08. Oktober 2020

DGU-Kongress 2020

Urologen vor Gericht: Der vergessene Harnleiterstent

Ein simuliertes Gerichtsverfahren auf dem Urologenkongress 2020 zeigt Erschreckendes. Selbst größte Umsicht bei der Patientenaufklärung schützt nicht vor juristischen Fallen. Heikel ist vor allem der Einsatz von nicht-professionellen Sprachmittlern.1

Lesedauer: 3 Minuten

Simulierte Verhandlung

Die gutachterlich erfahrenen ,,urologischen Richter” simulierten eine Gerichtsverhandlung anhand eines realen Falls, der zum Glück doch nicht vor Gericht landete. Es geht um eine albanische Patientin, ohne deutsche Sprachkenntnisse, die an einer Uniklinik gynäkologisch operativ versorgt worden war. Bei der Aufklärung agierte ein Verwandter mit mäßigen Deutschkenntnissen als Sprachmittler. Der Operateur war sich trotzdem sicher, dass die Frau alles Wesentliche verstanden hatte und dokumentierte diesen Sachverhalt sehr ausführlich.

Harnleiterverletzung im Operationsverlauf

Im Operationsverlauf kam es zu einer Harnleiterverletzung. Ein Urologe wurde kurzzeitig hinzugezogen. Mit der Einlage einer Doppel-J-Katheterschiene endete dessen OP-Beteiligung. Seinen Teil des Eingriffs dokumentierte der Urologe persönlich im OP-Bericht. Ergänzt durch den Hinweis, dass im gynäkologischen Entlassungsbrief unbedingt auf die baldige Entfernung der Schiene hingewiesen werden muss.

Therapeutische Visite

Und der Urologe war noch umsichtiger. Kurz nach dem Eingriff visitierte er die Frau persönlich (therapeutische Aufklärung), informierte sie über die Komplikation und verwies auf den Umstand, dass die Schiene spätestens nach drei Monaten entfernt werden muss. Erneut diente ein Verwandter mit geringen deutschen Sprachkenntnissen als Übersetzer. Die Durchführung der Visite vermerkte der Urologe in der Akte. Die weitere Betreuung oblag dann der gynäkologischen Abteilung.  

Einfach vergessen

Doch dann die böse  Überraschung: Zwölf Monate nach dem Eingriff wurde die Patientin als Notfall erneut in die Klinik eingeliefert. Diagnose: Urosepsis. Der Katheter war immer noch in situ. Der Hausarzt hatte nichts unternommen, obwohl er die Frau mehrfach wegen eines Harnwegsinfektes behandelte und die zusätzlich über typische Schmerzen klagte. Nun war der Katheter im Harnleiter eingewachsen. Die Mobilisierung gelang nur durch mehrfache, teils invasive Eingriffe. Danach war, zumindest medizinisch, wieder alles im Lot.

Ist der Urologe schuld?

Wie würden Patientenanwälte an so einen Fall herangehen und wer ist schuld? Die Antwort des fiktiven Gerichts fällt ernüchternd aus: im Prinzip der Urologe. Der hatte es versäumt, den Inhalt des postoperativen Aufklärungsgesprächs (Information über Katheterentfernung) in der Akte zu vermerken. Der Eintrag ,,postoperative Visite” reicht nicht. Für Juristen gilt: Was nicht dokumentiert ist, hat auch nicht stattgefunden. Und bei einer Aufklärung Sprachunkundiger muss der Arzt zudem belegen, dass der Sachverhalt verstanden wurde. Wie er das macht, ist seine Sache.

Patzer im Entlassungsbrief

Trotzdem könnte der Urologe seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Der entscheidende Fehler geht auf das Konto der gynäkologischen Abteilung. Im Entlassungsbrief wurde zwar der implantierte Katheter erwähnt, nicht aber der Umstand, dass dieser wieder entfernt werden muss. Der Hausarzt würde sich in diesem Fall auch ,,dumm stellen”. Interessant ist, dass bei solchen Konstellationen (Beteiligung mehrerer Ärzte) in der Regel alle Involvierten angeklagt werden. Entlastende kollegiale Aussagen werden dadurch unmöglich.

Weltfremde Richter

Der springende Punkt ist aber: Wer Patienten ohne ausreichende Sprachkenntnisse über Eingriffe und Komplikationen aufklärt, begibt sich im Prinzip immer mit einem Bein ins Gefängnis. Das Hinzuziehen von Verwandten oder Krankenhausangestellten kann zur Falle werden. Die Gerichte verlangen, dass sich die Ärzte davon überzeugen, dass die Patienten den übersetzten Sachverhalt offenkundig verstanden haben. Indiz hierfür ist etwa die Dauer der Übersetzung, die Mimik und die Gestik des Patienten. Wie man diesen Sachverhalt juristisch wasserdicht dokumentiert, darüber schweigt sich das Oberlandesgericht allerdings aus.

Dolmetscherkosten

Bei komplikationsträchtigen Eingriffen raten die Experten deshalb, immer einen professionellen Dolmetscher hinzuziehen. Doch die werden von den Kassen nicht erstattet. Die meisten Patienten werden sich zudem weigern, selbst in die Tasche zu greifen. Damit bleibt der schwarze Peter, wie so oft, beim behandelnden Arzt hängen.

  1. 72. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU), 24.-26.09.2020. Vortrag: Der vergessene Harnleiterstent, Marcel Fiedler (Heilbronn).

Bildquelle: © GettyImages/wutwhanfoto

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