13. Oktober 2021

Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom

“Active surveillance” in Studien aktiver Behandlung überlegen

Männer über 60 Jahre mit einem Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom könnten 10 Jahre lang ohne aktive Behandlung auskommen, ein besseres Sexualleben aufweisen und dennoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an der Krankheit sterben, wie Forschungsergebnisse aus Schweden zeigen. 1

Lesedauer: 4 Minuten

Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Dr. Nina Mörsch

Die Ergebnisse stammen aus zwei neuen Studien, die sich mit der “active surveillance” von Prostatakrebs befassen, bei der die Krankheit zwar engmaschig überwacht, aber nicht behandelt wird, und die auf dem Kongress der European Association of Urology 2021 vorgestellt wurden.

Die erste Studie stützt sich auf Daten aus dem schwedischen Nationalen Prostatakrebsregister, das Informationen über praktisch jeden Mann enthält, bei dem die Krankheit in Schweden seit 1998 diagnostiziert wurde – 23 649 von ihnen wurden aktiv überwacht. “Active surveillance” wurde vor 15 bis 20 Jahren für Männer mit Prostatakrebs mit geringem Risiko eingeführt, so dass bisher Daten über Risiken und Vorteile über einen längeren Zeitraum fehlen.

Forschende von der Universität Uppsala und der Universität Göteborg haben ein neues statistisches Verfahren entwickelt, um diese Lücke zu schließen. Sie untersuchten nicht nur die Zahl der an Prostatakrebs verstorbenen Patienten unter aktiver Überwachung, sondern ermittelten auch, wie viele von ihnen von der aktiven Überwachung zu anderen Behandlungen wie Strahlentherapie oder Operation übergingen, für die bereits Langzeitdaten vorliegen.

Dies ermöglichte es dem schwedischen Team, die wahrscheinlichen Ergebnisse für Männer unter aktiver Überwachung bis zu 30 Jahre nach der Diagnose zu modellieren, basierend auf der Zahl derjenigen, die zu anderen Behandlungen übergehen. Sie konnten nicht nur den Prozentsatz der Männer aufzeigen, die in diesem Zeitraum an der Krankheit sterben würden, sondern auch die Anzahl der Jahre, die sie nach der Diagnose ohne Behandlung verbringen würden.

“Echter Bruch” ab dem Alter von 60

Eugenio Ventimiglia, Urologe am San-Raffaele-Krankenhaus in Mailand (Italien) und Doktorand an der Abteilung für chirurgische Wissenschaften der Universität Uppsala (Schweden), erklärte: „Wir wollten die wirklichen Gewinner der aktiven Überwachung ermitteln, nämlich die Männer, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie an ihrem Prostatakrebs sterben, die aber auch die meisten ihrer verbleibenden Jahre ohne Behandlung verbringen werden, wenn die Krankheit sorgfältig überwacht wird.” Es läge auf der Hand, so der Urologe weiter, dass der Nutzen umso größer ist, je älter der Patient und je geringer sein Krebsrisiko. Allerdings hätten sie eine “echte Kluft” ab dem Alter von 60 Jahren festgestellt:

„Bei Männern, bei denen die Krankheit unter 60 Jahren diagnostiziert wird, ist die Wahrscheinlichkeit unter aktiver Überwachung an Prostatakrebs zu sterben, größer, und der zusätzliche Nutzen, d. h. die zusätzlichen Jahre ohne weitere Behandlung, ist sehr gering. Nach dem 60. Lebensjahr, wenn der Krebs ein geringes Risiko darstellt, ist die aktive Überwachung ein echter Gewinn: Das Modell zeigte, dass Männer zehn oder mehr Jahre ohne weitere Behandlung auskommen und nur ein geringer Prozentsatz an der Krankheit stirbt.”

Geringe Auswirkungen auf die sexuelle Funktion

Strahlentherapie oder Operation bei Prostatakrebs können zu Inkontinenz und Erektionsstörungen führen, während die körperlichen Nebenwirkungen der aktiven Überwachung minimal sind.

Andere Forschungsergebnisse, die ebenfalls auf der EAU21 vorgestellt wurden, zeigen, dass Männer, die sich einer aktiven Überwachung unterziehen, weniger Probleme mit der Sexualfunktion haben als Männer, die andere Behandlungen erhalten.

Daten der EUPROMS-Studie

Die Untersuchung stützt sich auf Daten aus der EUPROMS-Studie (Europa Uomo Patient Reported Outcome Study), der ersten Erhebung zur Lebensqualität bei Prostatakrebs, die von Patienten für Patienten durchgeführt wurde.

Knapp 3.000 Männer aus 24 europäischen Ländern, bei denen Prostatakrebs diagnostiziert wurde, haben die Umfrage zu Hause ausgefüllt. Dadurch hatten sie mehr Zeit, über ihre Antworten nachzudenken und zu berichten, wie sie sich wirklich fühlen, als bei Fragebögen, die in einer klinischen Umgebung durchgeführt werden. Die Umfrage ergab, dass weniger als 45 Prozent der Männer unter aktiver Überwachung über Erektionsprobleme berichteten, verglichen mit 70 bis 90 Prozent der Männer unter anderen Behandlungen.

Lionne Venderbos, Postdoktorandin am Erasmus MC, Rotterdam, die die Umfrageergebnisse analysierte, sagte: „Der Mangel an sexueller Funktion beeinträchtigt die Lebensqualität der Patienten mehr als jede andere berichtete Nebenwirkung. Die Umfrage zeigt, dass die aktive Überwachung von allen möglichen Behandlungsoptionen die geringsten Auswirkungen auf die Sexualfunktion hat. „Dies ist wichtig für Männer, bei denen Prostatakrebs diagnostiziert wurde, bevor sie sich für eine Behandlungsoption entscheiden. Männer, die sich für die aktive Überwachung entscheiden, haben die gleichen Überlebensraten über fünf Jahre wie diejenigen, die sich für eine Operation oder Bestrahlung entscheiden, können aber auch ihre sexuelle Funktion beibehalten.”

Active Surveillance nur in frühem Erkrankungsstadium möglich

Hendrik Van Poppel, emeritierter Professor für Urologie an der Katholieke Universiteit Leuven, Belgien, und Mitglied des EAU-Vorstands, sagte: „Wenn Männer, bei denen Prostatakrebs diagnostiziert wurde, über ihre Behandlungsoption entscheiden, ist die Lebensqualität oft der wichtigste Faktor. Wie diese Studien zeigen, hat die aktive Überwachung die geringsten negativen Auswirkungen, aber diese Behandlungsoption ist nur möglich, wenn die Krankheit in einem frühen Stadium diagnostiziert wird. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass diese Krankheit frühzeitig erkannt wird, und die Möglichkeit der aktiven Überwachung sollte Männer ermutigen, ihre Zurückhaltung zu überwinden und sich auf Prostatakrebs testen zu lassen. Prostatakrebs kann tödlich sein, aber je später die Diagnose gestellt wird, desto schwerwiegender sind auch die Behandlungsmöglichkeiten.

1. European Association of Urology, EAU2021: Monitoring proves better than active treatment for low-risk prostate cancer

Bild: © GettyImages/nortonrsx

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