest in Europa noch hocheffektiv – mit zunehmendem Einsatz ist aber auch hier mit Resistenzen zu rechnen, wie es sich in Asien schon abzeichnet. Zudem ist die Anwendung von Fluorchinolonen durch Nebenwirkungen limitiert.

Großbritannien: Doxycyclin bei unkomplizierten Infektionen

Bei unkomplizierten Infektionen ohne Nachweis einer Makrolidresistenz wird zurzeit in Großbritannien eine Vorbehandlung mit Doxycyclin (100 mg 2x tägl. für 7 Tage) empfohlen, um die Bakterienlast zu reduzieren. Danach hat Azithromycin (1g Tag 1, dann 500 mg/d für 2 Tage) dann ein leichteres Spiel und es werden höhere Eradikationsraten erreicht.  

Makrolidresistenz: Moxifloxacin ist die Therapie der Wahl

Bei Unwirksamkeit oder Makrolidresistenz ist Moxifloxacin (400 mg/d für 10 Tage) die Therapie der Wahl. Bei Komplikationen wie PID oder Epididymitis sollte grundsätzlich Moxifloxacin (400 mg/d für 14 Tage) zum Einsatz kommen. Falls auch diese Therapie nicht anschlägt, bleiben nur noch wenig Alternativen. Dazu gehören Pristinamycin (nach Vorbehandlung mit Doxycyclin), Sitafloxacin und nach vorläufigen Daten evtl. auch Solithromycin.

Grundsätzlich sollte nach etwa fünf Wochen überprüft werden, ob die Erregerelimination erfolgreich war.  

  1. Pinto-Sander et al; Mycoplasma genitalium infection; BMJ (2019); 367: I5820; DOI: 10.1136/bmj.l5820
  2. Ruchalla E. Mycoplasma genitalium ist hartnäckig wie eine Klette; Medical Tribune

Bildquelle: © GettyImages/Dr_Microbe

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