08. Januar 2020

PSA-Screening

Mehr metastasierte Prostatakarzinome nach negativer Empfehlung in US-Leitlinie

Das generelle PSA-Screening zur Früherkennung des Prostatakarzinoms ist nach wie vor umstritten. In der US-amerikanischen Leitlinie von 2012 wurde auch bei Männern unter 70 Jahren definitiv davon abgeraten. Jetzt haben US-Forscher die Auswirkungen dieser Ablehnung untersucht und mussten einen signifikanten Anstieg der Zahl metastasierter Prostatakarzinome feststellen (J Gen Intern Med, 2019). 1,2

Lesedauer: 2,5 Minuten

2012 riet US-Leitlinie von PSA-Tests ab

In der US-Leitlinie 2012 riet die US Preventive Services Task Force (USPSTF) Männern aller Altersgruppen von einen PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs definitiv ab (Empfehlungsgrad D). Die Auswirkungen dieser Ablehnung wurden jetzt im Rahmen einer retrospektiven Studie untersucht.

Dazu wurden die Daten aller für ein Screening infrage kommenden Versicherten des Gesundheitsdienstleisters Kaiser Permanente Northern California (Oakland) im Alter zwischen 45 und 69 Jahren ohne vorherige Krebserkrankung ausgewertet. Die Arbeitsgruppe von Joseph Presti verglich dabei die Zahlen der jährlich angefallenen PSA-Tests, Prostatabiopsien, Prostatakrebsdiagnosen und Prostatakarzinom-Erstdiagnosen im Stadium IV aus den Jahren vor der geänderten Screeningstrategie (2010/2011, 451.901 Teilnehmer) mit denen nach der negativen USPSTF-Empfehlung in den Jahren 2014/2015 (522.969 Teilnehmer).

Mehr metastasierte Prostatakarzinome

Nach der Änderung der USPSTF-Empfehlungen wurden 2014/2015 insgesamt 23,4 % weniger PSA-Tests durchgeführt als in den Jahren 2010/2011. Damit einher ging ein Rückgang der Biopsieraten um 64,3 % und der Prostatakrebsdiagnosen um 53,5 % – das entsprach 1.871 weniger Fällen von diagnostizierten Prostatakarzinomen im Vergleich zum Zeitraum davor. Gleichzeitig wurde aber bei 75 zusätzlichen Patienten ein metastasiertes Karzinom festgestellt (adjustiert +36,9%). Mortalitätsraten liegen noch nicht vor.

Auf 25 nicht entdeckte (harmlose) Fälle kommt 1 metastasiertes Prostatakarzinom

Von dem starken Abfall der Prostatakrebsdiagnosen nach Änderung der Screeningstrategie haben sicher einige Männer profitiert, da viele Prostatakarzinome lebenslang indolent bleiben und Überdiagnosen und -therapien vermieden wurden. Auf der anderen Seite muss man aber den signifikanten Anstieg metastasierter Krebserkrankungen ins Kalkül zählen, betonen die Studienautoren. Auf 25 nicht entdeckte, vielleicht harmlose Prostatakarzinome kommt nach ihrer Untersuchung ein zusätzlicher Fall eines metastasierten Prostatakarzinoms. Dies sollte berücksichtigt werden, wenn es darum geht, sich für oder gegen ein PSA-Screening zu entscheiden.

Aktualisierte US-Empfehlung: Grad C

Die USPSTF hat 2018 ihre Empfehlungen zum Prostatakrebs-Screening wieder revidiert. Aktuell steht sie einem routinemäßigen PSA-Test bei Männern zwischen 55 und 69 Jahren zumindest neutral gegenüber (Empfehlungsgrad C). Für Männer über 70 Jahren wird weiterhin von einem Screening abgeraten.

Wie sind die Empfehlungen in Deutschland?

In der aktuellen S3-Leitlinie „Prostatakarzinom“ vom Mai 2019 findet sich unter dem Empfehlungsgrad A folgender Hinweis: „Männern, die nach der Aufklärung eine Früherkennungsuntersuchung wünschen, soll das Bestimmen des PSA-Wertes als Untersuchungsmethode angeboten werden.“

Zuletzt hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) seinen Vorbericht mit dem folgenden Ergebnis veröffentlicht: „Der Nutzen einer solchen Reihenuntersuchung wiegt den damit verbundenen Schaden nicht auf: Zwar nutzt das Screening einigen Männern, indem es ihnen eine Belastung durch eine metastasierte Krebserkrankung erspart oder verzögert. Im Gegenzug müssen aber deutlich mehr Männer wegen Überdiagnosen und Übertherapie mit dauerhafter Inkontinenz und dauerhafter Impotenz rechnen, und das in relativ jungem Alter.” 3,4 Den Volltext des Vorberichts finden Sie hier (PDF).

Der PSA-Test wird von deutschen Krankenkassen aktuell nicht erstattet. Gegner des PSA-Screenings befürchten eine Überversorgung. Die PROBASE-Studie mit über 45.000 Patienten will nun letzte Zweifel aus dem Weg räumen. Mehr dazu sowie das Meinungsbild Ihrer Kollegen finden Sie in unserem Beitrag „Sorgenkind PSA-Test: Großangelegte Studie will Antworten liefern”.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren

  1. Joseph Presti et al; Changes in Prostate Cancer Presentation Following the 2012 USPSTF Screening Statement: Observational Study in a Multispecialty Group Practice; J Gen Intern Med (2019).
  2. Starostzik C. PSA-Screening: Ja oder Nein? – Folgen des Hü und Hott bei der Prostatakrebs-Früherkennung; Springer Medizin, 17.12.2019
  3. Vorbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). [S19-01] Prostatakarzinom-Screening mittels PSA-Test.
  4. Pressemitteilung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Prostatakarzinomscreening mittels PSA-Test: Nutzen wiegt den Schaden nicht auf, 06.01.2020.

Bildquelle: © gettyImages/jarun011

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