12. Februar 2021

Sphinkter- und Penisprothesen: Gibt es Versorgungsdefizite? 

Urologen der Universität Dresden haben den Versorgungsstand der urologischen Endoprothetik in Deutschland analysiert: Da die Fallzahlen der Penis- und Sphinkterprothesen-Implantationen seit Jahren stagnieren, könne ausgehend von den Fallzahlen der radikalen Prostatektomien eine Unterversorgung mit urologischen Endoprothesen vermutet werden. 1

Lesedauer: 2 Minuten 

Autor: Dr. Thomas Kron

Stressinkontinenz und erektile Dysfunktion nach einer radikalen Prostatektomie sind die häufigsten Indikationen für die Implantation von Sphinkter- und Penisprothesen. Beide Systeme seien der therapeutische Goldstandard bei diesen Erkrankungen, erklären die Autoren der Studie zur Versorgungsrealität der urologischen Endoprothetik in Deutschland. 

Studiendesign 

Ausgewertet wurden DRG-Abrechnungsdaten aus dem Zeitraum von 2006 bis 2016. Die Versorgungslage im Jahr 2016 beschrieben die Autoren auf Basis der Qualitätsberichtsdaten der deutschen Krankenhäuser. 

Hauptergebnisse 

  • Von 2006 bis 2012 stieg die Zahl der implantierten Sphinkterprothesen in Deutschland von 739 auf 1112 (p < 0,001). Die Zahl der implantierenden Kliniken stieg in dieser Zeit von 129 auf 206 (p < 0,001).  
  • Von 2012 bis 2016 fielen die Fallzahlen hingegen auf 980, die Zahl der implantierenden Kliniken nahm auf 198 ab. 
  • 2016 implantierten 168 (88 %) urologische Kliniken 1 bis 9 Sphinkterprothesen und 23 (12 %) Kliniken ≥ 10 Sphinkterprothesen. Die zehn Top-Kliniken (≥20 Sphinkter) implantierten 34 % (283/839) aller Sphinkter.  
  • Von 2006 bis 2013 stieg die Zahl der implantierten Penisprothesen von 263 auf 503 (p < 0,001). Die Zahl der implantierenden Kliniken nahm in dieser Zeit von 71 auf 107 zu (p < 0,001).  
  • Zwischen 2013 und 2016 stagnierten die Fallzahl (p = 0,9) und die Zahl der implantierenden Kliniken (p = 0,5). 
  • 2016 implantierten 83 (85 %) urologische Kliniken 1–6 Penisprothesen und 14 (15 %) Kliniken ≥ 7 Prothesen. 
  • Die sieben Top-Kliniken (≥20 Prothesen/Jahr) implantierten 232/448 (52 %) der Prothesen. 
  • Die Zahl der Sphinkter- und Penisprothesen-Implantationen korrelierte nicht mit der Zahl der radikalen Prostatektomien der einzelnen Kliniken. 

Diskussion  

Nach Angaben der Dresdener Urologen zeige ihre Studie, dass die meisten Implantationen in einigen wenigen klinischen Zentren durchgeführt würden; allerdings gebe es auch viele Kliniken mit geringer Fallzahl. Dies sei insofern relevant, da bei beiden Prothesen ein relevantes Komplikations- und Revisionsrisiko bestehe und die operative Erfahrung eine entscheidende Rolle bei der Implantation spiele. 

Seit 2012/2013 stagnierten die Fallzahlen von Penis- und Sphinkterprothesen-Implantationen; in Zusammenschau mit den Prostatektomie-Fallzahlen lasse dies eine  Unterversorgung vermuten. Auch andere Studien hätten bereits Hinweise auf ein Versorgungsdefizit bei der Behandlung funktioneller Einschränkungen nach radikaler Prostatektomie geliefert,  so etwa eine Auswertung der SEER (Surveillance, Epidemiology, and End Results Program)-Datenbank in den USA; die Auswertung habe ergeben, dass von 16.348 Männern nach radikaler Prostatektomie  (RP) nur sechs Prozent eine Inkontinenz-Operation erhalten hätten.

Bei einer deutlich höheren Inkontinenzrate nach RP sei dies ein Hinweis auf eine Unterversorgung. Eine weitere Auswertung der SEER-Datenbank habe gezeigt, dass 2,3 Prozent der Patienten nach RP eine Penisprothese erhalten hätten. Eine deutsche Studie habe eine Nutzung von nur 0,3% ergeben; das Follow-up von 936 Patienten nach RP im Rahmen der HAROW-Studie habe gezeigt, dass kein einziger Patient eine Penisprothese hatte. 

Die Autoren weisen darauf hin, dass sie weder die Indikationen noch die Qualität der Versorgung „näher hätten charakterisieren können,“ da in beiden Datenbanken klinische Daten fehlten. Die Darstellung der Fallzahl einer Klinik im Jahr 2016 sei „überdies nur eine Momentaufnahme“ und könne in davor und danach liegenden Jahren variieren. 

Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf Univadis, 26.01.2021

  1. Martin Baunacke et al: Versorgungswirklichkeit der urologischen Endoprothetik in Deutschland von 2006 bis 2016; Der Urologe

Bild: © GettyImages/

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